Sonntag, 26. Mai 2019

Mein Leben mit Prostatakrebs

Ausgabe 04.2015
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Ekkehard Büchler lebt seit mehr als zwei Jahrzehnten mit der Diagnose Prostatakrebs. Angst hat er keine – dafür aber einen eisernen Willen: Er will Prostatakrebs-Patienten mehr Respekt erkämpfen.


Foto: Miriam Höhne

Das einzig Sichere, das wir seit unserer Kindheit wissen, ist der Tod. Deshalb brauche ich mich auch vor dem Sterben nicht zu fürchten.“ Ekkehard Büchler sieht die Welt pragmatisch. Er ist keiner, wie er selbst sagt, der „leicht Angst verspürt“, der sich im Selbstmitleid aufgibt oder der sich gar die Frage „Wieso ich?!“ stellt. Scherzhaft bezeichnet sich der 73-Jährige als „zynischen, alten Mann, der sich gerne aufregt“. Es ist ein Augenzwinkern dabei, wenn er so über sich selbst spricht, klar, und doch hat man das Gefühl, dass auch Trauer in seiner Selbstbeschreibung mitschwingt – wenigstens ein bisschen. Wenn Ekkehard Büchler auf sein Leben zurückblickt, dann spiegeln sich Freude, Melancholie und auch Zorn in seinen Augen. All das darf sein. Denn seit gut 20 Jahren hat Büchler sein Leben dem Thema Krebs verschrieben.

Diagnose: Hochrisiko. 52 Jahre alt war er, als Büchler die Diagnose Prostatakrebs bekam – die häufigste Krebsart bei Männern. „Nicht sehr feinfühlig übrigens“, wie er sich heute erinnert. „Der Arzt hat mir ohne große Umschweife und mit fehlender Sensibilität die Diagnose um die Ohren gehauen.“ Beschwerden hatte er keine, erzählt der pensionierte Tourismusexperte, weshalb er lange Zeit nicht daran glaubte, tatsächlich ernsthaft krank zu sein. Im Rahmen einer Nabelbruch-OP entdeckte man im Blutbild plötzlich gefährlich hohe PSA-Werte. „Ich wurde daraufhin angewiesen, möglichst schnell die Urologie im Krankenhaus aufzusuchen“, erinnert sich Büchler. „Das Einzige, was ich mir dachte, war: ‚Ich gehör da nicht hin. Mein Werkzeug funktioniert einwandfrei.‘“ Während die erste Biopsie noch keinen eindeutigen Befund lieferte („Wieder dachte ich: Ich hab’s euch ja gesagt, i hob nix!“), war die Diagnose beim zweiten Mal eindeutig: „Hochrisiko-Krebs“. Genauer: „groß- und kleinzelliger Krebs“. Noch nicht metastasiert, Gott sei Dank, aber durchaus höchste Alarmstufe.

Weg mit Hindernissen. Kurze Zeit später wurde Büchler operiert – „nervenschonend“, wie er erklärt. Die Nerven, die für eine Erektion notwendig sind und die sich wie ein hauchdünnes Netz über die Prostata spannen, wurden nicht durchtrennt. Bevor er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, führte man eine sogenannte Dichtheitsprobe des Katheters durch. Das heißt, die Blase wird über den Katheter entleert und stattdessen Kontrastmittel verabreicht. So ist es möglich zu überprüfen, ob die Naht zwischen Harnleiter und Blase dicht ist und ob der Schließmuskel funktioniert. Bei Büchler ein Problem: „Das gesamte Kontrastmittel ist ausgeronnen und ich konnte es nicht stoppen. Da bin ich mal kurz hysterisch geworden.“ Zwar konnte das Problem binnen kürzester Zeit behoben werden, einige Wochen danach aber der nächste Schock: Impotenz. Mittels Injektionen konnte Büchler bald wieder seinem Sexualleben nachgehen, heute ist eine Erektion wieder ohne Spritze möglich. Büchler machte auch eine Kur/Reha, schonte sich, so gut es ging – und trotzdem: Die PSA-Werte stiegen erneut an. Er entschied sich für eine Strahlentherapie – und griff, neben einem anschließenden sechsmonatigen Hormonentzug, auch auf alternativmedizinische Behandlungsmethoden zurück: Er begann eine Misteltherapie, bei der Mistelextrakte subkutan gespritzt werden. „Ich bin überzeugt, dass dank dieser Therapie die Werte weniger schnell gestiegen sind.“ Zusätzlich musste sich Büchler einer Enddarm-Verödung unterziehen, sich für geraume Zeit dreimal selbst katheterisieren und ein Jahr lang ein Urinal-Kondom tragen. Schlussendlich bekam er einen künstlichen Blasenschließmuskel, der in den letzten Jahren erneuert wurde. „Angst kenne ich trotzdem keine.“
Der Mann in der Familie. Zurzeit machen Büchler die erneut steigenden PSA-Werte Sorgen, auch wenn er betont: „Wenn ich bald sterbe, dann sicherlich nicht an Prostatakrebs!“ Und: Darmprobleme und leichte Inkontinenz („Ich muss eine Einlage tragen“) erschweren seinen Alltag. „Da ich sehr reinlichkeitsbewusst bin, macht mir das schwer zu schaffen.“ Ob ihn seine Krankheit verändert habe, wollen wir von ihm wissen. „Weiß ich nicht“, ist Büchlers knappe Antwort, setzt aber zugleich zu einer Erklärung an: „Meine Familie hat meine Krankheit von Beginn an ignoriert, also habe auch ich sie hintangestellt.“ Jahrzehntelang sei seine Frau im Mittelpunkt gestanden – denn diese ist mit 35 Jahren an Brustkrebs erkrankt und vor einigen Jahren verstorben. „Ich habe mich bis zuletzt um sie gekümmert. Ich war der Mann, ich musste die Familie zusammenhalten.“ Für seine drei Töchter steht heute die Sorge um Brustkrebs im Mittelpunkt, über die Krankheit vom Papa wird nur wenig gesprochen. Trotzdem – oder gerade deshalb: Damals, als plötzlich das Thema Krebs auf so vielerlei Arten sein Leben bestimmte, hat sich Büchler intensiv damit auseinandergesetzt. Er recherchierte eingehend und war sogar jahrelang ehrenamtlich als Rechnungsprüfer bei der Frauenselbsthilfe tätig. Mit 59 Jahren ging er in die Frühpension – wenn auch nicht ganz freiwillig: „Nach meiner OP wurde mir unmissverständlich klargemacht, dass ich gefeuert werde, wenn ich nicht meine volle Leistung bringe.“   

Übersicht zu diesem Artikel:
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