Donnerstag, 23. Mai 2019

Peinliche Pein?

Ausgabe 2013/10
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Inkontinenz, Erektionsstörungen oder lautstarkes Schnarchen: allesamt Krankheiten, über die man nicht gerne spricht – aber auch keinesfalls schweigen sollte.


Foto: Can Stock Photo Inc. - 4774344sean

 

Jeden zweiten Erwachsenen stören lästige Hämorrhoiden, jeder Dritte hat irgendwann einmal Fußpilz, und einer von vier Männern leidet – sehr oft heimlich – unter sexuellen Störungen. Kein Grund, um vor Scham gleich rot zu werden: Viele für uns unangenehme Leiden sind für einen Arzt alles andere als peinlich. Bei einigen Symptomen können sogar lebensgefährliche Komplikationen drohen, wenn sie unbehandelt bleiben. „Manche Menschen verschweigen Entzündungen, körperliche Gebrechen und sogar Krebsvorstufen, geben bewusst Infektionen weiter oder verzichten aus Verlegenheit oder Angst vor Ausgrenzung auf Sozialkontakte und körperliche Nähe“, sagt Dr. Wolfgang Molnár. „Dabei gibt es gerade für diese häufigen Volkskrankheiten gut wirksame Therapien“, versichert der Allgemein- und Komplementärmediziner in Wien.

Falsche Scham. Als extrem peinlich empfinden Menschen so ziemlich alles, was die Ausscheidungsorgane des Körpers und den Genitalbereich betrifft. Verschwiegen werden auch gerne Symptome, die den Eindruck von eigenem Verschulden (Alkoholsucht), Ansteckungsgefahr (Fußpilz), vorzeitigem Altern (Haarausfall) oder drohender Hilflosigkeit (Vergesslichkeit) vermitteln könnten. „Sogar harmlose Veränderungen des Körpers wie etwa Übergewicht und Schönheitsfehler hindern viele daran, sich an ihren Arzt zu wenden“, weiß der Mediziner. „In einer Gesellschaft, die sehr viel Wert auf das Aussehen und ein tadelloses Auftreten legt, suchen sich viele lieber Tipps aus Internet-Foren oder bestellen Medikamente und Potenzmittel von dubiosen Webshops.“

Vorsicht vor Online-Beratung. Kein Wunder auch, dass Betroffene lieber zuerst den anonymen Rat von medizinischen Online-Sprechstunden suchen, die sich auf pikante Probleme wie erektile Dysfunktion, vorzeitigen Samenerguss oder Haarausfall spezialisiert haben. Bei der Konsultation können sogar intime Fotos von Erkrankungen im Genitalbereich zur Beurteilung an die Internet-Doktoren mit Sitz in England geschickt werden. Eine Entwicklung, die Dr. Molnár naturgemäß kritisch sieht. „Natürlich kommt es vor, dass Ärzte nicht immer feinfühlig genug auf die verlegenen Hinweise ihrer Patienten reagieren.“ In diesem Fall sollte der Patient seine Sorgen deutlich formulieren. Auch macht es Sinn, von vornherein einen Spezialisten für das jeweilige Problem aufzusuchen, z. B. „einen Urologen oder Sexualtherapeuten bei typischen Männerproblemen“.

Sexuelle Störungen
Jeder vierte junge Mann hat Probleme mit vorzeitigem Samenerguss, ab 40 nehmen Erektionsstörungen zu und belasten jeden dritten Mann ab 60. Frauen klagen hingegen eher über mangelnde Libido. Die Erklärung des Mediziners leuchtet ein: „Sexualität ist ziemlich störanfällig: Dauerstress, Ängste und Unsicherheit können Lust bzw. Potenz ebenso stark beeinträchtigen wie organische Erkrankungen.“  

Die Fakten: Urologen gehen davon aus, dass etwa 20 Prozent der Erektionsstörungen seelische Ursachen haben, die übrigen entstehen zumindest teilweise durch körperliche Probleme. Bei Männern sind häufig Durchblutungsstörungen der Arterien im Penis für Potenzprobleme verantwortlich. Molnár: „Diese Blutgefäße sorgen dafür, dass sich die Schwellkörper füllen. Die erektile Dysfunktion gilt somit unter anderem als Warnsignal für Kreislauferkrankungen, die später auch zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall führen können.“


Warum zum Arzt? Eine Basisuntersuchung beim Urologen kann unter anderem mögliche Risikofaktoren für eine Arterienverkalkung abklären. „Meist kann das Problem mit Medikamenten in Kombination mit einer Lebensstiländerung gelöst werden“, so Molnár. „Paare können von einer Sexualtherapie profitieren.“ Der Experte rät daher, sich unbedingt auch dem Partner oder der Partnerin anzuvertrauen.

Geschlechtskrankheiten
Unwissen und Scham verhindern leider sehr oft, dass sexuell übertragbare Krankheiten rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Damit erhöht sich das Ansteckungsrisiko für andere. Das Problem: „Einige sexuell übertragene Infektionen verlaufen ohne typische Beschwerden.“

Die Fakten: Rund 20 verschiedene Krankheitserreger können bei sexuellen Kontakten übertragen werden. Einige dieser sexuell übertragbaren Erkrankungen (STD) sind wieder auf dem Vormarsch. In Österreich wurden im Vorjahr 1.875 meldepflichtige Fälle von Geschlechtskrankheiten registriert, davon 494 Fälle von Syphilis (Lues) und 1.381 Fälle von Gonorrhoe – um die Jahrtausendwende waren es bei zweiterer noch rund 400. Man schätzt, dass ca. zehn Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens zumindest einmal Herpes oder Warzen im Genitalbereich entwickeln. Infektionen mit Chlamydien können unbehandelt zu Verklebungen der Eileiter und Unfruchtbarkeit führen. Die medizinische Erklärung für die Zunahme an STD: „HIV ist heute kein Todesurteil mehr, sondern eine behandelbare Erkrankung geworden. Dadurch wird auch Safer Sex vernachlässigt und somit anderen Geschlechtskrankheiten Tür und Tor geöffnet.“ Anders als das HI-Virus werden allerdings etliche Keime – z. B. die Humanen Papillomviren (HPV) und auch Syphilis-Bakterien – bereits durch Schleimhautkontakt, etwa beim Oralsex, übertragen.


Warum zum Arzt? Symptome wie Schmerzen, Juckreiz, Ausfluss sowie kleine Geschwüre im Genitalbereich sollte immer ein Arzt abklären. Nicht nur bei wechselnden Sexpartnern sind jährliche Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll. Viele Geschlechtskrankheiten lassen sich gut mit Antibiotika therapieren. „Wichtig ist, die Behandlung früh zu beginnen, damit sich die Infektion nicht ausbreitet“, sagt Molnár und ergänzt: „Allerdings sind einige Erreger der Harnröhreninfektion Gonorrhoe bereits gegen viele Antibiotika resistent.“

Schnarchen
Schnarchen entsteht durch Vibrationen von Weichteilen im Rachen. Weil sich die Muskulatur im Schlaf entspannt, fällt der Unterkiefer mit der Zunge nach hinten und verengt den oberen Atemweg. Abnehmende Gewebespannung oder auch individuelle anatomische Besonderheiten, Übergewicht und Alkohol am Abend verstärken die Geräusche beim Luftholen im Schlaf.

Die Fakten: Obwohl niemand gerne zugibt, dass er schnarcht, sprechen die Zahlen für sich: Nicht weniger als 60 Prozent „sägen“ lautstark in der Nacht. Ungefähr 85 Prozent der Betroffenen sind Männer. „Lautes Schnarchen bedeutet nicht nur für die Umgebung des Schnarchers ein großes Ärgernis, sondern ist ein Anzeichen dafür, dass eine Blockade im Bereich der Atemwege vorliegt“, klärt der Arzt auf. Ungefähr 200.000 Österreicher leiden an dem sogenannten „Obstruktiven Schlaf-Apnoe-Syndrom“: Dabei kommt es zu einem vorübergehenden totalen Ausfall der Atmung während des Schlafes durch einen vollständigen Kollaps der oberen Atemwege. „Schnarchende Menschen mit Atemaussetzern schlafen schlecht und sind tagsüber oft müde und unkonzentriert. Häufige und längere Apnoen vermindern die Sauerstoffkonzentration im Blut. Stresshormone werden ausgeschüttet, der Blutdruck steigt – ebenso das Risiko für Schlaganfall, Herzrhythmusstörungen und weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen.“

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