Freitag, 19. Juli 2019

Neue Arzneimittel neue Hoffnung

Ausgabe 2019.06

2018 war ein Jahr des medizinischen Fortschritts: Insgesamt wurden in Österreich 41 neue Wirkstoffe zugelassen, darunter elf Krebsmedikamente. Welche Patienten profitieren davon? GESÜNDER LEBEN erklärt, um welche Arzneimittel es sich handelt.


Foto: iStock-ismagilov

 

Eine Arzneimittelentwicklung dauert Jahre, ist mit einem hohen Risiko des Scheiterns verbunden und verursacht enorme Kosten. Dennoch investieren Pharmaunternehmen weltweit Milliarden in Forschung und Entwicklung – allein in Europa 34 Milliarden Euro pro Jahr. In Österreich sind es immerhin 294 Millionen Euro. „Arzneimittelentwicklung gleicht einem Marathonlauf“, zieht Ingo Raimon, Präsident des FOPI (Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie), einen treffenden Vergleich. „Nur ein bis zwei von 10.000 Substanzen schaffen es von der Entdeckung bis zur Marktreife. Doch diese bedeuten einen signifikanten Fortschritt für die Patienten, und zwar insbesondere für jene mit einem noch ungedeckten medizinischen Bedarf.“ Bis zur Markteinführung eines neuen Medikaments vergehen im Schnitt 12 bis 13 Jahre, allein drei bis vier Jahre davon machen klinische Studien aus. Dennoch – oder gerade deshalb – läuft die Branche auf Hochtouren: Allein in den letzten drei Jahren wurden deutlich über 100 neue Arzneimittel zugelassen.

41 neue Wirkstoffe
41 solcher neuen Wirkstoffe wurden im Jahr 2018 von der Europäischen Kommission auch für Österreich zugelassen: darunter elf Krebsmedikamente, fünf Arzneimittel für lebensbedrohliche Blutgerinnungsstörungen, fünf Medikamente für seltene Erkrankungen sowie zwei innovative HIV-Therapien. Nach Klassen unterteilt, entfallen 41 Prozent der neuen Wirkstoffe auf sogenannte niedermolekulare Verbindungen („small molecules“): Diese kleinen Moleküle sind Wirkstoffe, die im Unterschied zu beispielsweise Antikörpern in der Lage sind, in Zellen einzudringen und dort ihre Wirkung zu entfalten. Die derzeit zugelassenen Arzneimittel sind zum Großteil niedermolekulare Moleküle. 32 Prozent der 2018 zugelassenen Wirkstoffe stellen monoklonale Antikörper dar, die zum Beispiel Tumorzellen markieren und somit für das Immunsystem sichtbar machen, wodurch die körpereigene Imun-antwort aktiviert werden kann. Auch für das Stoppen oder Verlangsamen eines Krankheitsprozesses können monoklare Antikörper eingesetzt werden. Weitere 32 Prozent der neuen Wirkstoffe sind Biotech-Therapien (blockieren den stärksten körpereigenen Entzündungsfaktor TNF-alpha), sieben Prozent fallen in den Bereich der Gen-Therapien.

GESÜNDER LEBEN zeigt Wirkstoffe, die besonders vielversprechende Ergebnisse erzielen:

Emicizumab
Emicizumab ist ein Wirkstoff, der bei der Blutgerinnungsstörung Hämophilie A zum Einsatz kommt und mittels eines Hybrid-Antikörpers den aktivierten Blutgerinnungs-Faktor IX und -Faktor X verbindet. Emicizumab ahmt die Funktion von Faktor VIII nach, der Ablauf der Gerinnungskaskade ist somit wieder möglich. Es kommt bei Hämophilie-A-Patienten jeden Alters zum Einsatz – auch bei jenen, die bereits Hemmkörper gegen Faktor VIII entwickelt haben und daher auf die bereits bestehenden Therapien nicht mehr ansprechen.

Axicabtagen-Ciloleucel (Axi-cel) bzw. Tisagenlecleucel (Tisa-cel)
Tisa-cel wird bei Blutkrebs (Leukämie) und Lymphdrüsenkrebs (Lymphom) angewendet, Axi-cel hingegen bei Lymphomerkrankungen. Beide Wirkstoffe sind Onkologika aus dem neuen Bereich der CAR-T-Zell-Therapie: Dabei werden den Patienten eigene Abwehrzellen (T-Zellen) entnommen. Diese werden dann im Labor gentechnologisch modifiziert und anschließend den Betroffenen wieder zugeführt. Im Körper der Patienten erkennen diese veränderten Abwehrzellen dann die Krebszellen und können diese gezielt angreifen.

Ertugliflozin
Dieser Wirkstoff richtet sich an Typ-2-Diabetiker. Ertugliflozin ist ein sogenannter SGLT2-Hemmer, der den Blutzucker senkt. Er verhindert in der Niere die Rückresorption von Glukose aus dem Primärharn. Laut Studien senkt Ertugliflozin den HbA1c-Wert (sprich: den langzeitigen Zuckergehalt im Blut) stärker als bisherige Diabetes-Medikamente. Zudem zeigte der Wirkstoff eine statistisch signifikante Gewichtsreduktion und eine erhebliche Senkung des systolischen Blutdrucks.

Durvalumab
Der Wirkstoff Durvalumab ist eine Immuntherapie mit einem PD-L1-blockierenden Antikörper (ein Molekül, das das Immunsystem reguliert) und kommt in der Behandlung des inoperablen Stadiums III des nicht kleinzelligen Lungenkarzinoms (macht 80 Prozent aller Lungenkarzinome aus) zum Einsatz. In einem ersten Schritt erhält der Patient eine Radiochemotherapie, danach kann der Tumor mithilfe des Wirkstoffs vom Immunsystem besonders effizient bekämpft werden. Die Chance, das Leben der behandelten Patienten signifikant zu verlängern und das Auftreten von Metastasen zu reduzieren, konnte somit erhöht werden. Laut Studien wird die Immuntherapie gut vertragen.

Innovationen auch 2019
„Es gibt weiterhin Erkrankungen, bei denen es hohen medizinischen Bedarf gibt – sei es, dass bisher unzureichend Behandlungsmöglichkeiten oder dass mitunter sogar gar keine Therapieoptionen vorhanden sind“, so Raimon. Aktuell befinden sich über 7.000 Arzneimittel in der Forschung und Entwicklung. „Und schon in diesem Jahr erwarten wir, dass 30 neue Medikamente die Zulassung erhalten, unter anderem neue Antibiotika sowie Medikamente für die Behandlung von Blutgerinnungsstörungen und Stoffwechselerkrankungen.“ Der Forschungsschwerpunkt liegt derzeit jedoch im Bereich der Krebserkrankungen, der Immunerkrankungen sowie der neurologischen Erkrankungen wie Alzheimer oder Migräne. 

Aktuelle Ausgabe & E-Paper


cover 2019-07 130x173

Aktuelles Heft 07-08/2019

Die nächste Ausgabe erscheint am 6. September

 

Unsere Ausgabe 06/2019 als E-Paper Lesen!

Aktuelle Online Umfrage

Mit welchem Sport halten Sie sich (überwiegend) fit und gesund?

Kontakt

  • Gesünder Leben Verlags GmbH
  • Johann Strauss Gasse 7/2/5
  • 1040 Wien, Österreich

Information