Freitag, 20. September 2019

Nüchtern betrachtet

Ausgabe 02/2011
Der Gspritzte und das kleine Bier sind Teil der österreichischen Kultur. Suchtexperten fordern nicht die totale Abstinenz, mahnen aber zu moderatem Genuss. Gesünder Leben schenkt Ihnen reinen Wein ein.

Foto: fotolia.com - dpaint
Kein Geburtstag, keine Hochzeit, Taufe oder Beerdigung ohne ein Gläschen in Ehren – und es darf auch mehr sein. In etwa 39 Liter Wein, 1,7 Liter Schnaps und 128 Liter Bier nehmen Herr und Frau Österreicher pro Jahr zu sich – in höchst privatem wie auch offiziellem Rahmen. 96 Prozent der Österreicher finden, dass ein gewisser Alkoholkonsum festliche Anlässe krönt, für 90 Prozent gehört er zum Treffen mit Freunden außer Haus einfach dazu. Und über die Trinkgewohnheiten in den eigenen vier Wänden wird meist geschwiegen. „Wir leben hier in einem riesigen Wirtshaus, wo alle trinken und Abstinenz eher die Ausnahme ist“, sagt Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, ärztlicher Leiter des Wiener Anton-Proksch- Instituts (API), Europas größter Suchtklinik, wo unter anderem auch Alkoholsucht behandelt wird.

Vom Schwips bis zum Blackout
Doch warum ist der Griff zum Glas für uns eigentlich so unwiederstehlich? Alkohol – genauer gesagt Äthanol oder Äthylalkohol – entspannt, schmeckt und hebt die Stimmung. Wir verspüren gesteigerten Tatendrang, Redseeligkeit und Glücksgefühle. Kein Wunder: Alkohol setzt jene Botenstoffe frei, die zum Belohnungssystem gehören. Dopamin, Serotonin und Endorphine sorgen förmlich für einen Glücksrausch nach dem ersten Schluck. Doch Garantie für die gute Laune gibt es keine, vor allem, wenn mehr als ein Gläschen in Ehren geleert wird. Mitsteigendem Alkoholgehalt im Blut kann die Stimmung auch ins Gegenteil kippen: von aggressiv bis depressiv. Denn je tiefer ins Glas geschaut wird, desto mehr werden die Ausschüttung der „Glückshormone“ sowie alle Gehirnaktivitäten gebremst. Nüchtern betrachtet, reden wir schließlich verwaschen oder lallen, gehen unsicher oder torkeln, sehen einfach unscharf bis doppelt – und haben bei all dem das Gefühl, alles bestens im Griff zu haben.

Gute & schlechte Nachrichten
Da beruhigen die stets kolportierten Meldungen, dass moderater Alkoholkonsum – vor allem Rotwein – das Herz schützen und jung halten soll. Erwiesen ist tatsächlich ein günstiger Effekt auf die Blutgefäße. Alkohol erhöht das sogenannte „gute“ HDL-Cholesterin, das dafür sorgt, dass sich weniger „schlechtes“ LDL-Cholesterin in den Gefäßen ablagert und diese schädigt. Somit verringert Alkohol theoretisch das Risiko z.B. eines Herzinfarkts – will man diesen positiven Effekt allerdings wirklich auskosten, heißt es dafür, nur am Gläschen zu nippen. Denn in den meisten Studien zeigen sich die positivsten Effekte bei sechs Gramm Alkohol pro Tag. Zum Vergleich: Ein Achtel Wein entspricht zehn Gramm Alkohol.

Dass Alkohol Gift für den Körper ist, weiß jeder, der schon ein Gläschen zu viel getrunken hat. Und bei regelmäßigem Promille-Genuss beschränken sich die Wirkungen von Alkohol daher leider nicht auf den Schutz vor Herzerkrankungen. Es gibt kaum ein Organ, das als Spätfolge eines Dauerkonsums nicht geschädigt wird: Nervensystem, Leber, Magen-Darm-Trakt, Bewegungsapparat, Blutbildung usw. Erhöhter Blutdruck und Fettstoffwechselstörungen machen potenziellen Herzschutz zunichte, und es steigt das Krebsrisiko – bei Magen-, Darm- und Brustkrebs sogar gleich um das Zehnfache. Dazu Spezialist Musalek: „Alkohol ist ein Zellgift, doch erst die Dosis macht das Gift.“

Ab wann heißt es also aufpassen, so man durch mehr oder weniger edle Tropfen nicht seiner Gesundheit schaden will? „Die sogenannte Harmlosigkeitsgrenze liegt bei täglich 24 Gramm für Männer und 16 Gramm für Frauen.“ Dies entspreche den internationalen Empfehlungen. Suchtexperte Musalek empfiehlt dennoch: „Probieren Sie, zumindest zwei alkoholfreie Tage pro Woche einzuhalten, und machen Sie einmal im Jahr eine längere Alkoholpause.“ Denn die bittere Wahrheit ist: Steter Tropfen höhlt den Stein. Ob Ihr Alkoholkonsum bereits kritisch ist, können Sie im Selbsttest überprüfen.

Feuchte Zahlen & Fakten
Neben Nikotin ist Alkohol die Volksdroge Nummer eins. „Rund 330.000 Österreicher“, so Musalek, „sind alkoholkrank, mehr als doppelt so viele mit einem regelmäßigen Alkoholkonsum über der sogenannten Harmlosigkeitsgrenze akut gefährdet.“ Mit einem fünfprozentigen Anteil an Alkoholkranken in der Bevölkerung liegt Österreich im europäischen Spitzenfeld. „Bei den 15- bis 16-Jährigen, die zehnmal oder öfter im Monat Alkohol trinken, nehmen wir sogar den wenig ehrenhaften zweiten Platz ein.“ Jugendalkoholismus sei zwar derzeit besonders aktuell, aber auch die Alkoholprobleme von älteren Menschen und von Frauen haben in den letzten Jahrzehnten ähnlich stark zugenommen, warnt der Experte.

Wer wird süchtig?
Alkoholprobleme betreff en Männer und Frauen aller Altersstufen und sozialer Schichten – es gibt nicht den begnadeten Trinker, der vor der Sucht gefeit ist. Musalek: „In Wahrheit kann jeder alkoholkrank werden, wenn er nur lange und regelmäßig genug viel trinkt.“ Kritisch wird Alkoholkonsum dann, wenn er nicht zum Genuss, sondern als Selbstmedikation eingesetzt wird – „wenn man sich erst nach einem Schluck ausgeglichen und wohl fühlt und wenn man ohne Alkohol nicht mehr fröhlich und gesellig sein kann“, erklärt Musalek. „Alkohol ist sicher das Psychopharmakon, das am häufigsten eingenommen wird. Untersuchungen zeigen, dass gerade beim Vorliegen einer Depression das Risiko einer Alkoholkrankheit um das mindestens Zwei- bis Dreifache erhöht ist. Umgekehrt leiden bis zu 75 Prozent der Alkoholkranken unter depressiven Symptomen.“

Wie ist der Zusammenhang? Alkohol löst im niedrigen Dosisbereich Angst, euphorisiert und lindert so Stimmungstiefs. Musalek: „Aber irgendwann tritt der umgekehrte Effekt ein. Denn bei chronischem Konsum wirkt Alkohol depressionsauslösend oder -fördernd. Betroff ene versuchen also oft, regelrecht den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.“ Schlittern Risikotrinker immer mehr in die Abhängigkeit, werden neben den gesundheitlichen Schäden auch die sozialen Folgen immer gravierender: Probleme in der Familie und am Arbeitsplatz, Verlust von Führerschein, Freunden und Bekannten führen häufig in eine schier auswegslose Situation.

Leben mit der Alkoholkrankheit
Im „großen Wirtshaus Österreich“ wird die hochprozentige Selbstmedikation vom Verdauungsschnapserl bis zum Reparaturseidel leicht gemacht. „Weil alle trinken, ist Alkohol nicht tabuisiert“, sagt Musalek, „außer es hat jemand ein Alkoholproblem, dann wird derjenige rasch stigmatisiert und ausgegrenzt.“ Das ist auch der Grund, weshalb Betroffene erst spät Hilfe in Anspruch nehmen, nämlich im Schnitt erst nach zwei bis fünf Jahren. In eine Suchtklinik kommen die meisten überhaupt erst nach fünf bis zehn Jahren. „Die Früherkennung der Suchtkrankheit stellt noch immer das Hauptproblem dar. Der Alkoholkrankheit wird von vielen in unserer Gesellschaft noch immer der Status einer Krankheit abgesprochen, sie wird stattdessen als selbstverschuldetes asoziales Verhalten angesehen. Vermeintlich folgerichtig wird dann auch vom Kranken gefordert, dass er „sich nur zusammenreißen brauche, womit natürlich auch schon das Scheitern des Suchtkranken vorprogrammiert ist“, kritisiert Suchtexperte Musalek.

In der Behandlung der Alkoholkrankheit beschreitet man daher heute andere Wege als noch vor wenigen Jahren, als nur ein abstinenter Ex-Alkoholiker als Therapieerfolg galt. „Fordern wir von unseren Patienten lebenslange Entsagung, stellen wir damit eine kaum erfüllbare Utopie in den Raum, die nicht nur der Kranke selbst, sondern auch wir alle nicht erfüllen können.“ Musaleks Credo: „Für dauerhafte Veränderungen ist Zwang nicht zielführend. Nicht der Verzicht auf das eine, sondern der Genuss und die Freude am anderen sollen im Vordergrund stehen.“

Das Orpheus-Programm
Genau darauf basiert auch das von Musalek und seinem Team entwickelte Behandlungskonzept am Anton-Proksch- Institut in Kalksburg. Seit 2009 wird Alkoholkranken dort unter dem klingenden Namen „Orpheus-Programm“ nicht nur Therapie, sondern ein neues Lebenskonzept angeboten. Orpheus bezwang die schier unwiderstehlichen Sirenenklänge durch die Freude am eigenen Gesang und Musik. Musalek: „Orpheus machte einfach die bessere Musik. Was ich damit sagen will: Alkoholabstinenz ist zwar wichtig, aber ein freudvolles Leben, das am Ende der Therapie stehen soll, ist noch wesentlich wichtiger.“

Dazu bietet das Anton-Proksch-Institut Patienten neben dem üblichen, medikamentös unterstützten Entzug sowie gruppen- und einzelpsychotherapeutischer Behandlung verschiedene Module an: von Körperwahrnehmungs- bis zu Philosophiegruppen, Schreib- und Musikgruppen und Kinotherapie sowie Wanderungen – die Möglichkeiten, neue Freude in sich selbst zu entdecken, sind vielfältig und höchst individuell. Für Alkoholkranke geht es darum, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren und ihre Prioritäten so zu setzen, dass das Suchtmittel ganz von selbst nach hinten rutscht. Suchtexperte Musalek ist überzeugt: „Je schöner ich mein Leben gestalte, desto mehr Freude habe ich und desto stärker bin ich.“


Wenn die Promille steigen …
Vom Schwips bis zum Blackout: Unser Promille-Barometer zeigt Ihnen, wie sich ein steigender Blutalkoholspiegel auswirkt.

  • AB 0,2 PROMILLE – ANGEHEITERT
Stimmung heiter bis entspannt, Geschicklichkeit und Leistung bereits beeinträchtigt.

  • AB 0,5 PROMILLE – LEICHTER RAUSCH
Stimmung lustig oder gereizt-aggressiv oder depressiv-müde, Reaktionsvermögen, Seh- und Konzentrationsfähigkeit sinken, Gleichgewichtssinn und Koordination sind
beeinträchtigt, Enthemmung.

  • AB 1 PROMILLE – MITTLERER RAUSCH
Gefühl der Betrunkenheit, Gleichgewichts-, Hör- und Sprachstörungen (Lallen), Verlust des Erinnerungsvermögens und der motorischen Koordination.

  • ÜBER 2,5 PROMILLE – SCHWERER RAUSCH
Betäubung, schwere Störung von Orientierungsvermögen und Gedächtnis.

  • ÜBER 3,5 PROMILLE – VOLLRAUSCH
Bewusstlos, schwere Alkoholvergiftung. Das alkoholische Koma (lebensgefährlich!) beginnt meist ab 4 Promille.

Achtung Autofahrer: In Österreich dürfen Sie sich mit bis zu 0,5 Promille hinter das Steuer setzen, ohne mit gesetzlichen Konsequenzen rechnen zu müssen. Ein Blick auf unser Promille-Barometer zeigt Ihnen, nüchtern ist anders – mehr sollte es also wirklich nicht sein!



Die Dosis macht’s
International gesehen sind sich Mediziner ziemlich einig, welcher Alkoholkonsum unbedenklich ist und ab wann die Gesundheit gefährdet wird.
  • HARMLOSIGKEITSGRENZE
20 g reiner Alkohol pro Tag – das entspricht 1/2 l Bier oder 1/4 l Wein oder 3 kleinen Schnäpsen

DAZU DIE EMPFEHLUNG DER MEDIZINER:
Männer dürfen mit 24 g / Tag etwas mehr trinken,
Frauen sollten mit 16 g / Tag etwas weniger trinken


  • GEFÄHRDUNGSGRENZE
Mengen, die langfristig der Gesundheit schaden:
Frauen: 40 g reiner Alkohol pro Tag (zwei ½ Bier oder zwei ¼ Wein)
Männer: 60 g reiner Alkohol pro Tag (drei ½ Bier oder drei ¼ Wein)


Hilfe bei Alkoholproblemen
Eine umfangreiche Liste von Erstanlaufstellen, Ambulanzen, Kliniken und Therapieeinrichtungen finden Sie nach Bundesländern geordnet im Internet auf www.api.or.at/akis unter „Hilfs- und Behandlungsmöglichkeiten für Alkoholkranke“.


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