Sonntag, 17. Februar 2019

Mein Weg zum Spitzensportler

Ausgabe 2015.11

Christian Troger kommt mit nur einem Bein auf die Welt, die Ärzte sind überzeugt, er könne nie einen Schritt gehen. Heute ist er mehrfacher Triathlon-Weltmeister.


Foto: Troger

Die Ärzte haben immer von einer Laune der Natur gesprochen“, ist Christian Trogers Antwort auf unsere Frage, wieso ihm seit seiner Geburt sowohl sein linkes Bein als auch seine linke Hüftpfanne fehlen. „Mittlerweile weiß man, dass sich mein Körper bereits relativ früh in der Schwangerschaft nicht mehr weiterentwickelt hat.“ Wenn Troger davon spricht, sieht er einem fest in die Augen und lächelt entwaffnend. Der heute 32-Jährige hadert nicht mit seinem Schicksal, hat es noch nie getan. „Wieso auch? Bringt ja nix.“ Noch entwaffnender – und bewundernswerter – ist Trogers nächste Antwort: „Wenn mich ein kleines Kind fragt, wieso ich so bin, wie ich bin, dann sage ich: Weil der liebe Gott wollte, dass ich der Welt etwas zeigen soll. Deshalb hat er mir nur ein Bein gegeben.“ Dass dies nicht nur ein herzerwärmender Satz ist, zeigt die Tatsache, dass Troger der Welt tatsächlich etwas gezeigt hat: 2011 ist er der erste Mensch mit nur einem Bein, der den Ironman (die längste Distanz im professionellen Triathlonsport) in Österreich beendet. Der Startschuss für eine einzigartige, bewundernswerte und auch motivierende Karriere als Profisportler war gefallen.

Außergewöhnlich

Skilegende Franz Klammer über Christian Troger

„Christian Troger hat in seinem bisherigen Leben Erstaunliches geleistet. Willensstärke, Mut, Kampfgeist, Ausdauer und Selbstdisziplin sind nur ein paar Worte, die diesen außergewöhnlichen Menschen beschreiben. (…) Christian hat für viele Menschen eine große Vorbildwirkung. Gemäß dem Motto „Sag niemals nie!“ meistert er seinen sportlichen Alltag mit Bravour. Er zeigt, dass es sich lohnt, zu kämpfen und für seine Träume einzustehen – ganz gleich, wie aussichtlos die Situation erscheinen mag. „Stärke wächst nicht aus körperlicher Kraft, sondern aus unbeugsamem Willen.“ Mit dieser Aussage lässt sich der Ausnahmesportler wohl am besten charakterisieren.

Sinnlosigkeit. Christian Troger wird am 8. Oktober 1983 in Spittal an der Drau geboren und lebt seit seiner Kindheit in Seeboden am Millstätter See. Die Natur, die Ruhe, das sind bis heute besonders wichtige Aspekte in Trogers Leben. Seine Kindheit war eine „unbeschwerte und sehr schöne“, er erlebte keine Diskriminierungen und fühlte sich in seinem Leben auch nicht eingeschränkt. War er immer schon sportbegeistert? Troger lacht – etwas, das er übrigens oft tut. „Na geh, überhaupt ned!“, winkt er im breitesten Kärntner Dialekt ab. „Meine sportliche Betätigung beschränkte sich bis vor wenigen Jahren auf das gemütliche Fußballschauen auf der Couch.“ Ziellosigkeit bestimmte lange Zeit sein Leben. Das Nicht-um-die-Zukunft-Kümmern, das sorglose Leben in den Tag hinein. Beruflich war Troger selbstständiger Handelsvertreter im Direktbetrieb – was mit sich brachte, dass er nur abends arbeitete und tagsüber freihatte. „Ein großer Vorteil, wenn man die Nächte nach der Arbeit in diversen Gasthäusern, Pubs und Diskotheken verbrachte“, erzählt er. Partys wurden immer häufiger, immer wilder, der Konsum von Alkohol und Zigaretten (bis zu 3 Packerl am Tag!) nahm mehr und mehr überhand. „Schon damals bestimmte ein Triathlon mein Leben!“, lacht er. „Der bestand aus: Laufen – von einem Gasthaus zum nächsten -, Rauchen und ungesunder Ernährung.“ Dass das eine „wilde, lässige Zeit“ gewesen sei, das will Troger gar nicht abstreiten. „Wenn man aber kein Ziel vor Augen hat, verliert die tollste Zeit irgendwann ihren Reiz. Ich fühlte mich orientierungslos und sah keine Sinnhaftigkeit in meiner Existenz. Mein eigenes Leben lief an mir vorbei, es gab keine Highlights. Im Grunde war ich unzufrieden mit mir selbst.“ Ob das nicht doch, unbewusst vielleicht, mit seiner Behinderung zu tun gehabt habe? Troger überlegt. „Vielleicht.“

Ironman. 2005 war er Zuseher beim Ironman in Kärnten („Eigentlich war ich nur wegen einer Party dort!“) und war sofort angetan vom Dreikampf, von der Willensstärke der Sportler und „in erster Linie davon, dass es sich nicht um einen Kampf gegen andere Athleten handelte. Für den Großteil der Teilnehmer gibt es nur zwei Gegner: die Strecke und sich selbst. Diese Einstellung zum Sport bewundere ich noch heute.“ Vielleicht spielt auch hier die Behinderung mehr mit, als Troger es sich selbst eingestehen möchte: Schließlich war es der Kampf, die Herausforderung mit dem eigenen Körper, nicht mit den Mitmenschen, die Troger sein gesamtes Leben bereits begleitet. Trotzdem änderte er erst 2008 seinen ungesunden Lebensstil, als sein Arzt ihm unmissverständlich klarmachte, dass es so nicht weitergehen kann. „Er empfahl mir ein bisschen Schwimmen und Radfahren. Ich sagte: Gut, tun wir Laufen dazu, dann kann ich einmal einen Ironman machen. Der Arzt meinte, das wäre für mich unmöglich.“ Aber, das ist bis heute so: „Je mehr man mir sagt, dass ich etwas nicht kann, desto mehr möchte ich mir und den anderen beweisen, dass ich es sehr wohl schaffe.“

„Ziele sind das Wichtigste im Leben!“ Troger begann zu trainieren, steigerte sich stetig. Laufen, Radfahren, Schwimmen. „Das Laufen war für mich das Schwierigste, da ich ja damals nur eine ganz herkömmliche Beinprothese hatte und keine Sportlerprothese.“ Aber Troger gab nicht auf, wollte unbedingt beim Ironman 2011 in Klagenfurt teilnehmen. Damals startete er eine Strategie, die er bis heute erfolgreich verfolgt: Er setzte sich klare Ziele. „Nicht Träume, sondern konkrete Ziele!“, betont er. „Das war der Punkt, wo ich mein Leben änderte.“ Folgenden Satz schrieb er auf ein Blatt Papier: „Ich, Christian Troger, werde im Juli 2011 den Kärnten Ironman Austria innerhalb von 17 Stunden erfolgreich beenden!“ Um aus dem Traum ein Ziel werden zu lassen, erstellte er sich einen genauen Plan nach der „3-W-Methode“, wie Troger es gerne nennt: WAS will ich erreichen, WANN und WIE? Das Blatt Papier befestigte er an einem gut sichtbaren Platz in seiner Wohnung, um sein „Projekt“ – sprichwörtlich – niemals aus den Augen zu verlieren. Natürlich gehört auch Mut dazu, Angewohnheiten und eigentlich das gesamte Leben zu ändern – was aber oftmals notwendig ist, wenn man sich große Ziele im Leben setzt und diese auch unbedingt erreichen möchte. „Mir hilft es bis heute, zum Beispiel auch während eines Ironman selbst, mir mein Ziel zu visualisieren. Ich stelle mir detailgenau vor, wie ich durch die Zielgerade laufe und mir das Publikum zujubelt. Und auch, wie ich am Siegertreppchen stehe.“ Wobei, hier ist Vorsicht geboten, warnt Troger (der auch gerne für Motiviationsvorträge von Unternehmen gebucht wird): „Setzen Sie sich realistische, aber keine kleinen Ziele – und vor allem kleinere Etappenziele auf dem Weg dorthin! Das motiviert!“

Das erste Mal. An die erste Teilnahme am Ironman Austria 2011 kann sich Troger erinnern, als wäre es gestern gewesen: „Zwischendurch dachte ich, ich sei tot.“ 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,2 Kilometer Laufen – schon für nicht behinderte Menschen kaum vorstellbar! „Natürlich ist es mir auf den letzten 20 Kilometern nicht mehr gut gegangen“, gibt Troger zu. „Es waren die längsten 20 Kilometer meines Lebens. Doch aufgeben, nur weil es schwierig wird? Nie im Leben!“ Generell sei es während der Teilnahme an einem Ironman so, erzählt Troger, dass „man irgendwann nicht mehr denkt, nicht mehr fühlt, sondern nur noch funktioniert. Man ist in einem Flow, man konzentriert sich nur noch darauf, alles richtig zu machen: Jede Stunde zu trinken, die Regeln einzuhalten, richtig zu atmen und so weiter. Man schaltet auf Automodus.“ Aber zurück zu Trogers erstem Ironman: „Um genau 23.33 Uhr, also knapp eine halbe Stunde vor Mitternacht und damit vor Zielschluss, hatte ich mir nach 16 ½ Stunden Schmerz, Kampf und Qualen meinen großen Traum erfüllt. Ich hatte mein Ziel erreicht. Traditionell wurde ich mit den Worten ‚Christian, you are an Ironman!‘ begrüßt. Gänsehaut pur.“

Kämpfen und gewinnen

Christian Troger sagt Ihnen, wie Sie Ihre Ziele erreichen.

  • Aus meinen Träumen formuliere ich klar definierte Ziele.
  • Ich schreibe mein Ziel auf und führe es mir täglich vor Augen.
  • Ich setze mir große Ziele, bleibe dabei aber realistisch.
  • Ich analysiere, was mich daran hindert, mein Ziel zu erreichen, und habe den Mut, diese Angewohnheiten zu ändern.
  • Um mein Ziel zu erreichen, gehe ich an meine Grenzen.
  • Ich fokussiere mich auf mein Ziel und nicht auf Hindernisse!
  • Was ich nicht ändern kann, bereitet mir keine Sorgen.
  • Ich kämpfe, um zu gewinnen, und nicht, um „nicht zu verlieren“.
  • Ich feiere Erfolge.

Der Weg zum Spitzensportler. Das Medieninteresse an seiner Person war von Beginn an groß, was Troger, das gibt er ehrlich zu, geschmeichelt hatte. „Ich stand im Mittelpunkt und fühlte mich wie ein Star.“ Vielleicht hat auch das dazu beigetragen, dass sich Troger nach seinem ersten Ironman dazu entschloss, Spitzensportler (im Behindertensport) zu werden. Auch diese Sache packte er zielgerichtet an, suchte Sponsoren, Menschen, die an ihn glaubten. „Ein harter Weg, aber nicht unmöglich.“ Etwas, das ohnehin das Lebensmotto von Christian Troger zu sein scheint. Mittlerweile ist er mehrfacher Welt- und Europameister im Triathlon und Duathlon. Neben seinem Beruf, den er zu Beginn immer noch ausführte, war sein Hauptfokus auf das Training gerichtet. „Spezifisches, tägliches Training, das oft bis an die Schmerzgrenze ging.“ Rückschläge blieben trotzdem nicht aus. So zum Beispiel gab es diverse Wettkämpfe, bei denen Troger nicht die Leistung erzielte, die er sich zum Ziel gesetzt hatte, trotz intensivem Training. Heute weiß er aber auch den Grund seines Scheiterns: „Es gab Zeiten, da habe ich mich zu sehr auf meine Konkurrenten und zu wenig auf mich konzentriert. Oder es gab Strecken, die mir solch eine Angst einflößten – zum Beispiel, wenn man im Sand laufen muss –, dass ich mir schon vor dem Start selbst jegliche Energie raubte.“

Dürfen anstatt müssen. Ans Aufgeben dachte Troger aber nie – und tut es bis heue nicht. Kraft gebe ihm seine Familie, seine Freunde, seine Lebensgefährtin, die Natur, die Heimat, der Glauben – und, natürlich, „ein konkret formuliertes Ziel.“ Das Vorurteil, er sei verbissen und habe keinen Spaß am Leben, will er nicht stehen lassen: „Wenn ich mein Leben heute mit meinem Leben vor dem Sport vergleiche, ist deutlich, dass ich ein glücklicheres, erfüllteres und zufriedeneres Leben habe.“ Gelernt habe er in den letzten Jahren, sich selbst nicht mehr so unter Druck zu setzen. „Ich mache mein Glück nicht mehr davon abhängig, ob ich meine Ziele erreiche oder nicht. Schon allein der Weg dorthin hält viele kleine Dinge bereit, die mich glücklich machen. Das Geniale dabei: Durch diese Lockerheit erreiche ich meine Ziele viel leichter. Es ist immer schwieriger, zu müssen, als zu dürfen.“ Besteht aber die Gefahr, dass er nie genug haben kann und nie mit dem zufrieden ist, was er erreicht hat? „Das bestreite ich nicht.“ Bis zur letzten Minute lässt Christian Troger, eine Kärntner Frohnatur durch und durch, keinen Zweifel daran, dass er kein Mitleid duldet. Wieso auch? Schließlich hat er es geschafft, seinen Traum in ein Ziel zu verwandeln – und dieses erfolgreich umzusetzen. Weshalb er heute wiederum sagen kann: „Ich lebe jeden Tag meinen Traum. Würde ich morgen mit zwei Beinen aufwachen, würde ich mich behindert fühlen“, gibt er offen zu. 2015 veröffentlichte Christian Troger sein erstes Buch: „Geht nicht – läuft! Mein Triathlon ins Leben – ein autobiografischer Ratgeber“. Ein Euro pro verkauftem Buch geht an die Franz-Klammer-Foundation.  

Weitere Infos: www.christian-troger.com

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