Donnerstag, 21. Februar 2019

Neue Hoffnung für (Pollen-)Allergiker

Ausgabe 2018.03
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In Österreich sind rund 1,6 Millionen Menschen von Allergien betroffen. GESÜNDER LEBEN zeigt, wie vor allem Pollenallergiker gut durch die Saison kommen. Und zeigt, welche revolutionären Behandlungsmethoden schon bald Allergikern massiv helfen werden.


Foto: iStock-AdrianHillman

Brennende, gerötete Augen, die jucken und kribbeln, die Nase verstopft und laufend, Husten- und Nies-Attacken, Hautausschläge, Atemnot, Kopfschmerzen und Müdigkeit: Diese und viele andere Symptome kennen rund 25 Prozent aller Österreicher nur zu gut, denn sie leiden an einer Form von Allergie – einer Überempfindlichkeit gegenüber körperfremden Stoffen. „Bei einer Allergie erkennt das Immunsystem nach wiederholtem Kontakt mit bestimmten Stoffen diese als fremd und bedrohlich“, erklärt Prof. Dr. Christian A. Müller, Leiter der Ambulanz für Allergie, Riech- und Schmeckstörungen der Medizinische Universität Wien. „Obwohl diese sogenannten Allergene für den Organismus nicht schädlich sind, antwortet das Immunsystem auf die vermeintlich gefährlichen Eindringline mit der Aktivierung eines Abwehrprozesses und der Bildung spezifischer Antikörper.“ Ist das Immunsystem durch den Erstkontakt mit dem Allergen sensibilisiert, wird diese Erinnerung gespeichert. Die Folge: Bei jedem weiteren Kontakt mit dem Allergen kommt es zur Einschaltung derselben Abwehrmechanismen.

Ursache unbekannt. Warum manche Menschen mit allergischen Reaktionen auf harmlose Fremdstoffe reagieren, ist nicht lückenlos geklärt. Ein wesentlicher Faktor ist jedoch die erbliche Vorbelastung. „Dass Allergien eine genetische Komponente besitzen, ist schon lange bekannt. Mittlerweile gibt es dazu konkretere Zahlen“, so Müller. Demnach ist das Allergierisiko von Kindern mit einem betroffenen Elternteil rund 30 bis 40 Prozent höher. Sind beide Eltern Allergiker, besteht je nach Allergieform ein 60 bis 80 prozentiges Risiko für die Nachkommen. Ebenfalls belegt ist eine andere Zahl: „In Industrieländern ist mittlerweile jeder Fünfte von einer Allergie betroffen, Tendenz steigend“, erklärt der Experte. „Woran das genau liegt, wissen wir nicht. Vermutlich tragen aber ein Anstieg von Umweltschadstoffen und der Klimawandel eine Mitschuld daran. Letzterer führt etwa dazu, dass die Pollensaison mittlerweile häufig bereits im Winter startet und länger andauert.“ Auch die Hygiene-Hypothese hält sich hartnäckig: Eine zu sterile Umgebung sorge demnach dafür, dass das Immunsystem nicht mehr mit genügend körperfremden Stoffen in Kontakt komme und dadurch nicht entsprechend trainiert werde. „Diese Annahme kann ich nur bedingt unterstützen“, so Müller. „Die meisten Hygienemaßnahmen der heutigen Zeit wie häufiges Händewaschen machen schon Sinn. Ursprünglich wurde beobachtet, dass Kinder mit einer höheren Anzahl an Geschwistern weniger häufig an Allergien erkrankten.“ Unbestritten sind hingegen die negativen Auswirkungen des Rauchens: „Wie auch eine Studie einer Kollegin beweist: Rauchen macht die Schleimhaut durchlässiger für Allergene. Das gilt übrigens auch für Passivraucher.“

Gute Behandlungsmöglichkeiten. So weitläufig die Annahmen über die Entstehung von Allergien sind, so breit ist die Palette jener Stoffe, die allergische Reaktionen auslösen. So können etwa bestimmte Lebensmittelinhaltsstoffe, Insektengifte, Hausstaubmilben, Pilzsporen, Inhaltsstoffe von Arzneimitteln oder Tierhaare das Immunsystem in Abwehrhaltung versetzen. Hierzulande mit rund 400.000 Betroffenen am meisten verbreitet ist jene Allergie, die gerade im Frühjahr Hochsaison hat, denn der Heuschnupfen, auch als saisonale Rhinitis bezeichnet, wird durch Pollen von Gräsern, Bäumen und Blüten ausgelöst. „Sie geraten in der Blütezeit in großer Menge in die Luft und bewirken vor allem an den Schleimhäuten der Atemwege, der Nase und der Augen heftige allergische Reaktionen“, so der Mediziner.  Während viele Allergiker die überzogene Reaktion des Immunsystems einfach dadurch vermeiden können, den Verursacher weitgehend aus ihrem Alltag zu entfernen, haben Pollenallergiker die Möglichkeit der sogenannten Allergiekarenz nicht, denn auch wenn sich der Kontakt mit Pollen einschränken lässt, vollständig vermeiden lässt er sich in der Hochsaison der Blütezeit nicht. Dennoch müssen Betroffene nicht unnötig leiden. „Ist die Allergie bereits im vollen Gange, kommen zunächst meist Augentropfen und Nasensprays zum Einsatz“, erklärt der Experte die Behandlungsmöglichkeiten. „Darin enthalten sind Antihistamine oder Kortison, die der allergischen Entzündung entgegenwirken. In Kombination dazu werden Tabletten verabreicht, die antihistaminwirksame Substanzen enthalten.“

Bekämpfung der Ursache. Einen Schritt früher setzt die Immuntherapie an, die häufig auch als Hyposensibilisierung bezeichnet wird. „Sie ist bislang das einzige Therapieverfahren, das nicht die Symptome bekämpft, sondern direkt bei der Ursache der Allergie ansetzt“, so Müller. Die Wirkungsweise ist mit der einer herkömmlichen Impfung vergleichbar: In regelmäßigen Abständen bekommt der Betroffene dabei die allergieauslösenden Stoffe in steigenden Dosen gespritzt. „Durch den wiederholten Kontakt lernt das Immunsystem, nicht mehr überempfindlich zu reagieren. Die überschießende Immunreaktion wird unterbrochen“, erläutert der Arzt. Die Immuntherapie erstreckt sich zwar über drei bis fünf Jahre, erzielt in vielen Fällen jedoch gute Ergebnisse. „Auch wenn es nicht zur vollständigen Heilung kommt, können die Beschwerden vor allem bei Pollen- und Milbenallergikern nachhaltig gesenkt werden.“ Seit einigen Jahren steht diese Impfkur für Gräserpollen-Allergiker auch in Tablettenform zur Verfügung. Die Kosten für die Hyposensibilisierung trägt die Krankenkasse. Trotz aller Vorteile komme diese Therapieform noch viel zu selten zum Einsatz, beklagt der Mediziner. „Grundsätzlich liegt das einerseits daran, dass viele Betroffene erst zu einem späten Zeitpunkt zum Arzt kommen. Oft werden Allergie-Beschwerden lange ertragen, bevor ein Mediziner aufgesucht wird.“ Zum anderen, so Müller, wüssten viele Menschen gar nicht, dass sie von einer Allergie betroffen sind bzw. auf welche Stoffe spezifisch sie reagieren. Die Folgen können weitreichende Auswirkungen haben, erklärt der Mediziner: „Eine Allergie ist mehr als ein lästiges Übel, sie ist ein chronischer Entzündungsprozess. Wird dieser nicht vorzeitig und konsequent behandelt, kann durch die ständige Belastung ein sogenannter Etagenzuwachs stattfinden, der viel ernstere Folgen haben kann.“ Dabei wandern die Beschwerden buchstäblich eine Etage tiefer – von Nase und Augen in die Lungen. Die Folge in rund 40 Prozent aller unbehandelten Rhinitis-Fällen: allergisches Asthma, das mitunter lebensbedrohlich verlaufen kann.

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