Sonntag, 29. November 2020

Streit muss manchmal sein

Ausgabe 12/2010-01/2011
„Ihre persönliche Streitkultur beeinflusst nicht nur Ihre Beziehungen, sondern auch Ihre Gesundheit“, sagt TV-Arzt Prof. Siegfried Meryn und empfiehlt, sich die eigenen Streitmuster genauer anzusehen.

Foto: Magdalena Tworkowska - istockphoto.com
Eine Beziehung ohne Konflikte gibt es nicht. Gerade in der Ehe oder Partnerschaft fallen viele davon sogar in die Kategorie „leider unlösbar“. Wie Studien zeigten, streiten sich die meisten Paare auch vier Jahre nach dem Zusammenfinden häufig immer noch über die gleichen Themen und Anlässe. Beziehungsforscher haben aber längst nachgewiesen, dass es für die Qualität einer Beziehung gar nicht so sehr darauf ankommt, ob und wie häufig gestritten wird, sondern wie. Wo pauschale Anklagen und untergriffige Verletzungen die Streitmuster prägen, halten die Partnerschaften selten lange. Wo Streit dagegen der Durchsetzung konkreter Bedürfnisse und der Artikulation von berechtigtem Ärger dient, müssen auch die sprichwörtlichen fliegenden Fetzen eine Beziehung nicht gefährden.

Eine gepflegte Streitkultur hält aber nicht nur die Beziehung gesund, sondern auch die Partner. 17 Jahre hat sich der US-Psychologe Ernest Harburg die Konflikte von 192 Paaren angesehen. Das 2008 veröffentlichte Resultat fiel eindeutig aus: In der Gruppe, in der beide Partner ihren Unmut übereinander hinunterschluckten, lag die Sterblichkeit bei 25 Prozent, bei allen übrigen dagegen nur bei zwölf Prozent.

Auch wenn Ratschläge im Moment der Rage nur wenig bringen, ist es wichtig, die eigenen Streitmuster anzusehen. Beziehungsforscher haben analysiert, welche fast zwangsläufig zur Trennung und welche zu mehr Beziehungsqualität führen.

Der Auftakt: Wo negativ und anklagend begonnen wird, hängt der Haussegen am Ende noch schiefer. Wer statt Kritik konkrete Beschwerden vorbringt, bringt das, was man für das Fehlverhalten des anderen hält, auf den Punkt. Und nicht mehr.

Verachtung: Wenn Sarkasmus und Zynismus den Streit prägen, kommt das selten vom ärgerlichen Anlass, sondern aus dauerhafter Frustration. Nichts zeigt deutlicher, dass Paare bereits am Anfang vom Ende ihrer Beziehung stehen. Wer hier – notfalls mit professioneller Hilfe – keinen radikalen Kurswechsel schafft, kann genauso gut gleich seine Koffer packen.

Gegenschlag: Wer, angegriffen, nur versucht, das eigene Verhalten zu erklären, darf auf Verständnis hoffen. Wer auf Vorwürfe mit Gegenvorwürfen kontert, zeigt, dass hinter dem Anlassfall ein Wust an ungelösten Problemen lauert.


Buchtipp:
"Wer gesund stirbt, hat mehr vom Leben",  Siegfried Meryn und Christian Skalnik, Ecowin Verlag, € 19,95

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