Dienstag, 02. Juni 2020

Die Last der süßen Lust

Ausgabe 06/2009
„Gibt es nach Sachertorte & Co ausreichend Bewegung“, sagt TV-Arzt Prof. Siegfried Meryn, „dürfen Naschkatzen ruhig zulangen.“

Foto: Magdalena Bujak - fotolia.com
Wenn wir an die Ernährungsgewohnheiten früherer Zeiten denken, steht rasch das Bild von Männern, die urzeitliche Tiere jagen, vor Augen. Die Wahrheit ist: Fleisch stand bei unseren Urahnen nur höchst selten auf dem Speiseplan und allein mit dem, was sich mit Speer und Bogen erjagen ließ, wäre das Überleben der Art wohl kaum sicherzustellen gewesen. Gemüse, Getreide, Früchte liefern stoffwechseltechnisch betrachtet die am leichtesten verwertbare Energie und garantieren den größtmöglichen Kraftschub.

Weil es günstig war, kräftig zuzugreifen, wann immer diese Kohlenhydrate verfügbar waren, hat sich im Lauf der Evolution eine genetisch veranlagte Lust auf Süßes durchgesetzt. Im Gehirn setzt Süßes Prozesse in Gang, die wir sonst nur von Genussmitteln oder Glückspillen aus der Pharmaküche kennen: Es beginnt, den Neurotransmitter Serotonin auszuschütten, der zu den wichtigsten Stimmungsmachern unserer Psyche zählt. Viel davon macht happy, ein Mangel führt zu Gereiztheit und Stimmungsschwankungen. Obwohl Nahrung inzwischen im Überfluss vorhanden ist, hat sich die Lust auf Süßes bis heute erhalten. Bei Frauen, das zeigten Untersuchungen, sogar noch stärker als bei Männern, weil sie generell über einen niedrigeren Serotoninlevel verfügen. Das erklärt, warum Frauen tatsächlich öfter ein mehr als emotionales Verhältnis zu Schokolade haben und auch, warum Diäten wirklich üble Laune machen können.

Neueste Untersuchungen zeigen, dass die Sucht nach Süßem anderen Süchten um nichts nachsteht: In einem Versuch bekam eine Gruppe von Ratten extrem zuckerreiche Kost. Die andere wurde mit Normalkost gefüttert, erhielt aber dafür eine tägliche Dosis Morphin. Nach einiger Zeit injizierten die Forscher beiden Gruppen einen Wirkstoff, der die Wirkung von Opioiden aufhebt. Dass die zweite Gruppe in der Folge unter starken Entzugssymptomen litt, war zu erwarten. Doch auch die kalorienreich ernährten Nager zeigten die gleichen Symptome. Zuckerreiche Kost kann also zu körperlicher Abhängigkeit führen.

Bis zum 17. Jahrhundert war Zucker so etwas wie ein Grundnahrungsmittel und in allen Gerichten zu finden. Danach galt er als gefährlicher Giftstoff und wurde an den Rand der Speisefolge ins Dessert verdrängt. Diese Zucker-Phobie hat sich bis heute gehalten. Inzwischen stellt sich aber heraus, dass Zucker zwar dick machen kann – davon abgesehen aber kein eigener Risikofaktor für die Gesundheit ist. Für Naschkatzen heißt das: Wer nach dem Schokoriegel für sportlichen Ausgleich sorgt, darf ruhig zulangen. Und wird rasch merken, dass Bewegung im Körper für genau die gleiche Sonderration Glückshormone sorgt wie Sachertorten & Co.

QUELLE & BUCHTIPP:
Wer gesund stirbt, hat mehr vom Leben, Siegfried Meryn und Christian Skalnik Ecowin Verlag € 19,95

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