Dienstag, 26. September 2017

„Operiert wird erst zum Schluss!“

Ausgabe 2017.07-08

Gesünder Leben sprach mit Univ.-Prof. Dr. Petra Krepler, Fachärztin für Orthopädie und orthopädische Chirurgie sowie Leiterin des Wirbelsäulenteams an der Universitätsklinik für Orthopädie Wien über Entwicklungen und Veränderungen, die in ihrem Fachgebiet das letzte Vierteljahrhundert geprägt haben.


Foto: iStock-Staras

 

Rückenschmerzen kennt fast jeder: Sie gehören mittlerweile zu den häufigsten Beschwerden in Österreich und stellen nicht zuletzt den Hauptgrund für Krankenstände und Frühpensionierungen dar. Die Ursachen sind vielfältig und derart unterschiedlich, dass sowohl Betroffene als auch Mediziner oft lange für eine Abklärung brauchen. Dank großer Fortschritte, die in den vergangenen 25 Jahren im Bereich der Diagnostik und der Therapie verzeichnet werden konnten, kommen Experten den Schmerzursachen immer schneller auf
die Spur. Dadurch können auch Behandlungsmöglichkeiten maßgeschneidert werden.

GESÜNDER LEBENMit welchen Rückenbeschwerden haben wir denn heutzutage zu kämpfen?
Petra Krepler: Am häufigsten treten sogenannte unspezifische Rückenschmerzen auf, also Schmerzen, deren Ursachen sich nicht eindeutig feststellen lassen, oftmals aber auf Haltungsinsuffizienz oder muskuläre Überlastung zurückzuführen sind. Obwohl sie oft unangenehm sind, verschwinden sie in 95 Prozent aller Fälle nach einigen Tagen „von selbst“. Bei den spezifischen Rückenschmerzen wiederum teilen sich Bandscheibenschäden bzw. abnutzungsbedingte Veränderungen der kleinen Wirbelgelenke den Spitzenplatz.

GL: Gibt es hier bestimmte Risikofaktoren?
Eigentlich nicht. Abnutzungserscheinungen machen leider weder vor Alter noch vor Geschlecht halt. Zunehmend sitzende Tätigkeiten, Übergewicht und Inaktivität genauso wie Überbelastung – sowohl im beruflichen als auch im privaten Leben – fördern aber Rückenprobleme.

GL: Wie sieht es bei Kindern aus?
Rückenschmerzen bei Kindern sind immer ein Alarmzeichen und müssen medizinisch abgeklärt werden. Die Ursachen reichen hier von Haltungsfehlern – Stichwort: Smartphone-Nacken – und Bewegungsmangel über eine Fehlstellung bzw. strukturelle Veränderung der Wirbelsäule bis hin zu schweren Erkrankungen wie Entzündungen oder Tumoren.

GL: Die Gesundheit des Rückens zu fördern, wird also immer wichtiger. Welche Fortschritte gab es denn hier in den vergangenen 25 Jahren?
Fortschritte gab es einerseits in der Bewusstseinsbildung. Die Informationsflut, die aufgrund einer Vielzahl von Forschungsergebnissen auf uns zugerollt ist, hat dazu geführt, dass Präventionsmaßnahmen einen hohen Stellenwert erhalten haben. Diese fangen beispielsweise bei der Initiative „Tägliche Turnstunde“ an Schulen an und hören bei gesunden Minuten am Arbeitsplatz auf. Viele Firmenchefs sind sich mittlerweile bewusst, dass ein gesunder Rücken die Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter verstärkt und verlängert. Auf medizinischem Gebiet konnten wiederum die Behandlungsmethoden optimiert werden – sowohl bei operativen als auch bei nichtoperativen Verfahren.

GL: Inwiefern konnten operative Verfahren verbessert werden?
Operationen – so notwendig – stellen heute eine wesentlich geringere Belastung für den Patienten dar als noch vor 25 Jahren. Mit minimalinvasiven chirurgischen Verfahren ermöglicht man den Betroffenen eine rasche Genesung und verletzt dabei Haut und Weichteile so wenig wie möglich. Moderne Narkosemittel gewährleisten wiederum eine gute Verträglichkeit. Patienten können heute nach einer sogenannten Stabilisierungsoperation, bei der Wirbel fixiert und verschraubt werden, nach drei bis vier Tagen wieder zu Hause oder im Beruf ihrem Alltag nachgehen. Früher hat es oft Monate gedauert, bis man sich dazu in der Lage gefühlt hat. Schließlich musste man dabei mitunter ein Gipskorsett tragen, um den Heilungsprozess zu forcieren. Korrekturen an der Wirbelsäule waren darüber hinaus ein oft lebensgefährlicher Prozess. Heute hingegen sind das Standard-Eingriffe.

GL: Wird heute weniger oft operiert?
Grundsätzlich wird immer dann operiert, wenn alle anderen alternativen Verfahren ausgeschöpft wurden bzw. wenn Nervenstrukturen irritiert sind oder zu wenig Platz haben, also zum Beispiel bei Bandscheibenschäden oder starken Abnutzungserscheinungen. Heute kann man Indikationen besser und genauer stellen. Es wird nur dann operiert, wenn es eine mechanische Ursache gibt und man davon ausgeht, dass sich durch die Operation das Wohlbefinden verbessert. Vom vorschnellen Operieren ist man sicherlich abgewichen. Dank verbesserter Diagnosemethoden, mit denen man den Schmerzverursacher besser lokalisieren und festnageln kann, können nun auch die Therapiekonzepte individuell angepasst und spezifiziert werden.

GL: Inwiefern wurden Diagnose-Tools verbessert?
Wichtige nichtinvasive Untersuchungsverfahren wie Computer- und Magnetresonanz-Tomografien wurden modernisiert und bieten nun eine noch bessere Auflösung, wodurch schmerzverursachende Übeltäter schnell entlarvt werden können.

GL: Welche Alternativen gibt es zur Operation?
Eine ganze Menge. Bei chronischen Kreuzschmerzen ist die multimodale Behandlung die erste Wahl. Das heißt, dass man alle Therapiemöglichkeiten – von physikalischer Therapie über Medikamenteneinnahme bis zu psychischen Bewältigungsstrategien – in Erwägung zieht, um dem Patienten zu helfen. Multimodale Behandlungskonzepte gibt es dank der Aufarbeitung und Analyse von wissenschaftlichen Daten seit etwa zehn Jahren. Wissenschafter gehen davon aus, dass Rückenbeschwerden oft facettenreiche Ursachen haben und die Behandlung daher aus mehreren Mosaiksteinen bestehen muss. Diese Erkenntnis hat u. a. zur interdisziplinären Erarbeitung und Einführung von evidenzbasierten Richtlinien – sowohl auf europäischer als auch auf österreichischer Ebene – geführt.

GL: Welche Entwicklung hat die Schmerzmedikation erfahren?
Ebenfalls eine große. Die Pharmaindustrie hat Medikamente auf den Markt gebracht, die ein wesentlich besseres Nebenwirkungsprofil besitzen. Entzündungshemmer belasten beispielsweise den Magen weniger. Morphinartige Medikamente machen wiederum weniger benommen und eignen sich auch für ältere Menschen.

GL: Gibt es auch Veränderungen im Bereich der physikalischen Therapie?
Ja, mit physikalischen Anwendungen, gezielten Übungen oder Heilmassagen können spezifische wie unspezifische Rückenschmerzen besser behandelt werden. Laserakupunktur oder Stoßwellentherapien legen noch ein Scherflein nach. Zudem hat man auch erkannt, dass osteopathische und chiropraktische Maßnahmen eine wertvolle Ergänzung darstellen können. Nichtsdestotrotz bleibt der Körper immer noch der Körper. Regenerationsprozesse brauchen ihre Zeit. Das Regenerationspotenzial hat sich in den letzten 25 Jahren nicht verändert. Die Zeit zur Erholung muss man ihm einfach geben.


GL: Welche Rolle spielt denn die Psyche bei der Entstehung von Rückenschmerzen?
Eine sehr große. Auch darauf ist man in den letzten 25 Jahren gekommen. Wir vermitteln den Patienten, dass sich auch psychischer Stress in der Wirbelsäule widerspiegeln kann und dass es nichts Stigmatisierendes ist. Betroffene sollen also keine Minderwertigkeitsgefühle entwickeln, wenn sie im wahrsten Sinn des Wortes große Lasten mit sich schleppen. Multimodale Therapiekonzepte integrieren daher auch Gesprächstherapien – wir betrachten den Menschen in seiner Ganzheit.

GL: Wo besteht Ihrer Meinung nach noch Aufholbedarf?
Im Bereich der Rehabilitation. Es wäre schön, wenn sich die Anzahl an ambulanten Rehab-Einrichtigungen erhöhen würde, um einen Beitrag für die Volksgesundheit zu leisten und alltagsbegleitende Therapien zu ermöglichen. Bis dato gibt es von diesen Institutionen, die auf multimodale Behandlungen ausgerichtet sind, eindeutig zu wenig.

GL: Was wird sich in den nächsten 25 Jahren ändern?
Ich bin davon überzeugt, dass sich Operationsmethoden weiter verbessern werden und die Möglichkeit des Gewebsersatzes, zum Beispiel für die Bandscheibe, die Zukunft prägen wird. Seit vielen Jahren wird im Rahmen eines intensiven Forschungsprogramms am natürlichen Ersatz der Bandscheibe gearbeitet. Das ist nicht so leicht, weil die Bandscheibe u. a. in ihrer Ernährung sehr langsam ist, keine eigene Blutversorgung hat und – ganz wichtig – ihre Wasserbindungskapazität auf künstlichem Weg sehr schwer herzustellen bzw. nachzubilden ist. Aber: Ich bin mir sicher, dass sich dieses Zukunftsprojekt in den nächsten zehn Jahren realisieren lässt.

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