Sonntag, 19. November 2017

Neue Hoffnung für Multiple-Sklerose-Patienten

Ausgabe 2017.11
Seite 1 von 2

Man weiß nicht, wodurch sie ausgelöst und wie sie verlaufen wird: Multiple Sklerose (MS) gibt Medizin und Wissenschaft noch viele Rätsel auf. Doch die Pharmaforschung entwickelt immer wirksamere und besser verträgliche Medikamente. Ein neuer Wirkstoff, schon in den USA, Australien und der Schweiz zugelassen, gibt erstmals auch Betroffenen von primär progredienter MS Anlass zur Hoffnung.


Foto: iStock - azsoslumakarna

Als Robert S. 1977 kurzzeitig am rechten Auge erblindete, machte er die Ursache an einer schwierigen Bundesheerübung fest. Erkältet sei er außerdem gewesen und die Sicht habe sich einige Wochen nach einer Behandlung im Krankenhaus wieder eingestellt. „Ich konnte zwar nicht mehr synchron sehen, ein Zustand, der mir bis heute erhalten geblieben ist, aber ich habe mir nichts weiter dabei gedacht“, erinnert sich der Wiener. Heute, vier Jahrzehnte später, weiß er, dass dies der erste Multiple-Sklerose-Angriff auf seinen Körper war.

Die Krankheit mit den 1000 Gesichtern. Nicht umsonst wird die Erkrankung, bei der das körpereigene Immunsystem die Hüllschicht der Nerven in Gehirn und Rückenmark angreift und entzündliche Reaktionen auslöst, als Krankheit mit den 1000 Gesichtern bezeichnet. „Lähmungen, Gefühlsstörungen, Sehstörungen, Schwindel oder Gangunsicherheit – die Symptome können bei multipler Sklerose gänzlich unterschiedlich sein“, erklärt Univ.-Doz. DDr. Susanne Asenbaum-Nan, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie des Landesklinikums Amstetten. „Allen gemein sind aber radiologische und neurologische Charakteristika, im Vordergrund steht dabei die entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems.“ Während die Ursache der Krankheit weiterhin unbekannt ist, weiß man mittlerweile jedoch schon einiges über den Verlauf. „Die häufigste Form ist die remittierend schubförmige MS (RMS). In unterschiedlichen Abständen kommt es dabei immer wieder zum Auftreten neurologischer Beschwerden von unterschiedlicher Dauer und Ausprägung, dazwischen erholen sich die Betroffenen oft weitgehend“, so die Medizinerin. Bei der sekundär progredienten MS (SPMS) beginnt die Erkrankung ebenfalls schubförmig, geht dann jedoch in eine Phase der kontinuierlichen Verschlechterung über, während sich die Krankheit bei der primär progredienten MS (PPMS) von Beginn an mit kontinuierlich schlechter werdenden Symptomen präsentiert.

Schockdiagnose. Gerade bei der schubförmig verlaufenden Form kann oft viel Zeit vom ersten Auftreten bis zur Feststellung der Krankheit vergehen. So auch bei Robert S., der erst vier Jahre nach der ersten MS-Attacke mit der Diagnose konfrontiert wurde. „Zuerst fiel es mir beim Joggen auf. Früher habe ich meine Laufrunden oft mit einem schnellen Finish beendet, das war plötzlich nicht mehr möglich. Ein paar Tage später konnte ich auch keine Stiegen mehr steigen, und innerhalb einer weiteren Woche war meine gesamte linke Körperhälfte taub“, erinnert er sich. Auf die Hiobsbotschaft reagierte der damals 26-Jährige zunächst mit völligem Zusammenbruch. „Ich hatte bis dahin mein ganzes Leben auf meinen Traumberuf hingearbeitet. Ich war der jüngste Pilot Österreichs und hatte gerade alle Prüfungen und Tests für die Ausbildung zum Düsenjägerpiloten geschafft. Dieses Ziel musste ich nun aufgeben und fiel in ein tiefes Loch.“ Zur seelischen Belastung kam die Tatsache, dass die Therapiemöglichkeiten Anfang der 80er-Jahre weit hinter den heutigen lagen, bestätigt auch Asenbaum-Nan: „Damals gab es nur zwei Medikamente, beide sind in der Zwischenzeit nicht mehr auf dem Markt. Stattdessen verfügen wir heute über viele verschiedene Optionen.“

Kortison und Basistherapie. Ein akuter Krankheitsschub wird zunächst mit Kortison-Präparaten behandelt, die die Entzündungsreaktion eindämmen und Symptome zum Abklingen bringen. Darüber hinaus können dauerhaft eingenommene sogenannte Basistherapeutika viele Schübe verhindern und zum Teil das Fortschreiten der Krankheit hinauszögern. „Der Therapieplan wird dabei individuell auf den Patienten und den Krankheitsverlauf abgestimmt“, so die Neurologin. Während die Basistherapeutika bei einem Großteil der Patienten gut anschlagen, wirken sie nicht bei allen Betroffenen im gewünschten Ausmaß. Auch Robert S., bei dem die zunächst schubförmig verlaufende Krankheit in eine sekundär progrediente Form übergegangen ist, musste vieles probieren: „In den vielen Jahren als MS-Patient war ich mit einigen Rückschlägen konfrontiert. Zunächst entwickelte ich eine Kortison-Allergie, es folgten viele körperliche Einschränkungen und jahrelange Harnwegsinfekte, bis einem Neurologen 2011 der Durchbruch mit einem Medikament gelang, das bei mir sehr schnell zu Verbesserungen führte.“

Neuer Hoffnungsschimmer. Auch wenn die Möglichkeiten zur Behandlung der Krankheit sich bereits erheblich verbessert haben, ist vieles noch nicht zufriedenstellend: Viele Medikamente weisen Nebenwirkungen auf und keines der Basistherapeutika kann bisher alle Schübe verhindern. Pharmaforscher versuchen deshalb weiterhin, neue Medikamente zu entwickeln, die noch wirksamer und besser verträglich sind. Der neueste Hoffnungsträger ist ein monoklonaler Antikörper, der gegen das Protein CD20 gerichtet ist. Der Wirkstoff ist das erste Arzneimittel, das nicht nur die Beschwerden der RMS deutlich mildern kann, sondern auch jenen rund 15 Prozent von Betroffenen helfen soll, die an PPMS leiden. Der maßgeschneiderte Antikörper dockt speziell an B-Lymphozyten an, einer Untergruppe der weißen Blutkörperchen, und zwar nur an solche, die das Protein CD20 auf ihrer Oberfläche tragen. Die Markierung mit dem Antikörper führt dazu, dass die B-Lymphozyten gezielt zerstört werden, ohne dass andere Körperzellen zu Schaden kommen. Auch wenn nicht restlos geklärt ist, wie die primär progrediente MS ausgelöst wird, vermuten Forscher, dass CD20-positive B-Lymphozyten wesentlich zur Schädigung der Hüllschicht und der darunterliegenden Nerven beitragen.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Neue Hoffnung für Multiple-Sklerose-Patienten
Seite 2 Gute Studienergebnisse

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