Montag, 20. Mai 2019

Neue Waffen gegen Krebs

Ausgabe 2019.02
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Krebs zählt nach wie vor zu den schwerwiegendsten Erkrankungen. Neue Forschungsergebnisse und innovative Behandlungsmethoden geben jedoch Patienten neue Hoffnung. Ein Überblick über den Stand der Therapien und der Forschung.

 


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Es ist eine sehr spannende Zeit, Onkologe zu sein!“ Wenn Univ.-Prof. Dr. Matthias Preusser über die neuen Errungenschaften der Krebstherapie spricht, tut er das mit Begeisterung. „Man kann generell sagen, dass sich die Onkologie im absoluten Umbruch befindet. Wir bewegen uns extrem rasant, und das Schönste daran ist, dass dieses neue Wissen auch direkt bei unseren Patienten ankommt“, erklärt der Universitätsprofessor für Internistische Onkologie und Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie an der Medizinischen Universität Wien. „Die neuen Therapieformen und Diagnosemöglichkeiten, die in den letzten Jahren erforscht wurden, helfen uns dabei, Betroffene besser behandeln zu können. Und laufend kommen neue Ergebnisse dazu.“ Auch wenn es sich bei Krebs weiterhin um eine sehr ernste Erkrankung handelt, gelingt es immer besser, sie zu behandeln – und Nebenwirkungen zu verringern. Gerade in den letzten Jahren konnten in vielen Bereichen der Krebstherapie bahnbrechende Forschungsergebnisse erzielt werden. GESÜNDER LEBEN stellt die vielversprechenden neuen Ansätze und Methoden vor.

Mit den eigenen Waffen bekämpfen
Eines der erfolgreichsten Schlachtschiffe im Kampf gegen Krebs ist die Immuntherapie. „Schon lange weiß man, dass Krebsgeschwüre auch Immunzellen enthalten und dass es eine offensichtliche Interaktion zwischen der Erkrankung und unserem körpereigenen Abwehrsystem gibt“, erklärt Preusser. Unklar war jedoch, warum die vorhandenen Immunzellen die schädlichen Krebszellen nicht angreifen, sondern gewähren lassen. Jahrzehntelang versuchten Forscher, das Rätsel zu lösen, das Immunsystem auf verschiedene Arten zu stimulieren und so abzurichten, dass es Krebszellen erkennt und zerstört. Die Theorie galt als großer Hoffnungsschimmer in der Krebsbehandlung, erzielte jedoch nur wenige Erfolge. „Der Durchbruch kam im Jahr 2011, als die ersten Immun-Checkpoint-Inhibitoren zur Behandlung von Melanomen eingesetzt wurden“, so Preusser. Checkpoints sind wie Kontrollstationen des Immunsystems, die auf spezifischen Abwehrzellen sitzen und die Aufgabe haben, eine zu starke Immunantwort abzubremsen, auch um Autoimmunerkrankungen vorzubeugen. Einige Krebszellen machen sich diese Immunsystembremse zunutze, tarnen sich damit und können so unkontrolliert und unentdeckt vom Immunsystem wachsen. „Checkpoint-Inhibitoren lösen diese Bremse, aktivieren das Immunsystem und leiten die Zerstörung der Krebszellen ein“, erläutert der Onkologe.

Erfolgreiche Kombinationen
Neben den Checkpoint-Hemmern gibt es noch weitere vielversprechende Aspekte der Immuntherapie, die weltweit erforscht werden, wie etwa Impfungen. Dabei werden nach den neuesten Errungenschaften der Molekularbiologie spezielle Eiweißstoffe durch Syntheseverfahren im Labor produziert, die als Krebsimpfstoff angewendet werden sollen. Auch sogenannte Zytokine kommen im Rahmen der Immuntherapie bereits zum Einsatz. Darunter versteht man Zellhormone, die als Botenstoffe des Immunsystems wirken und nun durch spezielle Herstellungsverfahren auch als Medikamente zur Verfügung stehen. „Diese Formen der Immuntherapie werden derzeit vor allem in Kombination mit Checkpoint-Inhibitoren erforscht“, so Preusser. „Beispielsweise die Verbindung von Krebsimpfung und Checkpoint-Inhibitoren: Die Impfung soll dem Immunsystem sagen, wie die Krebszelle aussieht und welche Eigenschaften sie hat, und die Checkpoint-Hemmer sollen es stärken“, so Preusser. Ein weiteres vielversprechendes Verfahren, das Immuntherapie mit den neuesten Erkenntnissen der Gentherapie kombiniert, ist die Behandlung mit CAR-T-Zellen: Dabei werden Immunzellen des Patienten entnommen, im Labor genetisch verändert und wieder eingesetzt. Die Immunzellen werden auf diese Weise neu programmiert und weisen nun die besondere Eigenschaft auf, Krebszellen zu erkennen, die dem Radarsystem unserer körpereigenen Abwehr bisher entgangen waren. Noch sind die Methoden der Immuntherapie nicht für alle Krebspatienten geeignet. Besonders gute Ergebnisse werden zwar schon bei Haut-, Lungen-, Nieren- und Blasenkrebs sowie Tumoren des HNO-Bereichs erzielt, aber auch hier sprechen nicht alle Patienten gleich gut auf die Behandlung an. „Derzeit erzielt die Immuntherapie bei rund 15 bis 20 Prozent jener Patienten, die dafür infrage kommen, gute Erfolge“, so Preusser.

Weg vom Gießkannenprinzip
Der Onkologe spricht damit eine weitere Erkenntnis der jüngeren Krebsforschung an. Lange Zeit wurden alle Betroffenen einer bestimmten Krebsart auf dieselbe Weise behandelt. Seit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms im Jahr 2003 ist aber eine andere Herangehensweise auf dem Vormarsch, die sogenannte „personalisierte Medizin“, die auch als „Präzisionsmedizin“ bezeichnet wird. Das Ziel dieser auf den Einzelnen zugeschnittenen Medizin: Herauszufinden, welche Therapie für den jeweiligen Patienten am besten geeignet ist. Denn: Krebs ist nicht gleich Krebs. Tumorzellen weisen unterschiedliche genetische und biologische Eigenschaften auf. Um die optimale Behandlung herauszufinden, werden Krebszellen auch genetisch unter die Lupe genommen. „Das Tumorgewebe wird genau analysiert, um festzustellen, welche Genveränderung den Krebs antreibt. Bei Lungenkrebs-Patienten ist das beispielsweise häufig eine sogenannte EGFR-Mutation. Im zweiten Schritt wird dann jenes Medikament eingesetzt, das diese Veränderung anspricht.“ Mithilfe der gen- und molekularbiologischen Erkenntnisse der letzten Jahre können nun auch anatomische Grenzen aufgebrochen werden. Denn heute weiß man: Einzelne molekulare Veränderungen und Oberflächenrezeptoren können für unterschiedliche Tumorerkrankungen verantwortlich sein. Wurde zuvor der Tumor nach dem Organ seiner Entstehung therapiert, versucht man heute, anhand der molekularbiologischen Eigenschaften des Tumors seine Subklassen zu entschlüsseln, um diese mit der passenden Wirkstoffkombination zu behandeln.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Neue Waffen gegen Krebs
Seite 2 Einfacher Bluttest statt chirurgischer Eingriff

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