Montag, 16. September 2019

Mitten ins Herz

Ausgabe 2017.05
Seite 1 von 2

Sie leben meist länger und sind auch in der Überzahl: Dennoch sterben Frauen häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Männer. Warum das so ist, haben Gendermediziner seit den 90er-Jahren und in aktuellen Forschungsergebnissen herausgefunden.


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Frauen werden durchschnittlich 84 Jahre alt und ihr Anteil bei den 75-Jährigen und Älteren liegt bei stolzen 62 Prozent. Dennoch sterben Frauen häufiger an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung als Männer. „Sie ziehen sich diese allerdings um etwa 10 bis 15 Jahre später zu. Man vermutet, dass die weiblichen Geschlechtshormone, deren schützender Effekt mit Beginn der Wechseljahre nachlässt, dafür verantwortlich sind“, betont Frauen- und Gendermedizinexpertin Univ.-Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer. „Andererseits weiß man heute auch, dass Frauen häufiger an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall sterben, weil diese Erkrankungen zu spät erkannt wurden.“ – Diese Erkenntnis klingt zunächst erschreckend, bietet aber positive Zukunftsaussichten. „Wissenschafter konnten nachweisen, dass Frauen unter anderem bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine andere Symptomatik aufweisen und diese daher bei der Diagnose berücksichtigt werden muss. Aktuell laufen Untersuchungen für die Etablierung neuer geschlechtssensitiver Biomarker – Parameter im Blut (Stichwort: liqiud biopsy) – und Grenzwerte. Das ist für mich ein wichtiger Meilenstein in der noch sehr jungen Geschichte der Frauenmedizin“, so die Expertin.

Frauenherzen leiden anders. Herz-Kreislauf-Erkrankungen stellen sowohl bei Männern als auch bei Frauen – nach wie vor – die häufigste Todesursache dar; umso wichtiger war es bis dato, Ursachenforschung zu betreiben und Präventionsmaßnahmen zu setzen. Man erkannte, dass ein Großteil der kardiovaskulären Erkrankungen, unabhängig vom Geschlecht, durch Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Fehl- und Überernährung, zu hoher Cholesterinspiegel, Rauchen, Bewegungsmangel und Stress bedingt sind. Doch seit den 90er-Jahren weiß man nun auch, dass bei Frauen und Männern andere Verdachtsmomente auf koronare Herzerkrankungen hinweisen und sich andere Symptome entwickeln. Lediglich 32 Prozent der Frauen klagen laut Österreichischem Frauengesundheitsbericht 2010/2011 über klassische Angina-Pectoris-Beschwerden, also belastungsabhängige Schmerzen in der Brust, die in den linken Arm ausstrahlen. Demgegenüber stehen 69 Prozent der Männer, die durchaus solche Beschwerden angeben. Frauen berichten dagegen häufiger über Atemnot, Völlegefühl im Oberbauch, Rückenschmerzen zwischen den Schulterblättern, verminderte körperliche Belastbarkeit und schnelle Ermüdung. Zudem haben Frauen häufiger Ruhebeschwerden und Symptome, die auf psychischen Stress hindeuten, beispielsweise Übelkeit und Erbrechen. Selbst die Ergebnisse von Belastungs-EKGs können über einen drohenden Herzinfarkt bei Frauen hinwegtäuschen. „Da auch die Entstehung der Koronarerkrankung mitunter eine andere ist – nämlich mehr funktionelle als obstruktive Veränderungen bis zum 65. Lebensjahr –, sind auch die herkömmlichen diagnostischen Untersuchungen leider weniger aussagekräftig.“ Bei Frauen vergeht damit wesentlich mehr Zeit bis zu einer entsprechenden sensitiven oder letztlich auch invasiven Diagnostik des Herzens mittels Koronarangiografie, also einer speziellen Röntgenuntersuchung der Herzkranzgefäße mit Kontrastmittel. „Man kann davon ausgehen, dass bei betroffenen Frauen vom Auftreten der ersten Beschwerden bis zur Koronarangiografie Jahre vergehen, bei Männern lediglich Monate“, betont Kautzky-Willer. „Dank dieses Wissens um die unterschiedliche Symptomatik und Diagnostik kann man aber davon ausgehen, dass dieses Zeitfenster zukünftig kleiner wird.“

Vorbeugen statt reparieren. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollen aber auch durch entsprechende Präventionsmaßnahmen verringert werden. „Wer seinen Lebensstil verändert, Übergewicht reduziert, sich ausgewogen ernährt und regelmäßig Sport betreibt, reduziert sein Erkrankungsrisiko um bis zu 70 Prozent“, weiß Kautzky-Willer.
Auch die Früherkennung von Diabetes mellitus ist ihrer Meinung nach ganz essenziell, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen rechtzeitig vorzubeugen. Diabetes mellitus stellt bei Frauen schließlich den Hauptrisikofaktor für kardiovaskuläre Beschwerden dar. „Daher ist es wichtig, regelmäßig an Blutzucker-Belastungstests teilzunehmen und auch Schwangerschaftsdiabetes ernst zu nehmen. Letzterem wurde erst in den letzten 15 Jahren verstärkt Bedeutung beigemessen. Schließlich steigen bei Schwangerschaftsdiabetes sowohl das Risiko für das Kind als auch für die Mutter für Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, so die Expertin. „Dank intensiver Bemühungen und entsprechender Studienergebnisse konnten wir dazu beitragen, dass der Blutzucker-Belastungstest seit 2010 auch im Mutter-Kind-Pass verankert ist.“

Forschungen laufen. In den vergangenen Jahren wurde die personalisierte Medizin und damit die Entschlüsselung des menschlichen Genoms forciert und weiterentwickelt. Davon profitiert auch die Gendermedizin – nicht nur hinsichtlich der Diagnose von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Auch andere Krankheitsbilder wie beispielsweise Diabetes mellitus, Osteoporose, Krebs oder Alzheimer können nun dank moderner Biomarker geschlechtsspezifisch erkannt und auch individuell therapiert werden. Zahlreiche Studien zu einer differenzierten Betrachtung laufen bereits. Auch das ist ein Highlight der letzten 25 Jahre“, erläutert Kautzky-Willer und betont: „Hier besteht allerdings noch großer Forschungsbedarf.“

Übersicht zu diesem Artikel:
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