Neue Therapie für MS-Patienten

Ausgabe 2018.09

Die Krankheit kommt schleichend und verschlechtert sich stetig: Rund 2.000 Österreicher sind von der primär progredienten multiplen Sklerose betroffen. Lange gab es für sie keine adäquate medikamentöse Therapie. Ein neuer Wirkstoff gibt Betroffenen nun Hoffnung.


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Wolfgang S. dachte sich zunächst nicht viel, als er Probleme beim Gehen bemerkte. „Mein linkes Bein wirkte nach einer gewissen körperlichen Anstrengung wie Gartenarbeit etwas schwächer als das rechte, ich humpelte deshalb leicht. Aber ich maß dem Ganzen zuerst nicht viel Bedeutung bei“, erinnert sich der Wiener an den Sommer 2017. Als die Symptome sich jedoch nicht besserten, suchte der 52-Jährige einen Arzt auf – und hielt kurze Zeit später die Diagnose in Händen: primär progrediente multiple Sklerose (PPMS), die seltenste Form der chronisch-entzündlichen ZNS-Erkrankung. Während ein Großteil der Patienten an der schubförmig remittierenden MS (RRMS) leidet, ist rund jeder Zehnte bis Fünfzehnte von PPMS betroffen – und damit von einer Erkrankung, die schleichend beginnt und kontinuierlich schlechter wird. „Gerade das führt auch dazu, dass die Patienten erst spät einen Neurologen aufsuchen“, erklärt Dr. Assunta Dal-Bianco. „Dieser langsame, kontinuierlich schlechter werdende Verlauf, das typische PPMS-Merkmal, ist pathophysiologisch bedingt durch die chronisch niederschwellige Entzündung mit Freisetzung von Sauerstoffradikalen, Eisenansammlungen, Schädigungen der Mitochondrien (Energielieferanten) etc. meist hinter intakter Blut-Hirn-Schranke“, erläutert die Neurologin der Medizinischen Universität Wien. Ebenso typisch für die progrediente MS sind lymphfollikelartige Konvolute, die der Hirnrinde aufliegen und durch die Freisetzung entzündungsfördernder Substanzen zur Entmarkung der Hirnrinde führen. „Diese sogenannten kortikalen Entzündungsherde können sich im Alltag als kognitive Defizite wie verlangsamte Informationsverarbeitung, Aufmerksamkeitsdefizit, reduzierte Konzentration und Merkfähigkeit, Müdigkeit (Fatigue) etc. zeigen“, erklärt die Neurologin. Die Langzeitfolge dieses entzündlichen, neurodegenerativen Prozesses: Das Hirnvolumen nimmt stetig ab. Noch ist nicht bekannt, wodurch die Krankheit ausgelöst wird. „Es ist jedenfalls wie so oft ein multifaktorielles Zusammenspiel aus Genetik, Umwelteinflüssen und immunologischen Faktoren“, so Dal-Bianco.

Info PPMS

Die primär progrediente MS ist die seltenste Form von multipler Sklerose. Sie tritt bei 10 bis 15 Prozent der Patienten und durchschnittlich erst im 40. Lebensjahr auf. Männer und Frauen sind bei der PPMS gleich häufig betroffen. Statt in Schüben schreitet die PPMS langsam, dafür aber kontinuierlich voran.

Erste Anzeichen. Das häufigste Symptom ist eine fortschreitende Schwächung der unteren Gliedmaßen mit spastischen Lähmungserscheinungen, die bei 80 % der Menschen mit PPMS beobachtet werden kann. Weitere häufig auftretende Symptome sind Koordinationsschwierigkeiten und Gleichgewichtsstörungen, Blasenfunktionsstörungen und chronische Müdigkeit. „Viele Patienten klagen über eine Inkontinenz, die sich oft in einem imperativen Harndrang äußert: Betroffene haben das Gefühl, sehr rasch eine Toilette aufsuchen zu müssen, und schaffen es aufgrund ihrer Gangstörung etc.  jedoch oft nicht rechtzeitig dorthin“, so Dr. Dal-Bianco.

Rasche Diagnose wichtig. Eine frühzeitige Behandlung ist wichtig, um dem Verlauf der Krankheit so gut wie möglich entgegenzuwirken. Darum: Erste Symptome rasch von einem Neurologen abklären lassen! „Die Diagnose erfolgt nach einer Vielzahl von Untersuchungen, wie einem  ausführlichen Patientengespräch, der neurologisch-klinischen Untersuchung, der MRT von Gehirn und Rückenmark, einer Lumbalpunktion sowie einer Sehnerv-Untersuchung “, erklärt die Medizinerin.

Neue Behandlungsmethode. Bisher konnten Beschwerden von PPMS-Patienten nur kurzfristig und hoch dosiert bei unmittelbarer Verschlechterung mittels Kortisonstoßtherapie behandelt werden. Ein neuer Wirkstoff gibt nun Grund zur Hoffnung für eine langfristig wirksame Therapie. Bisherige Studien zeigen, dass sich bei mit dem Arzneimittel Behandelten das Fortschreiten der Krankheit signifikant verlangsamt hat. Auch in Österreich ist dieser neue Wirkstoff bereits zugelassen und verfügbar.


 

Neue Hoffnung dank neuer Therapie
Auch wenn noch nicht geklärt ist, wie die primär progrediente MS ausgelöst wird, gehen Forscher davon aus, dass spezielle B-Lymphozyten – eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen – wesentlich zur Schädigung der Markscheiden und der darunter liegenden Nervenzellfortsätze, der sogenannten Axone, beitragen. Genau hier setzt eine neue Behandlungsmethode an, die Betroffenen Grund zur Hoffnung gibt, denn bislang gab es für diese Form der MS keine Therapie. „Dieser Wirkstoff dockt an diese B-Lymphozyten an, zerstört diese und reduziert sie auf ein Minimum“, so die Medizinerin. Studienergebnisse belegen erste Erfolge. So untersuchte eine Studie das Fortschreiten der Behinderung an 732 Patienten mit PPMS. Im Vergleich zu einer Placebogruppe verminderte sich bei den mit dem Antikörper behandelten Patienten das Risiko des Fortschreitens der klinischen Behinderung signifikant um 25 Prozent. In vielen europäischen Ländern wird dieser neue Wirkstoff bereits den Patienten zur Verfügung gestellt und von den Krankenkassen bezahlt. In Österreich finden dazu gerade entsprechende Gespräche statt.

Alternative Behandlungsmöglichkeiten
Wolfgang S. ist einer jener Patienten, die bereits mit dem neuen Wirkstoff behandelt werden. „Im April erhielt ich die erste Infusion, alle sechs Monate erfolgt eine weitere. Untersuchungen sollen zwischendurch die Wirksamkeit des Arzneimittels kontrollieren“, erläutert der Patient. Zugute kommt dem Geschäftsmann, dass seine Erkrankung relativ rasch diagnostiziert wurde. „Das ist der springende Punkt“, erklärt Dr. Dal-Bianco. „Je früher Patienten zum Arzt gehen, desto eher kann man dem chronischen Entzündungsprozess und der damit verbundenen kontinuierlichen Verschlechterung entgegenwirken. Das Ziel ist, Hirnvolumen so lange wie möglich zu erhalten.“ Neben der medikamentösen Behandlung helfen auch andere Alternativen wie Physio- und Ergotherapie, neuropsychologisches Training oder Logopädie Betroffenen dabei, Funktionen möglichst lange zu erhalten. Auch Wolfgang S. beschäftigte sich bereits kurz nach der Diagnose mit diesen Möglichkeiten: „Ich bin generell ein stoischer Mensch und halte es nach dem Motto, jene Dinge, die man nicht ändern kann, zu akzeptieren“, erklärt der Wiener seine Philosophie. „Ich kann mir die Krankheit nicht wegwünschen, aber ich kann mich erkundigen, was ich unternehmen kann, um die Symptome zu lindern.“ In seinem Fall sind das etwa tägliche 20-minütige Spaziergänge, Gymnastikübungen und Stretching. Auch mit Tai-Chi hält sich der 52-Jährige, so gut es geht, körperlich fit, die Psyche unterstützt er mit Meditation. „Die mentale Belastung einer chronischen Erkrankung darf man nicht unterschätzen“, ergänzt auch die Neurologin. Sie rät Patienten deshalb auch häufig, vor allem in der Anfangszeit, psychologische Betreuung in Anspruch zu nehmen. „Ansonsten empfehlen wir den Patienten, ihrem Leben mit all seinen Wünschen  und Vorhaben wie bisher nachzukommen.“ Das tut auch Wolfgang S., der noch mitten im Berufsleben steht und für seinen Job wöchentlich mehrmals fliegt. „Da der Verlauf schleppend stattfindet, fällt es mir bisher auch nicht so auf, dass sich meine körperliche Verfassung verschlechtert hat. Erst wenn ich meine Situation mit jener von vor einigen Monaten vergleiche, bemerke ich, dass das eine oder andere nicht mehr so geht wie früher“, erzählt der 52-Jährige. Unterkriegen lässt er sich von seiner Diagnose jedoch nicht: „Ich habe meine Krankheit akzeptiert!“

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