Montag, 27. Mai 2019

Neue Hoffnung im Kampf gegen Krebs

Ausgabe 2018.02
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Die Präzisionsmedizin ermöglicht den Kampf gegen Tumore immer präziser – und erfolgreicher – zu führen. GESÜNDER LEBEN blickt gemeinsam mit einem der weltweit führenden Krebsspezialisten, Christoph Zielinski, auf die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und zeigt, warum Krebspatienten und ihre Angehörige Grund zur Hoffnung haben.


Foto: iStock-sanjeri

Jährlich erkranken rund 39.000 Menschen in Österreich an Krebs, etwa 17.000 Betroffene erliegen der heimtückischen Krankheit mit mehr als 200 verschiedenen Ausprägungen. Heilbar sind diese in vielen Fällen noch immer nicht, die 5-Jahres-Überlebensrate steigt jedoch, wie eine aktuelle Statistik des „Surveillance, Epidemiology, and End Results Program (SEER)“ in den USA zeigt. Diese vergleicht Zahlen aus den Jahren 1975 bis 1977 mit jenen aus 2006 bis 2012 und kommt zu dem Ergebnis, dass sich die fünfjährige Überlebensrate von Krebserkrankungen im Durchschnitt von 50,5 auf 66,4 Prozent gesteigert hat. Für manche Erkrankungen wie Prostata- und Schilddüsenkrebs liegt sie sogar bei fast 100 Prozent. Verantwortlich dafür sind immer zielgerichtetere Therapien, die unter dem Sammelbegriff „Personalisierte Medizin“ seit Jahren für Schlagzeilen sorgen.

Präzisionsmedizin als Erfolg. „Der Begriff ist etwas irreführend“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Christoph Zielinski, Leiter des Comprehensive Cancer Center an der Medizinischen Universität Wien und dem AKH sowie wissenschaftlicher Leiter des Vienna Cancer Center. „Er legt nämlich nahe, dass wir Betroffene bisher nicht personalisiert behandelt haben, und das stimmt natürlich nicht. Ich spreche daher lieber von Präzisionsmedizin“, so der führende österreichische Experte auf diesem Gebiet.  Gemeint ist, die eigentliche Ursache einer Erkrankung zu identifizieren, um die bestmögliche Therapie für den Patienten zu ermöglichen: Die richtige Behandlung mit der richtigen Dosis zum richtigen Zeitpunkt für den richtigen Patienten. Der erste große Durchbruch auf diesem Gebiet gelang, als Wachstums-Rezeptoren als eine mögliche Ursache für die Entstehung von Krebs identifiziert werden konnten. „Wir haben herausgefunden, dass Tumore nach ganz bestimmten Signalwegen funktionieren. Die Zellen eines Organismus empfangen laufend Signale aus ihrer Umgebung. Eiweißmoleküle an der Zelloberfläche registrieren diese Signale und leiten sie dann ins Innere der Zelle weiter, wo sie aufgenommen, interpretiert und verarbeitet werden. Entgleist dieser Prozess, entstehen Krankheiten wie etwa Krebs“, erklärt der Onkologe. „Eine Art Antenne auf der Zelle lässt Wachstumsrezeptoren aus der Umgebung andocken. Diese geben der Zelle das Signal zu wachsen. Die Folge: Die fehlgeleitete Zelle reagiert mit ungehemmten Wachstum, der Tumor entsteht und breitet sich rasch aus.“

Erste Erfolge bereits in den 70er-Jahren. Während in vielen Bereichen der Medizin noch nach dem Motto „One size fits all“ behandelt wird, kam es im Bereich der Onkologie durch diese Entdeckung schon vor vielen Jahren zur ersten maßgeschneiderten Therapie. „Bereits in den späten Jahren des 19. Jahrhunderts entdeckte man in den USA den Zusammenhang zwischen Hormonrezeptoren und Brustkrebs“, erläutert Zielinski. In den 1960er-Jahren zeigten Untersuchungen, dass die Tumorzellen bei einem großen Teil der Patientinnen diese Antennen enthielten, an die Geschlechtshormone andocken konnten und so das Krebswachstum anregten. „Damals erfolgte die erste zielgerichtete Krebstherapie, indem man einen Wirkstoff einsetzte, der das Andocken der Krebszellen und damit deren Wachstum verhinderte.“ 1984 entdeckte man mit HER2/neu einen weiteren sogenannten Oberflächen-Rezeptor, der bei etwa 20 Prozent aller Brusttumoren das Wachstumssignal an das Zellinnere weitergibt. Bedeutete ein HER2/neu-überexprimierendes Mammakarzinom damals noch besonders schlechte Überlebenschancen, ist es heute medikamentös besonders gut behandelbar.

Jenseits anatomischer Grenzen. Dank des medizinischen Fortschritts können Tumorarten heute molekularbiologisch aufgeschlüsselt werden. Eine Methode, der eine weitere bahnbrechende Erkenntnis zur Entstehung von Krebszellen zu verdanken ist: „Durch molekulare Veränderungen können treibende Mutationen entstehen, fehlgeleitete Moleküle im Inneren einer Zelle, die die Tumorerkrankung anfeuern“, erklärt Zielinski. „Präzisionsmedizin bedeutet, diese feuernden Moleküle aufzuspüren, um sie dann mit der passendsten Kombination von Medikamenten zu behandeln. Ziel ist es, das Molekül selbst oder die darunterliegenden Moleküle zu blockieren, um die Weiterleitung des Wachstumssignals zu stoppen.“ Dabei werden anatomische Grenzen aufgebrochen. Denn heute weiß man: Einzelne molekulare Veränderungen und Oberflächenrezeptoren wie HER2/neu können für unterschiedliche Tumorerkrankungen verantwortlich sein. Wurde zuvor der Tumor nach dem Organ seiner Entstehung therapiert, versucht man heute anhand der molekularbiologischen Eigenschaften des Tumors seine Subklassen zu entschlüsseln, um diese mit der passenden Wirkstoffkombination zu behandeln.

Mutationen wirken unterschiedlich. So groß der Wissensstand heute ist, viele komplexe Probleme müssen noch entschlüsselt werden. So feuert meist nicht nur eine Mutation die jeweilige Tumorerkrankung an, sondern mehrere. Zudem sind Mutationen zwar bei verschiedenen Tumoren auffindbar, haben jedoch nicht überall dieselbe biologische Wirksamkeit. Während zum Beispiel die BRAF-Mutation beim malignen Melanom, dem schwarzen Hautkrebs, in fast 50 Prozent aller Fälle vorkommt und mit zwei Medikamenten sehr gut behandelbar ist, findet man die Mutation auch beim Gallengangkarzinom. Dort jedoch funktioniert die medikamentöse Beeinflussung nicht. Ähnlich ist es mit dem Rezeptor HER-2/neu, dessen Behandlung mit Antikörpern bei einem Fünftel aller Brustkrebsfälle zu positiven Ergebnissen führt. Derselbe Rezeptor ist auch bei einem Blasentumor auffindbar, die Behandlung zeigt dort jedoch keine Wirkung.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Neue Hoffnung im Kampf gegen Krebs
Seite 2 Drei Methoden im Kampf gegen Tumore

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