Dienstag, 17. September 2019

Mit der Kraft der Gedanken

Ausgabe 07-08/2009
Den Blutdruck senken, die Muskeln lockern, das Herz langsamer schlagen lassen? Mit Biofeedback schaffen Sie das auch ohne Medikamente, denn Sie lernen, den eigenen Körper wahrzunehmen.

Foto: Patrizia Tilly - fotolia.com
Kathrin schaut gebannt auf den Computerbildschirm. Dieser zeigt einen großen roten Kreis, sie konzentriert sich, langsam wird der Kreis kleiner – und ganz allmählich lassen auch die bohrenden Kopfschmerzen nach. Ein unseriöser Hokuspokus? Nein, sondern Biofeedback und somit ein verhaltenstherapeutisches Verfahren, das Körperfunktionen, die üblicherweise unbewusst ablaufen, mit Hilfe von Computerverfahren sichtbar macht.

Der rote Kreis am Bildschirm symbolisiert Kathrins Schläfenarterie. Indem sie lernt, Kontrolle über die Verengung des Gefäßes zu haben, kann sie die Vorgänge während eines Migräneanfalls gezielt beeinflussen: Denn die Schmerzen werden durch eine Weitstellung der Schläfenarterie verursacht. Biofeedback hat gerade bei Migräne oder Spannungskopfschmerz eine hohe Erfolgsquote. „Dazu gibt es zahlreiche hochwertige klinische Studien und Metaanalysen, die die Effektivität der Methode eindeutig belegen“, bestätigt Univ. Prof. Dr. Richard Crevenna von der Univ. Klinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation am AKH Wien und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Biofeedback.

Wie der Körper Signale sendet
Ein hoher Blutdruck, Muskelverspannungen, schlechte Durchblutung, die Herzfrequenz und viele andere physiologische Funktionen, aber auch Belastungen wie Stress, Ängste und Schmerzen können die Körperfunktionen beeinflussen. Doch bewusst nehmen wir diese Veränderung nicht wahr. Oder haben Sie schon mal bewusst festgestellt, dass Ihr Blutdruck in den letzten zwei Tagen um 10 mmHg gestiegen ist? „Doch mit speziellen Biofeedbackgeräten können beispielsweise Puls, Hautleitwert und Hirnströme nicht nur gemessen, sondern dem Betroffenen auch akustisch und optisch bewusst gemacht werden“ , erklärt Crevenna. Im Zuge einer Biofeedback Sitzung setzt der Therapeut einzelne Sensoren an Stirn, Wangen, Nacken, rücken – zusätzliche Sensoren messen den Hautwiderstand. Die „Rückmeldung“, das Feedback, über innere Abläufe erfolgt so wie bei Kathrin über einen Computerbildschirm und einen Lautsprecher – durch Symbole, Farbverläufe, Kurven, die einzelne Aktionen wie z.B. Muskelanspannung und Entspannung anzeigen.

Wann hilft Biofeedback?
Hinter der Methode von Biofeedback verbirgt sich also ein einfaches Grundprinzip: Nur das, was wir registrieren, können wir auch beeinflussen. Vor allem bei Rückenschmerzen oder beim Zervikalsyndrom, bei chronischen Schmerzsyndromen, Angst Erkrankungen oder Panikattacken, bei Tinnitus, Stress, aber auch bei Inkontinenz ist das Verfahren vielversprechend. Ein weiterer Vorteil: Bisher wurden noch keine Nebenwirkungen festgestellt, daher ist die Methode auch sehr gut für Kinder geeignet: bei Migräne, sogenannten „Lernschwächen“ oder ADHD (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom). Gerade bei Letzterem ist die (teilweise) mögliche Einsparung der sehr belastenden Medikamente ein ganz besonders positiver Aspekt für Kinder und Eltern.

Nicht geeignet ist die Methode allerdings im Fall von körperlichen und psychischen Funktionsstörungen: Hier bedarf es der schulmedizinischen Diagnose eines Arztes, der auch darüber entscheidet, ob beim jeweiligen Patienten Biofeedbacktraining angebracht ist oder nicht.

Gelerntes im Alltag anwenden
„Eine der wesentlichen Stärken ist die Nachhaltigkeit der Methode“, betont Experte Crevenna. „Wenn eine Verbesserung der physiologischen Selbstkontrolle erreicht worden ist und – je nach Anforderung – entsprechend umgelernt, geübt oder trainiert wird, können die so in die positive Richtung veränderten Körperfunktionen auch im Alltag erhalten werden.“ Denn Ziel der Behandlung ist es, die durch das Biofeedback erworbenen Fähigkeiten jederzeit auch ohne Geräte anwenden zu können. Das gelingt Patienten im Verlauf einer Behandlung immer besser. Gezielte „Auffrischungssitzungen“ können den Erfolg zusätzlich festigen.

Die Dauer der Behandlung ist individuell und hängt von der Indikation ab. Crevenna: „Meist findet man mit 8–15 Sitzungen das Auslangen. Bei Indikationen aus dem psychotherapeutischpsychiatrischen Gebiet ist aber mit einer höheren Anzahl an Sitzungen zu rechnen.“

Was sagt die Schulmedizin?
Die Wirksamkeit von Biofeedback ist durch viele klinische Studien belegt. In Österreich werden an den Universitäten Wien, Graz und Klagenfurt in medizinischen und psychologischen Instituten laufend Forschungsprojekte zum Thema Biofeedback durchgeführt, um neue Anwendungsgebiete zu erschließen. Bei Biofeedback handelt es sich also um eine von der Schulmedizin anerkannte Methode. Voraussetzung ist allerdings, dass sie von einem Trainer mit fundierter medizinischer und Biofeedback Ausbildung praktiziert wird. Therapeuten können z.B. Ärzte, Psychotherapeuten, (Klinische) Psychologen, medizinischtechnische Fachkräfte, Sportwissenschaftler, Diplomkrankenpfleger, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Lehrer, Coaches, „Energetiker“, aber auch interessierte Angehörige sein, die eine Ausbildung bei der Österreichischen Gesellschaft für Biofeedback und Psychophysiologie (ÖBFP) absolviert haben.

Dass Neo-Biofeedbacktherapeuten auch künftig viel zu tun haben werden, zeigen neueste Studien: So ist die Methode im Falle einer Harninkontinenz bei Männern nach einer Prostataoperation erfolgreich und sie unterstützt die Rehabilitation von Patienten mit Krebserkrankungen. Crevenna ist Spezialist im Bereich der Rehabilitation mit Hilfe von Biofeedback und weiß um die Behandlungserfolge Bescheid: „Die Patienten profitieren wesentlich vom Entspannungseffekt und können so ihre Angst reduzieren.“ Die Kommunikation mit unserem Körper funktioniert also – wir müssen nur lernen, auf ihn zu hören.

Wo kann man Biofeedback lernen?
Auf der Homepage der Österreichischen Gesellschaft für Biofeedback finden Sie eine umfangreiche Therapeutenliste, geordnet nach Bundesländern.

Wie viel kostet die Behandlung?
Eine Sitzung kostet zirka 70–80 € für 50 Minuten. Manche Privatzusatzversicherungen übernehmen einen Teil der Behandlungskosten. Nachfragen lohnt sich! Erfolgt Biofeedback an einer Klinik oder im Spital, wird die Leistung meist nicht gesondert verrechnet.
Infos: www.austria-biofeedback.at

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