Montag, 23. September 2019

Mit einem Klick krank?

Ausgabe 04.2015
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Wer im Internet sucht, der findet. Und zwar immer eine Krankheit für sein Symptom. gesünder leben zeigt, wie Sie mit Internetrecherchen vernünftig umgehen und sich das eingebildete Kranksein vermeiden lässt.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - pzAxe

Und plötzlich wurde sie überfallen. Von der Angst vor Leukämie. Alle Symptome wiesen schließlich darauf hin: Blässe, Abgeschlagenheit, Zahnfleischbluten, Gewichtsverlust. Die 42-jährige Elisabeth K. war davon überzeugt, Opfer der heimtückischen Blutkrebsart geworden zu sein; interpretierte ihr doch das Internet im Zuge ihrer abendlichen Recherche den Laborbefund. „Das Ergebnis besprechen Sie mit Ihrem Hausarzt“ – der Ratschlag der Sprechstundenhilfe im Ambulatorium hallte noch in ihren Ohren. Doch so lange wollte Elisabeth K. nicht warten und bat „Dr. Google“ um eine Erklärung für den auffällig hohen Wert der Leukozyten – also der weißen Blutkörperchen, wie ihr der digitale Gesundheitsexperte verriet. Der Schreck fuhr ihr buchstäblich in die Glieder, als sie auf einen weiterführenden Link klickte und auf einem Portal für Patienten mit Leukämie landete. Mitten in der Nacht fuhr sie schweißgebadet hoch – Nachtschweiß, ein weiteres Indiz für Elisabeth K.

Hypochonder im Netz. Die omnipräsente Verfügbarkeit von medizinischem Wissen im Netz hat zum Entstehen eines neuen Phänomens beigetragen, das von Experten wie dem US-Forscher Brian Fallon als „Cyberchondrie“ bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um eine Kreation aus den Wortbestandteilen „cyber“ und „Hypochondrie“, hinter der – so diagnostiziert – eine ernst zu nehmende psychische Störung steckt. „Betroffene, die ohnehin schon hypochondrische Tendenzen besitzen, also sich ständig davor fürchten, krank zu werden, und selbst harmlose Symptome fehlinterpretieren, verstärken ihre Ängste durch das Durchforsten von Internetportalen und werden zu sogenannten ,Cyberchondern‘“, erklärt Dr. Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP). Die möglichen Folgen: Angst- und Zwangsstörungen mit all ihren Symptomen. Panikzustände führen zur Freisetzung des Stresshormons Cortisol, wodurch das Herz rast, der Blutdruck steigt, die Muskeln sich verspannen und der Schlaf gestört wird. Der Gedankenkreislauf rund um Krankheit und Körper ist kaum zu stoppen und wird durch die süchtig machende Internetrecherche genährt. Das Familien- und Liebesleben leidet. Bei lang anhaltenden und v. a. unbehandelten Angststörungen kommt es häufig zu Folgeerkrankungen wie Depressionen oder Drogenmissbrauch.

Cyberchondrie – so beugen Sie vor
  • Der beste Schutz ist eine gute Psychohygiene: Achten Sie auf einen gesunden Lebensstil mit ausgewogener Ernährung, Bewegung und Entspannungseinheiten.
  • Stärken Sie Ihr Selbstbewusstsein: Erinnern Sie sich an all die Dinge, die Sie in Ihrem Leben schon geschafft haben, und schöpfen Sie daraus neue Kraft. Haben Sie Vertrauen in Ihre eigenen Fähigkeiten.
  • Schon bei Kindern kann vorgebeugt werden: Mit einer Erziehung, die Geborgenheit vermittelt, aber nicht überfürsorglich ist und das Selbstwertgefühl der Sprösslinge stärkt. Beachten Sie: Sie sind das Vorbild. Ihre Reaktionen auf und Ihr Umgang mit Erkrankungen färben ab.
  • Nutzen Sie das Internet zur Informationssuche – glauben Sie aber nicht alles und treffen Sie keine übereilten Selbstdiagnosen. Es geht um einen verantwortungsbewussten Umgang.
  • Wechseln Sie nicht zu häufig Ihren Hausarzt – jahrelange Beziehungen geben Sicherheit.

Wer ist betroffen? Krank vor Sorge wird aber freilich nicht jeder, der sich im Internet über Symptome und Erkrankungen informiert. Zwar kann die digitale Fundgrube – aufgrund des oft nicht durchschaubaren Wahrheitsgehalts – auch bei Personen, die sich ansonsten nicht kränker als notwendig machen, Unsicherheiten schüren. Der Unterschied liegt aber im Detail: Cyberchonder schenken – anhaltend – kleinsten körperlichen Veränderungen große Aufmerksamkeit, konsultieren bei Beschwerden zuerst – und zwanghaft – Dr. Google, bevor sie sich in das Wartezimmer ihres Hausarztes begeben, und lassen sich selbst von ergebnislos durchgeführten Untersuchungen nicht vom Gegenteil überzeugen. Sie halten vielmehr an der Meinung, (schwer) krank zu sein, fest und bezichtigen Ärzte oft vermeintlich der Scharlatanerie. „Ein Hypo- bzw. Cyberchonder freut sich nicht über eine unauffällige Diagnose. Er ist der Meinung, dass nicht gründlich untersucht wurde, und fordert sich selbst auf, weiter und tiefer zu forschen. Zweit- und Drittmeinungen werden eingeholt, Spezialkliniken aufgesucht, das Internet durchstöbert“, so Stippl. „Es handelt sich meist um Menschen, die sich auf allen Ebenen des Lebens vorsichtig und ängstlich zeigen. Sie suchen typischerweise Orientierung bei Autoritäten – auch wenn es sich dabei nur um Scheinautoritäten handelt – und schreiben dem Internet oft unreflektiert Kompetenzen zu.“

Übersicht zu diesem Artikel:
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