Dienstag, 15. Oktober 2019

Mein Leben nach dem Schlaganfall

Ausgabe 2019.06
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Abends wollte sie eigentlich tanzen gehen. Stattdessen wurde ihre Schädeldecke aufgebohrt, um die Gehirnblutung zu stoppen. Heute erinnert eine Gehbehinderung an Irene Adams Schlaganfall. Die Lebensfreude ist dennoch geblieben – und die Liebe zum Ehemann gewachsen.

 


Foto: Miriam Höhne

Der Begriff des Schlaganfalls mag in die Irre führen: Der Betroffene erleidet weder einen Schlag noch einen Anfall. Eher ist damit der Zeitverlauf gemeint: Aus heiterem Himmel, also: schlag- und anfallsartig, passiert etwas. Im Gehirn. Im Körper. Im Leben des Betroffenen. Plötzlich ist alles anders.

„Ihre Frau ist im Krankenhaus.“
Fritz Adam kann sich gut an den Schicksalstag erinnern: „Ich war für die Arbeit unterwegs, als plötzlich das Telefon läutete: Meine Frau sei im Krankenhaus, ich möge doch umgehend kommen.“ Gefasst ist seine Stimme, wenn der gebürtige Wiener und ehemalige selbstständige Tischlermeister diese Erinnerung wieder aufleben lässt. Trotzdem: Es ist deutlich, dass ihm das Erzählen bis heute nicht einfach fällt. Auch Irene Adam, heute 74 Jahre alt und die eigentliche Hauptperson dieser (Lebens-)Geschichte, kann sich noch gut an den 23. März 1999 erinnern: „Ich war in einem Sanitätsgeschäft einkaufen, als mir schlagartig übel wurde. Mir war schwindelig und die gesamte linke Körperhälfte war so schwach, dass ich mich nicht auf den Beinen halten konnte. Ein paar Tage zuvor war zudem meine linke Ferse taub geworden aber die Verbindung konnte ich erst viel später herstellen.“ Gerade ein Jahr war die Wienerin zu diesem Zeitpunkt in Pension. Die Seniorin umgibt heute noch eine positive Aura. Vielleicht auch deshalb, weil sie weiß: Es hat ein Schutzengerl auf sie aufgepasst. Mehrmals sogar. Das erste Mal im besagten Sanitätsgeschäft, denn die Leiterin war Krankenschwester, kam Adam sofort zu Hilfe. Für sie war klar: Das sieht nach Schlaganfall aus! Die Rettung wurde gerufen, mit Blaulicht raste man zum Wiener Allgemeinen Krankenhaus.

„Ich muss noch Tanzen gehen!“
Nach einer Computertomografie bestätigte sich der Verdacht der Krankenschwester: Ein Aneurysma war geplatzt, woraufhin es zu einer schweren Gehirnblutung kam. Die Ursache: nicht geklärt. Wenige Stunden später wurde operiert, die Schädeldecke aufgebohrt, um die Blutung zu stoppen. Natürlich sei sie damals nervös gewesen, aber die alles überschattende Angst kam erst später. „Ich habe zu dem Zeitpunkt noch nicht realisiert, wie ernst die Lage wirklich ist.“ Wieder muss sie lachen. „Ich bin jemand, der alles mit Humor nimmt. Zum behandelten Arzt meinte ich vor der OP: ‚Schauens’, dass Sie mich wieder schnell gesund machen, ich hab heute noch eine Verabredung zum Tanzen!“ Tanzen, das war seit jeher eine Leidenschaft des Ehepaares Adam, regelmäßig verabredeten sie sich mit Freunden zu geselligen Tanzabenden. Dass Irene Adam niemals wieder würde tanzen können, das wusste sie damals freilich noch nicht. Gatte Fritz: „Als ich ins Krankenhaus kam und von der Diagnose erfuhr, schossen mir zig Gedanken gleichzeitig durch den Kopf: Wie geht es jetzt weiter? Wie meistern wir unseren Alltag?“ Aber auch dem Ehemann versicherte Irene: „Wirst sehen, wir gehen wieder tanzen!“

„Er ist meine größte Stütze.“
Kurz nach der OP wurde mittels mechanischer Thrombektomie (siehe nebenstehendes Interview) das Gerinnsel entfernt. Die halbseitige Schwäche aber blieb, das Heben von Arm und Bein war so gut wie unmöglich. „Gott sei Dank hatte ich niemals Sprach- oder kognitive Störungen!“ Wieder lacht Irene. „Mein Gedächtnis hat sich nach dem Schlaganfall sogar verbessert.“ Nach vier Wochen im Wiener AKH wurde Irene in ein anderes Wiener Krankenhaus zwecks Schlaganfall-Nachsorge überwiesen, damals war sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Spätestens jetzt kam nicht nur die Angst, sondern auch eine Depression auf, verbunden mit Wut und Aggression – gegen sich selbst, gegen die ganze Welt. „Ich war immer schon ein selbstständiger Mensch. Plötzlich so hilflos zu sein, betreut werden zu müssen, war schrecklich. Ich konnte ja nicht mal alleine duschen oder auf die Toilette.“ Ja, Suizid sei durchaus in ihren Gedanken aufgetaucht. Jeden Tag besuchte Fritz sie im Krankenhaus, war immer an ihrer Seite. „Es war eine schreckliche Zeit“, erzählt er und ein Tränchen glitzert in seinem rechten Auge. „Aber für mich war selbstverständlich, dass ich für sie da bin.“ Immer schon verband das Ehepaar, das keine Kinder hat, eine innige Verbindung, aber beide sind sich sicher: „Der Schlaganfall hat uns noch stärker zusammengeschweißt.“

„Wie ein Felsen.“
Im Rahmen der Schlaganfall-Nachsorge wurde mit Physiotherapie der Körper wieder gekräftigt, fünf Wochen lang. Auch in der nahtlos übergehenden Schlaganfall-Reha hieß es: nicht lockerlassen, nicht aufgeben! Es war hart, Tränen flossen – aber der Schutzengel meldete sich zurück: Irene Adams Arm erlangte erneut seine volle Funktionstüchtigkeit. Das Bein jedoch wollte nicht: Seit dem Schlaganfall lebt Irene mit einer schweren Gehbehinderung, ist auf eine Krücke und einen Beinheber, eine Art Schiene, die sie immer tragen muss, angewiesen. In den eigenen vier Wänden kann die Krücke in der Ecke stehen bleiben, Möbel, Tischecken und sonstiges Mobiliar dienen zum Abstützen. Einen Schritt ohne Hilfe jeder Art kann sie allerdings nicht tun, dafür fehlen Kraft und Gleichgewicht. Zudem berichtet Irene von einer Überempfindlichkeit: „Ein Steinchen im Schuh fühlt sich wie ein Felsen an. Kälte wiederum spüre ich nur abgestumpft.“ Anstatt mit dem Schicksal zu hadern, arrangierte sich das Paar schnell mit der neuen Situation: Tischler Fritz brachte im Reihenhaus einen zweiten Handlauf an der Treppe an, die Badewanne wurde gegen eine begehbare Dusche mit Sitz ausgetauscht. „Wir kochen gemeinsam und gehen gemeinsam einkaufen“, erzählt das Ehepaar. Außerhalb der Wohnung ist Irene auf eine Begleitperson angewiesen – auch, weil „mir leicht schwindelig wird und ich dann den Überblick verliere. Zu viele Eindrücke.“ Direkt nach dem Schlaganfall konnte Irene nicht mal Radiogeräusche, geschweige denn eine Menschengruppe um sich herum ertragen. Ähnlich wie das Bein lahmte auch die Sinnesverarbeitung.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Mein Leben nach dem Schlaganfall
Seite 2 Selbsttherapie

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