Mittwoch, 20. Februar 2019

Nur keine Panik!

Ausgabe 2018.04
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Wenn Angst zum ständigen Begleiter wird, leiden viele Betroffene still. Dabei erzielen Therapien bei Angsterkrankungen gute Erfolge. Je früher sie begonnen werden, desto besser. Ein Leitfaden für Betroffene und deren Angehörige.


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Was haben Goethe, Cäsar oder Winona Ryder gemeinsam? Sie litten alle an einer Angststörung. Wie ihnen geht es Schätzungen zufolge bis zu 15 Prozent der Österreicher – etwa auch Inge K. Allerdings:  Wie und wann es begann, weiß sie nicht mehr. Sie ist schon immer ein nachdenklicher Mensch gewesen. Doch irgendwann waren sie plötzlich immer da, diese Sorgen. „Kommt mein Kind gesund von der Schule nach Hause?“, „Wird uns der Kredit irgendwann in große Not stürzen?“, „Ist mein Job wirklich sicher?“ – diese und viele andere Gedanken ließen sie abends nicht einschlafen und nachts aufschrecken. Tagsüber kreisten die Sorgen über ihr wie eine dunkle Wolke. „Ich spürte diese Enge in der Brust, das Atmen fiel mir schwer und ich sah die Zukunft nur noch in dunklen und düsteren Farben vor mir“, erinnert sich die 46-jährige Bankangestellte. So wie Inge K. geht es Schätzungen zufolge rund einer Million Österreichern: Sie leiden an einer Angststörung. „Im Grunde ist Angst eine sinnvolle Reaktion. Ohne sie wäre die Menschheit längst ausgestorben“, erklärt Dr. Michael Stuller, Psychotherapeut, Arzt und Leiter des Angstzentrums in Wien. „Bei unseren Vorfahren machte es durchaus Sinn, Angst vor wilden Tieren oder Naturereignissen zu haben, und auch heute bewahrt uns Angst vor gefährlichen Situationen. Problematisch wird es aber, wenn Angst krankhaft wird, wenn sie einem ständig im Nacken sitzt und das Leben beeinträchtigt.“

Massive Beeinträchtigung der Lebensqualität. Drei solcher Angsterkrankungen gibt es, klassifiziert werden diese mit dem internationalen ICD-10-Code. Am bekanntesten sind Phobien, die anlass-, situations- oder objektbezogen auftreten. „Spinnen, Höhe, Tunnel, Lifte, Menschenmassen, leere Plätze – es gibt nichts, wovor man nicht Angst haben kann“, erklärt Stuller. „Der Vorteil dieser Angststörung ist, dass man vor ihr ausweichen kann, das ist aber auch gleichzeitig ihr Nachteil. Denn viele Betroffene richten ihr Leben dahingehend aus, die angsteinflößenden Situationen zu vermeiden.“ Das schränkt nicht nur die Lebensqualität massiv ein. Die Angsterkrankung bleibt damit auch unbehandelt und kann sich im Laufe der Zeit verstärken. Trifft man doch einmal plötzlich auf die Ursache der Phobie, treten die Auswirkungen umso massiver auf. Es kommt zu körperlichen Symptomen wie Herzklopfen oder Schwächegefühl, die häufig von sekundären Ängsten vor dem Sterben, Kontrollverlust oder dem Gefühl, wahnsinnig zu werden, begleitet werden. „Oft reicht allein die Vorstellung, dass die phobische Situation eintreten könnte, um Erwartungsangst zu erzeugen“, so Stuller. Phobien können den Alltag massiv einschränken. So haben Agoraphobiker Angst davor, das Haus zu verlassen, Geschäfte zu betreten, alleine mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen oder sich in Menschenmengen zu begeben. Menschen, die unter einer sozialen Phobie leiden, haben wiederum Furcht vor der prüfenden Bewertung anderer Menschen, was oft zu einer Vermeidung sozialer Situationen führt. „Gerade in der heutigen Zeit, wo wir jedes Hotel, jeden Arzt, jeden Service auch online bewerten, nehmen solche Phobien zu“, so der Psychotherapeut.

Plötzliche Attacke. Während bei Phobien Ängste durch Situationen, Anlässe oder Objekte hervorgerufen werden, treten Panikstörungen ganz unerwartet auf. Betroffene verspüren plötzliches Herzrasen, Schweißausbrüche und Erstickungsgefühle, sie haben Todesangst. „Kommen diese Menschen in die Notaufnahme, passiert oft ein grober Fehler in der Diagnosenmitteilung: Der Patient hört vom Arzt: ‚Ihnen fehlt nichts.‘ Aber das ist falsch. Den Betroffenen fehlt organisch nichts, doch sie leiden an einer Panikstörung mit Panikattacken“, so Stuller. Panikattacken im Zuge einer Panikstörung kehren in unregelmäßigen Abständen wieder. Besonders schlimm wird es, wenn Panikattacken gemeinsam mit Agoraphobie auftreten, der Experte nenn dies das „Worst-Case-Szenario“: „Eine Panikattacke kann zur Phobie werden, etwa wenn sie erstmals auf der Autobahn auftritt. Der Betroffene fährt ab und beruhigt sich wieder. Einige Monate später passiert es wieder – wieder auf der Autobahn. Bald wird der Gedanke aufkommen, von nun an Autobahnen zu meiden, um Panikattacken zu entgehen.“ Umgekehrt kann eine ausgeprägte Phobie auch in einer Panikattacke enden – etwa wenn die Flucht schwierig erscheint oder der Angstpatient die Situation als ausweglos empfindet. Panik-attacken sind furchteinflößend, sie vergehen aber in der Regel so plötzlich wieder, wie sie erscheinen. Das ist bei der generalisierten Angststörung anders: Sie ist gekommen, um zu bleiben. „Diese Erkrankung ist am schwersten zu diagnostizieren, denn alle Menschen machen sich irgendwann Sorgen. Drehen sich die Gedanken aber nur noch um Sorgen über Dinge, die vielleicht in der Zukunft auftreten könnten, und gibt es körperliche Begleiterscheinungen wie ständige Nervosität, Zittern, Muskelspannung, Schwitzen, Herzklopfen, Schwindelgefühle oder Oberbauchschmerzen, dann sollte man sich untersuchen lassen.“

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