Freitag, 28. Februar 2020

Reif für die Lust

Ausgabe 02/2010
Unsere Lebenserwartung steigt, wir aber verpassen uns Moralkorsetts in Sachen Sex im Alter. Auch wenn ab 50plus alles ein bisschen anders läuft: Ältere Paare sollten keine Scheu vor Sexualität haben.

Foto: Yuri Arcus - fotolia.com
Für die Liebe ist es nie zu spät – Glückshormone kennen auch keine Altersgrenze.

Die britische Schauspielerin Helen Mirren zeigt‘s vor. Im Streifen „The Queen“ präsentiert sie sich noch eher zugeknöpft. Dann ließ sie im Alter von 58 für ein Magazin die Hüllen fallen. Dieser Tage überraschte die jetzt 64-Jährige mit der Ankündigung, ein Buch schreiben zu wollen, indem sich alles nur um das Eine dreht. Mirren will auch mit den Vorurteilen der ihrer Ansicht nach puritanischen Jugend aufräumen. Denn für diese sei die Vorstellung, dass auch ihre Eltern miteinander ins Bett gehen, eine geradezu abstoßende. „Die sexuelle Reise eines Menschen endet nicht mit fünfzig und bleibt bis ins hohe Alter interessant“, so Mirren.

Aktuelle Studien belegen, dass auch alte Menschen ausgeprägte, sexuelle Bedürfnisse hegen. So sehnen sich noch drei Viertel aller über 75-Jährigen nach Zärtlichkeit und jeder Zweite hegt den Wunsch nach Geschlechtsverkehr. Tatsache ist, dass Männer wie Frauen ab etwa vierzig in eine Lebensphase eintreten, in der sich organisch und psychisch einiges bewegt. In puncto Sex steigt die Störungsanfälligkeit und es tritt zunehmende Lustlosigkeit auf. Die Summe der Veränderungen sorgt bei vielen Paaren mit 50plus für Verunsicherung. Im limbischen Zentrum unseres Gehirns – dem „Stressnerv“ – häufen sich im Laufe unseres Lebens angenehme, aber auch unangenehme Erfahrungen, die mit zunehmendem Alter negativ, als Lusthemmer in Erscheinung treten können. Organische Ursachen sind mehrheitlich im Bereich Hormonstörungen und -Veränderungen angesiedelt. Ebenso sorgen chronische Erkrankungen bedingt durch Stress, Bewegungsmangel, Übergewicht, Alkohol, Rauchen und Medikamente, bei Frauen auch Wechselbeschwerden, oft für Flauten im Liebesleben.

Hormon- & Gefühlshaushalt

Hormonell gesehen sind drei Botenstoffe dafür verantwortlich, ob die Libido befriedigend funktioniert: Das männliche Testosteron, das weibliche Östrogen und das Gelbkörperhormon Progesteron. Sinkt beim Mann der Testosteronspiegel, steigt oft das Gewicht, während das Verlangen schwindet. Ein Mangel an Östrogen bei Frauen kann etwa eine Austrocknung der Schleimhäute, auch der Scheide, bewirken. Bei hormonell bedingten Beschwerden führt kein Weg am Arztbesuch vorbei. Durch lokale Behandlung oder gezielte medikamentöse Therapien sind auch Erektionsschwierigkeiten oder vorzeitiger Samenerguss in den Griff zu bekommen. Die renommierte Wiener Sexualmedizinerin Dr. Elia Bragagna ist eine leidenschaftliche Befürworterin des aktiven Liebeslebens nach der Lebensmitte. Intimität und Zärtlichkeit dürfen ihrer Ansicht nach kein Privileg der Jugend sein. Doch wer beschließt, auch im fortgeschrittenen Alter sinnlich zu bleiben, muss sich an neue Gegebenheiten und Bedürfnisse anpassen, aber ohne Leistungsdruck. Gesünder leben hat nachgefragt, warum es nie zu spät für die Liebe ist.

Frau Dr. Bragagna, das Klischee Händchen haltender Senioren als asexuelle Wesen hält sich hartnäckig. Sex in der zweiten Lebenshälfte wird nach wie vor ausgeblendet. Warum ist das so?
Eigentlich dürften wir gar nicht altern und die Jungen nehmen die sexuell aktiven Älteren auch kaum wahr. Mir liegt viel daran, Menschen zu ermuntern, auch im Alter für Verliebtheit und Sex offen zu sein. Wir bleiben nämlich sinnliche Wesen bis zum Tod! Halten Sie sich vor Augen, dass die Quantität jetzt durch die Qualität ersetzt wird. Wer sich zu sehr einem Leistungsdruck unterwirft, begünstigt nur Erkrankungen und Sexualstörungen.


Sie haben einmal von tausend Knöpfen gesprochen, die ein erfülltes Liebesleben behindern. Verhält sich das bei reiferen Menschen etwa noch komplizierter?
Im Lauf des Lebens verändern wir uns sexuell. Die Lustlosigkeit nimmt zu und die Erregung erfolgt seltener oder langsamer, man fühlt sich nicht mehr so angezogen vom Partner. Und obwohl man über einen enormen Erfahrungsschatz verfügt, weiß man nicht so recht, wie man damit umgehen soll. Eine Schwierigkeit ist auch, dass wir mit wenigen Ausnahmen keine Vorbilder haben, etwa Promi-Paare jenseits der sechzig, die um ihre sexuelle Aktivität kein Geheimnis machen. Deshalb können wir uns auch schwer orientieren.


Werden sie in puncto Liebe im fortgeschrittenen Alter häufiger von Frauen oder Männern oder Paaren konsultiert?
Paare sind eindeutig in der Mehrheit. Es nützt auch nichts, wenn ich nur mit einem Partner rede, ich muss auch den Zweiten mit ins Boot bringen. Die meisten kommen mit eindeutigen Symptomen, wie Erektions- oder Orgasmusstörungen oder Schmerzen, die oft gar keine organische Ursache haben und dann beginne ich nachzufragen. Wenn sich etwa der Mann zurückzieht, dann geht damit oft auch der Verlust von Nähe und Zärtlichkeit einher – für beide. Sex bedeutet nicht unbedingt, den Koitus zu vollziehen, sondern auch die Haut des anderen zu spüren.


Die herrschende Sprachlosigkeit zu überwinden, ist sicher eine der größten Herausforderungen. Wie schaffen Sie es, dass Ihre Patienten frei über ihre Schwierigkeiten und Wünsche sprechen?
Das ist eigentlich ganz leicht, wenn das Gegenüber bereit dazu ist. Für viele Patienten bleibt anfangs vieles unaussprechlich, weil das geeignete Vokabular fehlt. Ich mache dann entsprechende Angebote und bringe Begriffe ins Spiel, um etwaige Verlegenheit zu lösen.


Der Verlust äußerlicher Attraktivität wird speziell von Frauen oft als Manko empfunden. Kann man sich trotz Fältchen und Problemzonen begehrenswert fühlen?
Wenn ich als Frau zu mir und meiner sinnlichen Ausstrahlung stehe, finde ich jederzeit Partner. Man kann sehr viel tun, um anziehend zu wirken und das hat nicht mit gängigen Schönheitsidealen zu tun. Manche Frauen ziehen sich in der Menopause jedoch eher zurück. Häufiges Problem ist eine trockene Scheide, hier kann jedoch Hormongabe den Östrogenmangel regulieren, und Salben und lokal eingesetzte Östrogene können die Empfindungsfähigkeit fördern. Vaginaloperationen halte ich dagegen für bedenklich.


Faktum ist auch, dass Männer jenseits der fünfzig oft mit Erektionsstörungen konfrontiert sind. Was kann man aus medizinischer Sicht dagegen tun?
Auch für viele ältere Männer ist die Penetration das Nonplusultra. Wenn er gerne Sex hat, dann bitte keine falsche Zurückhaltung üben und zu Potenzmitteln greifen. Aber nur, wenn aus ärztlicher Warte nichts dagegen spricht!


Ein erfülltes Liebesleben hält bekanntlich fit und vital und sorgt auch für seelische Balance. Ist Sex bis ins hohe Alter eine Art Jungbrunnen?
Beim Liebesakt werden zahlreiche Botenstoffe ausgesendet. Diese machen einfach glücklich und das strahlt man auch aus. Jedes Paar muss für sich herausfinden, was Freude macht – ohne Stress und Druck.



Dr. Elia Bragagna wurde 1956 in Italien geboren. Die Allgemeinmedizinerin und Ärztin für Psychosomatik lebt und praktiziert in Wien. Nach einer Ausbildung zur Sexualtherapeutin in Hamburg begründet sie 2002 die erste Sexualambulanz Österreichs am Wiener Wilhelminenspital und öffnete das Thema mit ihren Informationsabenden „Let‘s talk about sex“ erstmals einer breiten Öffentlichkeit. Von 2006 bis 2008 fungierte Bragagna als Präsidentin der österreichischen Gesellschaft für Sexualmedizin. Neben ihrer sexualmedizinischen Privatpraxis (www.eliabragagna.at) ist sie seit vergangenem Jahr auch Leiterin der neuen Akademie für sexuelle Gesundheit in Wien. Infos: www.afsg.at

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