Samstag, 16. Februar 2019

Pollenalarm

Ausgabe 03/2010
Sie meinen, dagegen kann man ohnehin nichts tun? Weit gefehlt. Allergie- Spezialist Univ.-Prof. Dr. Werner Aberer sagt, wie man sich schützen kann.

Foto: Trent Chambers - istockphoto.com
Etwa 900.000 Österreicher reagieren auf Pollen allergisch. Tendenz steigend. Bis zu 8.000 Pollen atmet der Mensch täglich ein, für einen Allergiker sind schon fünfzig mehr als genug. „Die Beschwerden reichen von rinnenden Nasen und tränenden Augen über Juckreiz bis hin zu Husten und Atemnot“, weiß der Grazer Allergie- Experte Univ.-Prof. Dr. Werner Aberer.

  • Herr Prof. Aberer, die erste große Belastungswelle für Pollenallergiker rollt an. Was erwartet uns?

Die Blütenpollen der Hasel und Erle schwirren bereits durch die Luft. Und Ende März kommen die Birkenpollen dazu, sofern der Winter nicht nochmals Einzug hält.

Was tut man am besten, wenn die Nase ständig läuft, ein dauernder Niesreiz quält und die Augenlider geschwollen sind?
In diesem Stadium können nur die akuten Symptome behandelt werden – am wirkungsvollsten mit modernen Antihistaminika, die den Vorteil haben, dass sie nicht mehr müde machen. Was Nasensprays mit Kortison betrifft, so wirken diese am besten, wenn der Sprühstrahl auf die noch möglichst wenig entzündeten Schleimhäute auftrifft. Ist die Nase aber schon völlig zugeschwollen, wirkt auch dieser Spray nur noch eingeschränkt. Daher: möglichst früh verwenden, damit die Schleimhäute gar nicht erst anschwellen können. Auch hier gilt: Die neuen Präparate sind um einiges sicherer und besser wirksam als noch vor wenigen Jahren.

  • Seit einiger Zeit gibt es eine Tablette bei Gräserpollenallergie. Wie wirksam ist diese Therapie?
Diese neuen Tabletten für die sublinguale Anwendung sind gut wirksam und – im Gegensatz zur Injektionstherapie – kaum mit der Gefahr schwerer Nebenwirkungen belastet und überdies sehr patientenfreundlich. Allerdings ist die Hyposensibilisierung mit Injektionen immer noch Standard, und die neuen Tabletten kommen einstweilen nur einem kleinen Teil der Betroffenen zugute, idealerweise denen mit einer alleinigen Allergie gegen Gräser- und Getreidepollen.

  • Was kann man als Pollenallergiker sonst noch tun, um sich zu schützen?
Wenn man die Möglichkeit hat, sollte man nach dem „Vermeidungsprinzip“ arbeiten, ein bisschen Urlaubsplanung machen und bestimmte Gebiete zu bestimmten Zeiten meiden. Ist das nicht möglich, so ist es in der Pollenflugsaison ratsam, sich nicht allzu viel im Freien aufzuhalten, und man sollte dort vor allem anstrengende Betätigungen sein lassen. Beim Autofahren die Fenster geschlossen halten und die Lüftung ausschalten. Pollenfilter haben sich ebenfalls als recht probat erwiesen, aber was die verschiedenen „Hausmittel“ von Wohnungslüften bis Haarewaschen, wenn man nach Hause kommt, betrifft, so muss man leider sagen, dass sie nicht besonders effektiv sind.

  • Kann man heute schon prognostizieren, wer eine Allergie entwickeln wird?
Grundsätzlich kann jeder Mensch eine Allergie entwickeln, und wir können noch nicht exakt vorhersagen, wen es treffen wird. Aber es gibt Risikopatienten, bei denen schon in der Familie Heuschnupfen, allergisches Asthma oder Neurodermitis vorliegen: Das Risiko, eine Allergie zu entwickeln, steigt auf 30 Prozent, wenn ein Elternteil Allergiker ist, und auf mehr als 60 Prozent, wenn es beide sind.

  • Immer häufiger hört man, dass Patienten mit einer Pollenallergie auch Allergien auf bestimmte Nahrungsmittel entwickeln. Warum ist das so?
Über diese sogenannten Kreuzreaktionen wurde in den 80er Jahren noch kaum berichtet, jetzt sind sie ein gängiges Problem. Warum das so ist, wissen wir noch nicht. Allerdings ist das Phänomen an sich leicht erklärlich, denn in verschiedenen Nahrungsmitteln wie vor allem Äpfeln und anderen Steinobstsorten sind Allergene enthalten, die etwa mit Birkenpollenallergenen sehr eng verwandt sind.

  • Es werden ja immer mehr Menschen Pollenallergiepatienten. Wie viele von uns trifft es wirklich?
Da muss man nach dem Lebensalter unterscheiden: Bei den Jugendlichen sind es nämlich wesentlich mehr als bei den Erwachsenen; bei ihnen kann man fast von 20 Prozent Betroffenen ausgehen. Die Erwachsenen mittleren Alters trifft es zu „nur“ rund zehn Prozent, und nach dem 50. Lebensjahr dünnt sich das Problem dann etwas aus. Insgesamt verzeichnen wir im letzten Jahrzehnt einen Anstieg dieser Erkrankungen um 30 Prozent, und die Tendenz ist weiter steigend.

  • Wie kommt es zu dieser Steigerung?
Wir wissen heute mit Sicherheit, dass Kinder, die vor jedem Schmutz bewahrt werden und in einer „klinisch reinen“ Umgebung aufwachsen, wesentlich häufiger Allergien entwickeln als andere. Wird das Immunsystem – besonders in der heiklen Phase der Kindheit, wo es „lernt“, mit Keimen und körperfremden Stoffen umzugehen – ständig abgeschirmt, so kann es eben weniger „lernen“ als das Immunsystem eines Kindes, das in einem „normalen Haushalt“ immer wieder in Kontakt mit Krankheitserregern und auch Allergenen kommt. Doch man sollte auch die verschiedenen zivilisationsbedingten Umweltbelastungsfaktoren nicht vergessen. Wir wissen, je stärker die Luft belastet, desto größer ist auch die Gefahr der Allergieentwicklung.

  • Spielt der Klimawandel eine Rolle?
Das liegt auf der Hand, denn er verlängert die Pollensaison und verstärkt damit die Pollenbelastung. Ein gutes Beispiel dafür sind die Ragweedpollen, deren Verbreitung in Österreich bisher auf die warmen Tieflagen Ostösterreichs beschränkt war und die sich nun unter anderem durch die längeren Wärmeperioden rasant weiter west- und nordwärts ausbreiten.

  • Danke für das Gespräch!

Tipp: Informieren Sie sich!
Beachten Sie als Allergiker die örtlichen Polleninformationen in den Zeitungen, im Rundfunk, Teletext und im Internet. Auf www.pollenwarndienst.at finden Sie z.B. aktuelle Informationen über Pollenverbreitung und Belastungsintensität in Österreich (Pollenkalender + Karte!).



Tipp: Tun Sie rechtzeitig etwas gegen Ihre Allergie!
Allergien haben die unangenehme Eigenschaft, sich „weiterzuentwickeln“, wenn man nichts dagegen tut. Bestes Beispiel dafür ist der von vielen Betroffenen zu oft bagatellisierte „Heuschnupfen“. Unbehandelt führt er bei einem Drittel der Allergiker nach ungefähr 5–10 Jahren zu allergischem Asthma. Suchen Sie daher frühzeitig einen Arzt auf, der feststellen kann, auf welche Pollen Sie allergisch reagieren, und der Ihnen eine für Sie geeignete Therapie empfiehlt.

  • Was steckt dahinter?
Bei wiederholtem Kontakt mit einem Allergen reagiert das Immunsystem mit einer Produktion spezifischer Antikörper und anderer Botenstoffe. Die Schleimhäute schwellen an, es wird Sekret gebildet, damit der vermeintliche „Feind“ über die rinnende Nase oder die tränenden Augen weggeschwemmt wird, und wenn das alles in der Lunge geschieht, so verengen sich dort die Bronchien, und es kommt zur gefürchteten Atemnot.

  • Warum wird die Allergie stärker?
Im Fall einer Allergie produziert das Immunsystem spezielle Antikörper, die dann im Blut zirkulieren und sich unter anderem in der Schleimhaut an den sogenannten Mastzellen festsetzen. Bei erneutem Allergenkontakt schlägt die Mastzelle Alarm und setzt ihren Inhalt – Histamin und andere Botenstoffe – frei. Dadurch kommt es zum Anschwellen der Schleimhaut, negativ wirksame Moleküle können nun leichter in die Blutbahn durchdringen. Das bedeutet auch, dass eine bestehende Allergie verstärkt werden kann.

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