Freitag, 22. Februar 2019

Reden wir über Sex!

Ausgabe 07-08/2009
Sexualität ist etwas sehr Persönliches und darüber zu reden gar nicht leicht. Doch genau dazu ermutigt Sexualtherapeutin Dr. Elia Bragagna ihre Patienten und rät ihnen, von Klischees Abschied zu nehmen.

Foto: Ivan Bliznetsov - fotolia.com
In den Medien wird sehr viel über Sex geschrieben und geredet. Das erzeugt aber auch den gesellschaftlichen Druck, makellos, sexuell attraktiv und immer locker sein zu müssen. Doch die Realität sieht anders aus, vor allem, wenn es Probleme mit der Sexualität gibt. Und internationalen Studien zufolge hat fast jeder Zweite einmal oder häufiger in seinem Leben solche. „Dann muss man sich eingestehen, diesem Bild nicht zu entsprechen, und darüber hinaus geht es um etwas ganz Intimes. Das macht sehr verletzlich“, weiß die Sexualmedizinerin Dr. Elia Bragagna von ihren Patienten.

  • Frau Dr. Bragagna, wie wichtig ist Sex?
Das kann ich nicht generalisiert beantworten: Jeder Mensch ist anders. Für den einen ist Sex wichtig, für den anderen nicht. Der eine kann nur so seine Liebe ausdrücken, die andere kennt auch andere Möglichkeiten, in der Beziehung für Innigkeit zu sorgen. Nicht jeder, der keinen oder wenig Sexualität lebt, hat auch gleich ein Problem.

  • Mit welchen Problemen suchen Ihre Patienten Sie auf?
Bei den Männern ist es am häufigsten der vorzeitige Samenerguss, gefolgt von Lustlosigkeit und erektiler Dysfunktion. Die Frauen klagen vor allem über Lustlosigkeit und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Meist sind die Paare schon ziemlich verzweifelt, wenn sie zu mir kommen, haben eine jahrelange Leidensgeschichte hinter sich und wollen lernen, wieder miteinander lustvolle Sexualität zu leben.

  • Sie haben einmal gesagt, dass viele Frauen gar nicht lustlos, sondern vielmehr sexuell neutral seien – was meinen Sie damit?
Die Sexualforscherin Rosemary Basson nennt Frauen, die vordergründig lustlos sind, „sexuell neutral“. Sie können mit ihrem Partner Sex haben, sie haben auch Freude daran, aber sie brauchen dazu zuerst eine gute Kontaktaufnahme. Sie wollen von ihrem Partner „gesehen“ werden, dann können sie auch gut in ihre Sexualität einsteigen. Das ist ein Zustand, der sich oft in langjährigen Beziehungen einstellt. Die Partner müssen nur wieder darauf aufmerksam gemacht werden, wie sie auf einander zugehen können.

  • Was kann hinter Sexualproblemen stecken?
Zuerst muss geschaut werden, ob ein körperliches Problem vorliegt. Auch Medikamente können eine erektile Dysfunktion (Potenzstörung) und Lustlosigkeit verursachen. Hier ist eine enge Zusammenarbeit mit Kollegen aus der Gynäkologie, der Urologie und der Inneren Medizin notwendig.

  • Warum ist das so wichtig?
Übergewicht, Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes – dies alles kann Sexualprobleme verursachen. Vor einer Sexualtherapie sollte daher versucht werden, diese Parameter abzuklären und optimal einzustellen. Viele Probleme verschwinden, wenn einige Kilos abgenommen werden, der Blutdruck oder der Zuckerwert gut eingestellt sind. Auch Schilddrüsenprobleme können sich negativ auf die Sexualität auswirken.

  • Welche Medikamente können Probleme beim Sex verursachen?
Zum Beispiel Antidepressiva, die in den Serotonin-Stoffwechsel des Gehirns eingreifen. In manchen Fällen reagieren Patienten mit sexueller Lustlosigkeit auf diese Therapie. Wenn diese gar nicht seltene Nebenwirkung auftritt, ist es sinnvoll, eine Therapieumstellung zu überlegen. Ähnliches gilt etwa auch für Antihypertensiva, also Medikamente gegen zu hohen Blutdruck.

  • Wie gehen Sie mit Ihren Patienten um?
Viele Menschen schämen sich, wenn sie über ihre Sexualität sprechen sollen – ich kann versuchen, diese Scham wegzunehmen. Vor allem verwende ich keine medizinischen Fachausdrücke, will aber auch nichts ins Vulgäre abrutschen. Ich versuche dennoch, die Dinge wirklich zu benennen und merke, dass sich die Patienten sprachlich an mir orientieren. Es liegt also an mir, entspannt zu bleiben, auch wenn mein Gegenüber rot wird.

  • Wenn keine körperlichen Ursachen vorliegen, oder nicht nur, wie verläuft dann eine Sexualtherapie?
Zuerst ist es wichtig, Druck zu nehmen: Viele Paare haben eine Unzahl von Pflichten, den Beruf, die Kinder, die Pflege älterer Angehörigen – bei einem solchen Stress ist es – fast – unmöglich, auch noch der „sexy Lover“ zu sein. Eine Sexualtherapie braucht Zeit – das muss auch dem Paar klar sein. Mit etwa 20 Stunden sollten die Betroffenen schon rechnen. Abgesehen davon müssen die Paare wieder lernen, sich zu berühren, sich zu sehen – das benötigt ebenfalls Zeit abseits der Therapiestunden. Über Streicheln und immer intensivere Berührungen, aber auch über das Miteinanderreden, finden viele Paare wieder zu einem erfüllten Sexualleben zurück.

  • Sie haben kürzlich die Akademie für Sexuelle Gesundheit gegründet. Damit wollen Sie Ärztinnen, aber auch Patienten Hilfe bieten – wie sieht diese aus?
Wir haben z.B. die Seminarreihe „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten“ gestartet. Dabei geht es um Themen wie Vorzeitiger Samenerguss & weibliche Orgasmusstörung, Lustlosigkeit bei Männern & Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Erektionsstörung beim Mann & Erregungsstörung bei der Frau sowie Sexkiller, denen wir ausgeliefert sind, und Strategien dagegen. Gleichzeitig bieten wir in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Sexualtherapie eine sexualmedizinische Grundausbildung für Ärzte an.

Infos:
www.afsg.at
Anmeldung zu den vorträgen: 0699/190 43 994

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