Sonntag, 22. September 2019

Mein Leben nach dem Krebs

Ausgabe 03.2015
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Die Mehrheit der an Krebs Erkrankten überlebt. Und nach der Erkrankung? Viele erkennen diese existenzielle Krise als Chance für einen Neuanfang. gesünder leben hat mit Betroffenen gesprochen und zeigt, wie eine schwere Erkrankung zu einer Chance werden kann.


Foto: © Can Stock Photo Inc. - Dee21

Rund zwei Millionen Menschen befinden sich im deutschen Sprachraum in der sogenannten Krebs-Nachsorge. Das bedeutet, dass sie sich nach Abschluss der Tumorbehandlung in der Regel fünf Jahre lang Untersuchungen unterziehen, um eine möglicherweise wieder aufgetretene Krebser-
krankung frühzeitig zu entdecken und behandeln zu können. Zwei Millionen Betroffene! Und dazu kommt die noch größere Anzahl an Angehörigen. Eine große Masse, anonym und nicht greifbar, doch sie besteht aus Millionen Einzelschicksalen, aus Menschen wie du und ich. Jeder Einzelne macht die verschiedenen Phasen der Erkrankung und der Zeit danach durch. Zuerst ist die Diagnose ein Trauma und die Zeit der Therapie alles andere als einfach. Viele Ängste tauchen auf und zehren an den Nerven. Danach jedoch kann sich viel in Bewegung setzen. Oft wird Bilanz gezogen, das bisherige Leben betrachtet. Vielen kommen Gedanken an Veränderung. Die Wertigkeiten verschieben sich. „Viele werden achtsamer für die eigenen Bedürfnisse. Viele lernen, endlich Nein zu sagen zu Dingen, Personen und Anforderungen, die ihnen nicht guttun“, sagt Mag. Monika Hartl, Psychoonkologin und Psychologin der Krebshilfe Oberösterreich.

Gesundheitliche Vor- und Nachsorge. Ist die Zeit der Akuttherapie vorüber, beginnt der Neuanfang. Auch gesundheitlich bietet diese Zeit die Gelegenheit einer persönlichen Rezidivvorsorge (Vorsorge, dass der Krebs nicht zurückkehrt). Viele Patienten wissen davon jedoch nichts. Das hat mehrere Gründe. Zum einen: Es besteht zwar nach Abschluss der Akuttherapie die Möglichkeit einer Rehabilitationsmaßnahme, in der man die Verbesserung seines Lebensstils erlernen kann, doch vielen Patienten ist diese Möglichkeit einer Reha nicht bekannt. Zum anderen werden viele Patienten nicht aufgeklärt, dass sie selbst etwas für ihre Gesundheit tun können. Die Folge mangelnder Information ist, dass ein Teil der Patienten weiterlebt wie bisher. Ab und zu findet man als Patient zum Glück einen Arzt, der engagiert informiert und hilft. Dr. Helmut Retzek aus Vöcklabruck ist solch ein Arzt (siehe Interview).

Die Angst im Nacken. Wer krank ist oder eine Krankheit überstanden hat, der lebt fortan mit Krankheitsängsten. Das ist normal und man sollte diese Ängste nicht unterdrücken. Freilich ist das Ausmaß der Angst entscheidend. Ist sie zu groß, dann lähmt sie. In diesem Fall kann man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Ängste in geringerem, „normalem“ Ausmaß können aber auch motivieren. Sie motivieren, gesünder zu leben, das Leben zu ordnen, zu verbessern, neu zu starten. Viele Patienten leben nach überstandener Erkrankung viel gesünder als zuvor. Und wie soll man mit seinen Ängsten umgehen? „Ein Restrisiko einer Wiedererkrankung soll man akzeptieren und gleichzeitig aktiv leben. Ein wenig Angst ist in Ordnung, man soll auch gar nicht versuchen, völlig angstfrei zu werden, sondern sich auf das Machbare – nicht auf das Restrisiko – konzentrieren. Konzentration auf das, was man jetzt tun kann, ist entscheidend. Sei es, sich um die Kinder zu kümmern, Wünsche auszuleben oder einfach das zu tun, was im Moment möglich ist“, sagt Dr. Hans Morschitzky, Psychotherapeut und Angstexperte aus Linz.

Ins Tun kommen. Sehr hilfreich ist es, sich zu fragen: Was kann ich jetzt im Augenblick tun, um gut und gesund zu leben? Was kann ich tun, damit der Tag ein guter wird? Was kann ich tun, was mich erfreut, aufbaut und immunstärkend ist? Es geht nicht nur darum, positiv zu denken, sondern zu handeln und positive Erfahrungen zu machen, jeden Tag so zu leben, dass ich das Beste heraushole. Wichtig dabei ist, auf sich selbst zu hören, was einem guttut, und nicht Konzepte anderer zu übernehmen. Nicht ein jeder muss auf der Suche nach einem besseren Leben seinen Job kündigen, seinen Partner verlassen oder eine Weltreise machen. Jeder wird dort ansetzen, wo es konkret Probleme gibt. Einfach und hilfreich ist die Frage: „Was brauche ich jetzt?“ Diese Frage sollte man sich jeden Tag stellen. Morschitzky: „Man könnte eine achtsame Haltung so zusammenfassen: Ich spüre meine Gefühle, sehe meine Hoffnungen und Ängste, aber jetzt bin ich hier, jetzt kann ich handeln, ich tue jetzt, was nötig ist. Ich akzeptiere, was ist, und mache etwas aus meiner Zeit, und zwar jeden Tag.“

Buchtipp

buch-krebsThomas Hartl
Lebe!
Diagnose Krebs als Chance zur Veränderung
Verlag Überreuter, € 19,99

In diesem Buch erzählen Betroffene, insbesondere Geheilte oder zumindest stabile Patienten, ihre Geschichten. Es soll aber keine Schönfärberei betrieben werden. Es wird gezeigt, dass die Diagnose Krebs nicht automatisch heißt, dass nun alles aus ist, die Mehrheit überlebt die Erkrankung. Die realen Geschichten geben Hoffnung und Mut an jene weiter, die aktuell in einer schwierigen Situation sind. Mehr unter www.thomashartl.at.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Mein Leben nach dem Krebs
Seite 2 Betroffene berichten ganz offen

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