Mein Leben mit Rückenschmerzen

Ausgabe 2017.10

Stress, falsche Haltung, genetische Vorbelastung: Seit Jahren hat Ulrike Zeinzinger mit einer angeschlagenen Bandscheibe zu kämpfen. Mit viel Sport und Durchhaltevermögen sagt die 45-Jährige den Schmerzen den Kampf an – mit vollem Erfolg.


Foto: Miriam Höhne

Ulrike Zeinzinger ist flotten Schrittes unterwegs. Ihr Händedruck ist fest, die Waden machen denen eines Fußballers Konkurrenz. Ihren schweren Rucksack trägt sie nicht nur mit Leichtigkeit, auf ihn ist auch noch ein Fahrradhelm festgemacht. „Vom Bahnhof wird heute noch nach Hause geradelt, das mache ich immer“, erzählt die 45-jährige gebürtige Tirolerin. Das war’s aber noch nicht mit den sportlichen Vorsätzen, die sie sich für diesen Tag noch gesetzt hat: „Später am Abend ist eine kleine Runde Nordic Walking schon noch drin. So 5 Kilometer werden’s heute sein.“ Zwei Tage vor dem Interview waren’s sogar 17 Kilometer – in weniger als 2,5 Stunden. Passend also, dass wir uns im Wiener Prater treffen. „Hier war ich vor fünf Jahren das letzte Mal.“ Nachsatz: „Da war ich beim Frauenlauf dabei.“ Klar.

Leidenschaft Sport. Sport ist Ulrikes große Leidenschaft. Vielleicht ist er auch ihr Leben. Sport hat sie sogar studiert, gemeinsam mit Deutsch, beides auf Lehramt. Nebenberuflich schreibt die Lehrerin an einer Mittelschule Kinderbücher. „Ich habe von klein auf Leistungssport gemacht“, erinnert sie sich. Auch ihr Bruder ist ein Sportfreak. Während er seine Leidenschaft im Downhill-Biken gefunden hat, war es bei Ulrike „quer durch die Bank: von Badminton zur Leichtathletik bis zum Skifahren. Vor allem aber war ich begeisterte Läuferin.“ Ulrikes Sportverhalten hat sich aber verändert. Denn vor sieben Jahren begannen die berühmten Tücken mit dem Rücken: „Bei bestimmten unüberlegten Bewegungen hat’s im Lendenwirbel- und Kreuzbeinbereich weh- getan. Ein dumpfer, aber vor allem stechender Schmerz. So als ob dir jemand immer wieder ein Messer raus- und reinrammt.“ Dazu kamen die typischen Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich. „Aber die kennt eh jeder, der viel am Computer arbeitet.“ Als Ursache nennt Ulrike „ein Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren.“ Denn, davon ist sie überzeugt: „Jedes gesundheitliche Problem muss ganzkörperlich gesehen – und behandelt – werden. Selten gibt es nur einen einzigen Auslöser.“ Zum einen ist Ulrike genetisch stark vorbelastet: „Sowohl mein Bruder als auch mein Vater und meine Onkel haben’s arg mit dem Rücken, genau an derselben Stelle.“ Dazu kam, dass Ulrike gemeinsam mit ihrem Mann und den drei Kindern innerhalb kürzester Zeit zweimal umzog – was nicht nur mit Stress, sondern auch mit höchster körperlicher Anstrengung einherging. „Beim Heben der Umzugskisten habe ich meist falsche Bewegungen gemacht; habe dabei nicht aus den Beinen, sondern aus dem Rücken meine Kraft geholt. Und eine allgemein schlechte Haltung, zum Beispiel beim Sitzen, hat das Übrige dazu beigetragen.“ Und das, obwohl sie ein Sportstudium hinter sich hat ...? Ulrike lacht zwar, wirkt gleichzeitig aber auch etwas ertappt. „Natürlich weiß man es im Hinterkopf besser“, gibt sie zu. „Wir alle wissen, dass bestimmte Bewegungen im Alltag für unseren Körper schädlich sind. Aber man macht’s halt trotzdem. Weil wir uns vieles falsch eingelernt haben – und natürlich auch aus Bequemlichkeit.“

Fast-Bandscheibenvorfall. Anfangs hat Ulrike die Schmerzen im Rücken ignoriert. „Man glaubt ja immer ein bisserl, man ist unzerstörbar.“ Mit der Zeit wurden sie aber häufiger und intensiver. „Eine einzige falsche Bewegung oder ein Tag auf der Baustelle unseres Hauses hat gereicht, dass ich mich danach tagelang nicht rühren konnte. Es tat weh und meine Rückenmuskulatur war vollkommen versteift. Man nimmt dann eine Schonhaltung ein.“ Den Begriff „außer Gefecht gesetzt“ möchte Ulrike nicht verwenden, denn: „Bei drei Kindern kannst du es dir nicht leisten, den ganzen Tag im Bett zu liegen. Da musst du durch und leidest.“ Die Diagnose beim Arzt („Ich habe mich gezielt an Orthopäden gewandt!“) war dank MRT-Untersuchung schnell und eindeutig: Eine Bandscheibe war beschädigt – „ausgebeult“, wie Ulrike es beschreibt. „Das Risiko, einen Bandscheibenvorfall zu erleiden, ist durch diese Ausbeulung um ein Vielfaches erhöht“, erklärt Ulrike. Ganz ihrer Frohnatur gemäß scherzt sie aber gleich darauf: „Ich bin also ein permanenter Fast-Bandscheibenvorfall!“

Der Hang zu Medikamenten. Seitdem hat sie immer wieder Orthopäden zu Rate gezogen, das Resümee fällt aber – auch da ist Ulrike, ganz Tirolerin, sehr direkt – durchaus durchwachsen aus: „Die meisten Orthopäden haben mir vor allem Schmerztherapien angeboten, zum Beispiel in Form von Kortison-Infiltrationen. Ich stehe Medikamenten aber allgemein kritisch gegenüber.“ Noch heute wirkt Ulrike verärgert, wenn sie sagt: „Ärzte sind mir viel zu sehr medikamentenlastig und denken leider viel zu wenig an andere, natürlichere Möglichkeiten.“ Neben einer kostspieligen Stoßwellen-Therapie war gar von einer Operation die Rede, die Ulrike aber ausschlug: „Mein Vater, übrigens selbst Arzt, als auch mein Bruder haben beide Bandscheiben-Operationen hinter sich und leiden unter dem Ergebnis.“ Kurz: Anstatt mit Medikamenten entschloss sich Ulrike, mithilfe von Sport und Bewegung ihren Rückenproblemen den Kampf anzusagen.


 

Auf die Muskeln kommt’s an. Weil durchs Reden die Leut zamkommen, empfahl ihr ihre Nachbarin, es mit Wirbelsäulengymnastik zu probieren. „Man kommt schnell drauf: Rückenprobleme haben sehr viele Leute.“ Das wöchentliche Training bei einer Heilmasseurin, die Ulrike zusätzlich mit Massagen bei ihrer Genesung unterstützte, zeigte bald Wirkung: Nach und nach wurden die Schmerzen weniger, der Rücken wieder beweglicher, die Lebensqualität wieder höher. „Ich war von Anfang an begeistert.“ Auch andere Sportarten übte Ulrike (wieder) aus, „aber die Wirbelsäulengymnastik war für den Rücken das Beste. Es geht hier darum, die kleinen Muskeln im Rücken zu stärken und die Bandscheiben zu stabilisieren. Im Grunde läuft immer alles auf die Muskeln hinaus: Hast du kräftige Muskeln, ist schon eine sehr wichtige Grundbasis gegen die Schmerzen geschaffen. Muskeln sind das Um und Auf.“ Dann aber, es war der Oktober 2016, passierte es: Ulrike verletzte sich beim Klettern schwer, ein Rippenbruch war die Folge. Schmerzhaft, aber trotzdem Glück im Unglück: „Gott sei Dank hat meine Wirbelsäule nichts abbekommen, wie anfangs kurzzeitig vermutet wurde. Das habe ich sicher meiner guten körperlichen Kondition zu verdanken.“

Mit Bewegung gegen Schmerzen. Die kommenden Monate waren eine mühsame Zeit der Genesung: „Jedes Durchatmen, jedes Hüsteln, ja sogar das Schnäuzen tat weh.“ An Sport war da natürlich nicht mehr zu denken. Und der Rücken? Der fing wieder an zu schmerzen, genau an derselben Stelle, genau dieselbe Bandscheibe, genau dieselben Messerstiche. „Da war mir endgültig klar, was ich früher schon bemerkt habe: Sobald ich nix tu und meinen Körper vernachlässige, melden sich wieder die Schmerzen zurück. Nur durch Sport und Bewegung habe ich meine Rückenprobleme im Griff.“ Ein Teufelskreis: „Wenn du dich während der Schmerzphase bewegst, tut’s weh. Aber wenn du dich nicht bewegst, tut’s sogar noch mehr weh. Also hilft eigentlich nur eines: durchbeißen.“ Schonend und sich langsam steigernd, hat Ulrike wieder begonnen, ihren Körper sprichwörtlich in Bewegung zu setzen, zuerst mit kurzen Spaziergängen. „50 Meter rauf, 50 Meter nach rechts, 50 Meter wieder zurück – und dafür hab ich eine gute Dreiviertelstunde gebraucht!“, erinnert sie sich, heute lachend. Rückblickend ist Ulrike, wenn man so will, sogar dankbar für den Unfall: „Er war der Auslöser, dass ich heute wieder mehr Sport mache.“ Bald entdeckte sie eine Sportart für sich, die sie bis heute nicht losgelassen hat und die sie mit großer Leidenschaft verfolgt: Nordic Walking. „Anfangs dachte ich, das ist nur etwas für alte Leute“, gibt sie zu. Aber schon bald war klar: „Betreibt man diese Sportart richtig, ist Nordic Walking nicht nur schweißtreibend, sondern auch effektiv für den ganzen Körper.“ Bis zu 90 Prozent aller Muskeln im Körper werden beansprucht, nicht zuletzt auch der gesamte Schultergürtel und die Wirbelsäule. Im Gegensatz zum Jogging werden durch die Stöcke Hüft-, Knie- und Sprunggelenke geschont. „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass Nordic Walking so viel Spaß macht, aber auch so herausfordernd ist.“ Mittlerweile hat Ulrike auch ihre Familie mit dem Nordic-Walking-Fieber angesteckt: Viermal wöchentlich legt sie gemeinsam mit ihrem Mann eine rund sieben Kilometerlange Strecke zurück, manchmal ist auch ihr 15-jähriger Sohn mit dabei. „Wenn wir mehr Zeit haben, dürfen’s auch 10 oder 15 Kilometer sein.“ Diese Touren tun nicht nur dem Körper, sondern auch der Seele gut: „Wir genießen diese Zeit miteinander. Wir quatschen dabei über Gott und die Welt, besprechen Alltagsdinge – oder schweigen auch mal und genießen gemeinsam die Stille.“  

Bestes Heilmittel. Nordic Walking ist nicht der einzige Sport, den Ulrike ausübt: So macht der Familie Zeinzinger auch Schwimmen, Klettersteigen, Skifahren und Wandern („Gestern waren wir Schwammerl suchen!“) Spaß. Und wie geht’s dem Rücken? „Wenn ich fleißig Sport mache, geht’s mir gut. Man muss halt konsequent sein.“  Auch wenn sie zurzeit „gar nix“ spürt, ist sich Ulrike bewusst: „Mit meiner angeschlagenen Bandscheibe muss ich leben, die ist immer da. Mach ich eine falsche, zum Beispiel ruckartige, Bewegung oder arbeite ich etwas im Garten, das mit Strapazen für den Rücken verbunden ist, bin ich am nächsten Tag schmerzgeschädigt.“ Ulrikes Resümee: „Sport ist das allerbeste Heilmittel. Man muss nur endlich den Hintern hochkriegen!“

 

Experten-Interview

Dr. Michael Quittan, Wiener Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation im Gespräch mit GESÜNDER LEBEN.

Bewegung als Rückgrat der Therapie!

Welche Ursachen können hinter Rückenschmerzen stecken?
Quittan: Grundsätzlich können die Ursachen für Rückenschmerzen sehr vielfältig sein. Hier muss man immer auch das Lebensalter des jeweiligen Betroffenen betrachten. Man kann sagen: Meist sind die Prognosen von Rückenschmerzen in der Mitte des Lebens sehr gut. Häufige Ursachen sind verspannte oder verkürzte Muskeln, eine Überbeanspruchung der Gelenke, aber auch Fehlhaltungen, Bandscheibenschäden, Abnützungen oder irritierte Nerven. Im Einzelfall können aber auch Tumore, Frakturen, Entzündungen, ein Bandscheibenvorfall oder Osteoporose dahinterstecken.

Kann auch ein Mangel an Bewegung zu Rückenschmerzen führen?
Quittan: Selbstverständlich. Die Wirbelsäule ist ein Organ: Es gibt hier Knochen, Bänder, Bandscheiben, Gelenke, Gelenkskapseln, Muskeln etc. Wenn all diese Strukturen nicht bewegt und belastet und somit regelmäßig durchblutet werden, werden sie zu Schmerzgeneratoren. Bewegung ist das Rückgrat jeder Therapie der Rückenschmerzen. Auch präventiv gesehen ist Bewegung bzw. Sport die beste Prophylaxe.

Wie sieht eine Behandlung von Rückenschmerzen aus?
Quittan: Der erste Ansprechpartner sollte der Hausarzt sein. Der kann, wenn nötig, zum Facharzt für Orthopädie oder physikalische Medizin überweisen. Wenn man eine erste Episode von Rückenschmerzen hat, sind diese sehr oft idiopathisch – das heißt, die genaue Ursache ist nicht bekannt. Erst wenn nach zwei bis vier Wochen nach Beginn einer entsprechenden Schmerztherapie keine wesentliche Besserung eintritt, ist eine weitere Abklärung empfehlenswert, um schwerwiegendere Erkrankungen auszuschließen – aber auch, um eine Chronifzierung zu verhindern.

Wie viele Stunden in der Woche sollte man sich mindestens bewegen?
Quittan: Mindestens drei Stunden in der Woche, aufgeteilt auf drei bis fünf Einzeleinheiten. Wir reden hier nicht von Sport, sondern von Bewegung: zu Fuß gehen, anstatt mit dem Auto zu fahren, Treppen zu steigen, anstatt den Lift zu benützen etc. Flottes Gehen reicht für den untrainierten Menschen aus. Den größten Benefit hat man, wenn man von der Couch aufsteht und sich beginnt zu bewegen. Rückenschmerzen sind immer ein Signal dafür, den Lebensstil zu hinterfragen, zu analysieren und gegebenenfalls zu verändern.

 

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