Nie wieder Schmerzen!

Ausgabe 2018.11

Wird der Schmerz trotz Behandlung zu einem dauerhaften Wegbegleiter, bedeutet das eine massive Einschränkung der Lebensqualität. Doch es gibt Hoffnung! In der Multimodalen Schmerztherapie werden unterschiedliche Therapieformen vereinigt, dazu gehören etwa Kraft-, Entspannungs- und Genusstrainings, psychologische Gespräche und eine Neujustierung der Medikation. Damit das Leben lebenswerter wird!


Foto: iStock-870048184_Nattakorn Maneerat

Unfassbare 1,8 Millionen Österreicher leiden an chronischen Schmerzen, denen großteils Wirbelsäulen- und Nackenprobleme sowie Arthrose zugrunde liegen. Rund eine Million Krankenstandstage sind auf chronische Schmerzen zurückzuführen, die sich so schlimm äußern, dass es einige Betroffene morgens nicht mehr aus dem Bett schaffen. Ein Drittel der Menschen mit ständiger Pein ist sogar gänzlich berufsunfähig. „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr diese Leute psychisch unter ihren Schmerzen leiden. Nicht nur die Ausübung des Jobs fällt schwer, sie kerkern sich auch privat zunehmend ein, trauen sich nicht mehr alleine hinauszugehen und vereinsamen sukzessive“, schildert Prim. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, MSc, Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Schmerztherapie am Klinikum Klagenfurt.

Ist die Multimodale Schmerztherapie etwas für mich?

Schmerzbilder, für die sich die Multimodale Schmerztherapie eignet:

• chronische postoperative Schmerzen
• chronische Kopf- und Gesichtsschmerzformen (Migräne, Spannungskopfschmerz, Cluster-Kopfschmerzen u. a.)
• chronische neuropathische Schmerzen (Trigeminusneu-ralgie, Post-Zoster-Neuralgie, Phantomschmerzen, zentrale Schmerzsyndrome u. a.)
• Postlaminektomiesyndrom
• chronische Schmerzsyndrome der Wirbelsäule

In vier Wochen (nahezu) schmerzfrei
Schmerzen, ob große oder kleine – ein jeder kennt sie. Doch wenn man das Gefühl bekommt, sie nie wieder loswerden zu können, wenn selbst die höchste Schmerzmitteldosis statt Linderung bloß für Appetitlosigkeit und schlechte Leberwerte zu sorgen scheint, ist die Verzweiflung grenzenlos. Mit der Multimodalen Schmerztherapie, wie sie etwa unter Primarius Likar am Klinikum Klagenfurt am Wörthersee angeboten wird, ist endlich Linderung in Sicht. „Viele kennen diese Therapieform nicht und wissen wenig mit dem Begriff anzufangen. Nun, es bedeutet, dass eben mehrere Modalitäten zusammenarbeiten: schmerztherapeutisch, psychologisch und physikalisch. Für jeden, der zu uns kommt, wird ein maßgeschneiderter Therapieplan entwickelt, den er in rund vier Wochen bei uns ambulant absolviert“, erklärt der erfahrene Intensivmediziner. In Österreich wird in zahlreichen Spitälern und Anstalten die Multimodale Schmerztherapie als stationäre Behandlungsform angeboten. Klagenfurt geht einen anderen Weg, denn hier sind die Betroffenen nur von 8 bis 15 Uhr in Therapie, anschließend können sie in ihr Hotel gehen, nach Hause zu ihren Familien fahren oder sogar noch arbeiten. „Das ist wichtig, denn sie sollen sich nicht als Patienten wahrnehmen und sich auch nicht abends im Krankenzimmer gegenseitig ihr Leid klagen. Davon wird der Schmerz nur schlimmer. Wenn sie die Klinik am Nachmittag verlassen, nach draußen gehen und wieder ganz sie selbst sind, dann können sie daraus extra Kraft schöpfen“, macht Likar deutlich.

Schmerzfrei dank zahlreicher Profis

Das Einzigartige an der Multimodalen Schmerztherapie ist die Zusammenarbeit verschiedenster (medizinischer) Fachrichtungen, darunter:

• Ärzte (z. B. aus Anästhesie, physikalischer Medizin, Schmerztherapeuten)
• Psychologen
• Physiotherapeuten
• Ergotherapeuten
• Sozialarbeiter
• medizinische Ernährungsberater

Wirksam bei Rücken-, Gelenks-, Muskel- und Kopfschmerzen
Die Behandlungsform der Multimodalen Schmerztherapie eignet sich vor allem für Betroffene mit andauernden Schmerzen im Rücken, in Gelenken, in Muskeln, im generellen Skelettapparat oder im Kopf. Vermutet man, dass die Multimodale Schmerztherapie für einen selbst infrage kommen könnte, meldet man sich ganz einfach beim Klinikum Klagenfurt, woraufhin man bereits nach etwa einem Monat einen Termin bekommt. Vor dem Behandlungsstart werden alle Anwärter von einem erfahrenen Schmerzexperten gescreent. Das bedeutet: Mittels Fragen, Einsicht in bestehende Befunde und diverser Tests stellt der Spezialist genau fest, um welche Art von Schmerzen es sich konkret handelt, seit wann diese auftreten, wann, wie oft und vor allem in welchen Körperregionen sie zu spüren sind, welche Ursachen zugrunde liegen und wie es mit der Medikamenteneinnahme momentan aussieht. Anschließend werden gemeinsam mit dem Schmerzleidenden Ziele ermittelt. „Ich muss ehrlich sagen, stellt sich während dieser Erstaufnahme heraus, dass der Betroffene seine Medikamente gar nicht wirklich verringern oder absetzen möchte, sondern sein Wunsch bloß die Frühpension darstellt, dann müssen wir ihm leider den Platz verwehren. Unser Konzept ist nur etwas für jene, die wirklich den Willen haben, dass ihre Daseinsqualität verbessert wird und sie wieder aktive Teilnehmer des alltäglichen Lebens werden“, erklärt Primarius Likar. Kostenpunkt übrigens: Wenn man einen Therapieplatz in einem öffentlichen Klinikum, wie in Klagenfurt, erhält, dann übernehmen – je nach Bundesland – diverse Gesundheitsfonds, Pensionsversicherungen und Krankenkassen den preislichen Aufwand.


 

Umfangreicher Therapie-Stundenplan
Hat man nun als Anwärter das Glück, für die Multimodale Schmerztherapie geeignet zu sein, erhält man einen umfangreichen, perfekt auf einen selbst ausgearbeiteten Behandlungsstundenplan, den es rund ein Monat lang einzuhalten gilt. Die „Unterrichtsgegenstände“ sind diffizil und erscheinen zu einem Teil vollkommen logisch und zum anderen etwas wunderlich. Likar: „Ganz klassisch, wie meist in allen medizinischen Belangen, spielt natürlich moderates Ausdauertraining eine Rolle – hier eignet sich beispielsweise Nordic Walking wunderbar. Aber auch spezielle Krafttrainings für den gesamten Bewegungsapparat, unter Anleitung von Ergo- und Physiotherapeuten, sind Teil der Therapie. Diätologen geben außerdem Ernährungstipps, denn so manchem würde es nicht schaden, ein paar Kilos abzunehmen und mal auf das ein oder andere Bier zu verzichten.“ In sogenannten Acceptance Commitment Trainings mit Psychologen (auf Deutsch „Akzeptanztherapie“) werden den Patienten Strategien beigebracht, wie sie mit Schmerz – sollte dieser auftreten – umgehen können, ohne daran zu zerbrechen. Gedanken und Gefühle gilt es zu akzeptieren und Werte, die in den Hintergrund gerückt sind, wieder in den Mittelpunkt zu stellen wie: dass das Leben lebenswert ist, selbst, wenn nicht jeder Tag schmerzfrei sein kann. So stehen auch Genuss- und Achtsamkeitstrainings an der Tagesordnung. In jenen wird erlernt, wie man sich selbst als Person wieder mehr zu schätzen und zu pflegen weiß und wie man seine persönlichen Wünsche wahrnimmt. „Der Großteil der Menschen, der bei uns Hilfe sucht, muss erst wieder lernen, sich selbst zu lieben und wertzuschätzen. Ist das geschafft, dann ist bereits ein großer Schritt getan. Denn man glaubt gar nicht, welch große Rolle die Psychosomatik in Bezug auf die Schmerzbewältigung spielt“, ergänzt Likar.

Buchtipps

buch2Multimodale schmerztherapie bei Chronischen Kopfschmerzen:

Interdisziplinäre Behandlungskonzepte
von Günther Fritsche und Charly Gaul
Verlag: Thieme, € 29,99

 

buch4Chronischer Schmerz:

Schulmedizinische, komplementärmedizinische und psychotherapeutische Aspekte
von Martina Sendera und Alice Sendera
Verlag: Springer, € 46,26

 

buch3Mehr Aktivität - weniger schmerz!?:

Aktive ultimodale Schmerztherapie versus physiotherapeutisch-physikalische Therapie bei chronischen Rückenschmerzen!
von Christoph Andreas Oratsch
Akademikerverlag, Preis: 23,60

Lernen, sich selbst zu therapieren
Nach rund vier Wochen sollten die Personen deutlich schmerzgelinderter sein als vor Beginn der Therapie. Die darin erfahrenen „Überlebensstrategien“ sollten jedoch weiterhin in den Alltag integriert werden. Man hat sozusagen gelernt, sich weiterhin, Tag für Tag, selbst zu therapieren. Nach drei und sechs Monaten gibt es nochmals ein paar Auffrischungstage, die das Erlernte im Gedächtnis nochmals festigen sollen. Bestenfalls benötigen die ehemaligen Schmerzpatienten keine weiteren Behandlungen mehr, da sie nun selbst am besten wissen, was im Fall des Falles zu tun ist. Kehrt die peinigende Verzweiflung doch eines Tages zurück, kann die Multimodale Schmerztherapie wiederholt werden.

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