Sonntag, 22. September 2019

Neue Therapie für MS-Patienten

Ausgabe 2018.09
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Die Krankheit kommt schleichend und verschlechtert sich stetig: Rund 2.000 Österreicher sind von der primär progredienten multiplen Sklerose betroffen. Lange gab es für sie keine adäquate medikamentöse Therapie. Ein neuer Wirkstoff gibt Betroffenen nun Hoffnung.


Foto; © iStock-stock_colors

Wolfgang S. dachte sich zunächst nicht viel, als er Probleme beim Gehen bemerkte. „Mein linkes Bein wirkte nach einer gewissen körperlichen Anstrengung wie Gartenarbeit etwas schwächer als das rechte, ich humpelte deshalb leicht. Aber ich maß dem Ganzen zuerst nicht viel Bedeutung bei“, erinnert sich der Wiener an den Sommer 2017. Als die Symptome sich jedoch nicht besserten, suchte der 52-Jährige einen Arzt auf – und hielt kurze Zeit später die Diagnose in Händen: primär progrediente multiple Sklerose (PPMS), die seltenste Form der chronisch-entzündlichen ZNS-Erkrankung. Während ein Großteil der Patienten an der schubförmig remittierenden MS (RRMS) leidet, ist rund jeder Zehnte bis Fünfzehnte von PPMS betroffen – und damit von einer Erkrankung, die schleichend beginnt und kontinuierlich schlechter wird. „Gerade das führt auch dazu, dass die Patienten erst spät einen Neurologen aufsuchen“, erklärt Dr. Assunta Dal-Bianco. „Dieser langsame, kontinuierlich schlechter werdende Verlauf, das typische PPMS-Merkmal, ist pathophysiologisch bedingt durch die chronisch niederschwellige Entzündung mit Freisetzung von Sauerstoffradikalen, Eisenansammlungen, Schädigungen der Mitochondrien (Energielieferanten) etc. meist hinter intakter Blut-Hirn-Schranke“, erläutert die Neurologin der Medizinischen Universität Wien. Ebenso typisch für die progrediente MS sind lymphfollikelartige Konvolute, die der Hirnrinde aufliegen und durch die Freisetzung entzündungsfördernder Substanzen zur Entmarkung der Hirnrinde führen. „Diese sogenannten kortikalen Entzündungsherde können sich im Alltag als kognitive Defizite wie verlangsamte Informationsverarbeitung, Aufmerksamkeitsdefizit, reduzierte Konzentration und Merkfähigkeit, Müdigkeit (Fatigue) etc. zeigen“, erklärt die Neurologin. Die Langzeitfolge dieses entzündlichen, neurodegenerativen Prozesses: Das Hirnvolumen nimmt stetig ab. Noch ist nicht bekannt, wodurch die Krankheit ausgelöst wird. „Es ist jedenfalls wie so oft ein multifaktorielles Zusammenspiel aus Genetik, Umwelteinflüssen und immunologischen Faktoren“, so Dal-Bianco.

Info PPMS

Die primär progrediente MS ist die seltenste Form von multipler Sklerose. Sie tritt bei 10 bis 15 Prozent der Patienten und durchschnittlich erst im 40. Lebensjahr auf. Männer und Frauen sind bei der PPMS gleich häufig betroffen. Statt in Schüben schreitet die PPMS langsam, dafür aber kontinuierlich voran.

Erste Anzeichen. Das häufigste Symptom ist eine fortschreitende Schwächung der unteren Gliedmaßen mit spastischen Lähmungserscheinungen, die bei 80 % der Menschen mit PPMS beobachtet werden kann. Weitere häufig auftretende Symptome sind Koordinationsschwierigkeiten und Gleichgewichtsstörungen, Blasenfunktionsstörungen und chronische Müdigkeit. „Viele Patienten klagen über eine Inkontinenz, die sich oft in einem imperativen Harndrang äußert: Betroffene haben das Gefühl, sehr rasch eine Toilette aufsuchen zu müssen, und schaffen es aufgrund ihrer Gangstörung etc.  jedoch oft nicht rechtzeitig dorthin“, so Dr. Dal-Bianco.

Rasche Diagnose wichtig. Eine frühzeitige Behandlung ist wichtig, um dem Verlauf der Krankheit so gut wie möglich entgegenzuwirken. Darum: Erste Symptome rasch von einem Neurologen abklären lassen! „Die Diagnose erfolgt nach einer Vielzahl von Untersuchungen, wie einem  ausführlichen Patientengespräch, der neurologisch-klinischen Untersuchung, der MRT von Gehirn und Rückenmark, einer Lumbalpunktion sowie einer Sehnerv-Untersuchung “, erklärt die Medizinerin.

Neue Behandlungsmethode. Bisher konnten Beschwerden von PPMS-Patienten nur kurzfristig und hoch dosiert bei unmittelbarer Verschlechterung mittels Kortisonstoßtherapie behandelt werden. Ein neuer Wirkstoff gibt nun Grund zur Hoffnung für eine langfristig wirksame Therapie. Bisherige Studien zeigen, dass sich bei mit dem Arzneimittel Behandelten das Fortschreiten der Krankheit signifikant verlangsamt hat. Auch in Österreich ist dieser neue Wirkstoff bereits zugelassen und verfügbar.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Neue Therapie für MS-Patienten
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