Mittwoch, 22. Mai 2019

Neue Hoffnung bei Krebs, Gicht, Herz- insuffizienz

Ausgabe 2016.05

Dieses Jahr kamen und kommen noch zahlreiche neue Wirkstoffe auf den heimischen Markt. Das bedeutet auch neue Hoffnung für viele Patienten.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - liukov

Mehr als 12.000 registrierte Arzneimittel sind aktuell in den österreichischen Apotheken erhältlich. „Dennoch sind Fortschritt und Wissenschaft ständig gefordert, neue Wirkstoffe zu entdecken und damit noch mehr Krankheiten zu heilen“, betont Mag. Max Wellan, Präsident der Österreichischen Apothekerkammer. 2016 kommen rund 50 neu zugelassene Medikamente auf den Markt, einige davon sind sogar bereits erhältlich. „Allgemein lässt sich sagen, dass bei den neuen Arzneimitteln nicht mehr nur die Wirkung, sondern auch eine höhere Lebensqualität der Patienten im Mittelpunkt steht“, erklärt Wellan. Auf die Frage, ob die neuen Arzneimittel auch besser vertragen werden als die bisher schon erhältlichen, reagiert der Experte zurückhaltend: „Im Großen und Ganzen ist die Verträglichkeit dieser neuen Medikamente gestiegen bzw. die Wechselwirkung zu anderen Medikamenten gesunken. Eine wirklich verlässliche Aussage lässt sich hier aber natürlich erst treffen, wenn die Arzneimittel eine Zeit lang am Markt sind.“ GESÜNDER LEBEN zeigt, wo die Wissenschaft die meisten Fortschritte gemacht hat und neue Medikamente verfügbar sind.

Gezielter(er) Kampf gegen Krebs. Eines jener Gebiete, in denen es heuer größere medikamentöse Innovationen geben wird, ist die Krebstherapie. Mehr als zehn neue Wirkstoffe werden in den kommenden Monaten auf den Markt kommen – allen voran in den Bereichen Leukämie, Lungenkrebs, Hautkrebs, Schilddrüsenkrebs, Eierstockkrebs sowie Multiples Myelom (eine Form von Knochenmarkkrebs). „Die Krebstherapie ist in den letzten Jahren immer komplexer geworden“, erklärt Wellan. „Heute weiß man zum Beispiel, dass Brustkrebs nicht eine einzige Krebsart ist, sondern in Wirklichkeit viele verschiedene Krebsarten. Je spezifischer man gegen den Krebs vorgehen kann, desto spezifischer müssen auch die Arzneimittel werden.“ Mehrere dieser neuen Medikamente, erklärt der Experte, führen neuartige Wirkprinzipien in die Onkologie, also die Krebstherapie, ein: etwa den Einsatz onkolytischer Viren, die Krebszellen direkt angreifen und das Immunsystem gegen sie aktivieren. Heißt auch: Das Immunsystem wird in die Krebstherapie um ein Vielfaches stärker eingebunden als noch vor einigen Jahren. Wellan: „Wir befinden uns zwar noch nicht auf einer personalisierten Stufe der Krebsbehandlung, aber wir bewegen uns bereits in sehr kleinen Kollektiven.“

Leukämie und Lungenkarzinom. Die chronische lymphatische Leukämie ist die in der westlichen Welt am häufigsten vorkommende Leukämieform und tritt vor allem ab dem 50. Lebensjahr auf. Mit dem Antikörper Obinutuzumab hat man den bisher besten Wirkstoff gefunden: Dieser greift nicht nur gezielt die B-Zellen an, in Kombination mit dem Zytostatikum Chlorambucil konnte man bei 37 Prozent der Patienten auch unter genauesten Labormethoden keine bösartigen Blutkörperchen mehr nachweisen. Einen Siegeszug scheint man auch beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom mit sogenannten ALK-Mutationen anzutreten: Mit Alectinib wurde ein Wirkstoff gefunden, der in klinischen Studien bei fast 50 Prozent der Patienten den Primärtumor schrumpfen ließ, berichtete die APA zu Beginn dieses Jahres. Und: Auch bei 57 Prozent der Patienten mit Gehirnmetastasen bewirkte Alectinib, dass sich die Geschwülste verkleinern.

Infektionskrankheiten. Ein weiterer großer Schwerpunkt der neuen Arzneimittel, die 2016 in österreichischen Apotheken erhältlich sein werden, sind Infektionskrankheiten. Besonders die Bekämpfung des Hepatitis-C-Virus (HCV) schreitet weiter voran, „und wenn die Innovationen sich weiterhin so gut entwickeln, sind wir auf einem guten Weg, das Virus auszurotten“, ist Wellan überzeugt. Es kommt ein neues Kombinationspräparat auf den Markt, das gegen HCV noch gezielter und schneller wirkt als die bisher erhältlichen Medikamente. Auch die HIV-Forschung entwickelt sich ständig weiter, erklärt Wellan: „Ähnlich wie bei der Krebstherapie ist es mit den neuen Arzneimitteln möglich, direkt am Virus anzusetzen.“ Zur Behandlung einer HIV-Infektion, erläutert der Experte, gibt es bereits seit 2015 zwei neue Integrasehemmer, die den Einbau der Erbsubstanz der HI-Viren in befallene Immunzellen bremsen.  

Tuberkulose und HPV. Die Wirkstoffe Delamanid und Bedaquilin, eigentlich Antibiotika, werden zukünftig im Kampf gegen Tuberkulose eine wichtige Rolle spielen. Wellan: „Sie stören die Engergiegewinnung im Tuberkulose-Bakterium beziehungsweise die Bildung der Zellwand und werden in der Kombinationstherapie – mit bewährten Medikamenten – bei multiresistenter Lungentuberkulose eingesetzt.“ Auch dürften heuer noch weitere neuartige Antibiotika auf den Markt kommen, da viele ältere Antibiotika nicht mehr wirksam sind. Und auch aus dem Bereich der Impfungen gibt es Neues zu berichten: Neue Impfstoffe sollen vor Milzbrand und vor noch mehr Stämmen von humanen Papillom-Viren (HPV) schützen, die insbesondere Gebärmutterhalskrebs, aber auch Scheidenkrebs, Peniskrebs sowie Krebs im Bereich des Rachens als auch des Kehlkopfes hervorrufen können.

Cholesterin. Auch im Bereich der Cholesterinpräparate tut sich etwas: Eine neue Wirkstoffklasse, die PCSK9-Inhibitoren, sollen bereits nach wenigen Wochen der Anwendung den Cholesterinwert wesentlich stärker als unter einer bisherigen Monotherapie senken. Der PCSK9-Antikörper wird in Fertigspritzen ausgeliefert. Der Patient muss sich die voreingestellte Dosis alle zwei beziehungsweise alle vier Wochen selbst unter die Haut spritzen. Als häufigste Nebenwirkung tritt daher eine Rötung an der Injektionsstelle auf, möglich ist auch eine verstärkte Neigung zu Atemwegsinfekten. Wellan wirft jedoch ein: „Bislang ist eine Therapie mit einem PCSK9-Hemmer nur dann angezeigt, wenn der Patient Statine nicht verträgt oder sich der Cholesterinspiegel trotz cholesterinarmer Ernährung und Statin-Einnahme nicht ausreichend senken lässt. Diese neuen Medikamente sind also noch nicht für die breite Masse der Cholesterin-Patienten geeignet.“

Seltene Krankheiten, Herzinsuffizienz, Gicht. 2016 sollen außerdem mehr als zehn neue Arzneimittel auf den Markt kommen, die ausschließlich der Behandlung von seltenen Krankheiten, zum Beispiel Muskelerkrankungen oder erblichen Stoffwechselstörungen, dienen. „Solche seltene Krankheiten rücken langsam mehr und mehr in den Mittelpunkt der Forschung“, so Wellan. Neue Medikamente wird es auch für Patienten mit Hämophilie A und B geben. Diese zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie seltener injiziert werden müssen. „Hier kommt wieder das Stichwort Lebensqualität zum Einsatz“, erklärt Wellan. Aber auch gegen klassische Krankheitsbilder wie Herzinsuffizienz und Gicht werden neue Arzneimittel auf den Markt kommen.

Medikationsmanagement. Da immer mehr Krankheiten behandelbar werden, sowohl körperlicher als auch psychischer Stress zunehmen und wir Menschen immer älter werden, nimmt auch die Zahl der Medikamente zu, die wir täglich zu uns nehmen müssen. „Es ist keine Seltenheit mehr, dass Personen mehr als fünf Dauermedikationen anwenden müssen“, gibt Wellan zu bedenken. Das stellt viele Betroffene vor eine Überforderung: Medikamente werden verwechselt, unregelmäßig eingenommen oder vertragen sich nicht mit anderen Medikamenten. Wellan: „Die Wechselwirkung unter den Medikamenten ist ein großes Thema!“ Auch hier wird es 2016 Innovationen geben: Ausgewählte Apotheken in Österreich bieten ein Medikationsmanagement an. Das heißt, der Patient macht sich beim Apotheker insgesamt zwei Termine aus, an denen die persönliche Medikation genau besprochen und – nochmals – mit dem behandelten Arzt abgeklärt wird. Dem Patienten wird versucht, eine übersichtliche Medikamentenliste zu erstellen, die dabei helfen soll, arzneimittelbezogene Fehler zu minimieren. Bisheriger Nachteil: Noch müssen die Kosten dafür (ca. 120 Euro) selbst getragen werden, an der Lösung mit den Krankenkassen wird aber gearbeitet.

Aktuelle Ausgabe & E-Paper


cover 2019-05 130x173

Aktuelles Heft 05/2019

Die nächste Ausgabe erscheint am 7. Juni

 

Unsere Ausgabe 04/2019 als E-Paper Lesen!

Aktuelle Online Umfrage

Wie informieren Sie sich über Nebenwirkungen von Medikamenten?

Kontakt

  • Gesünder Leben Verlags GmbH
  • Johann Strauss Gasse 7/2/5
  • 1040 Wien, Österreich

Information