Freitag, 24. Mai 2019

Mein Leben mit mit paranoider Schizophrenie

Ausgabe 2018.11

Klaus Gauger weiß, wie es ist, wenn das eigene Denken nicht mehr gesteuert werden kann: Er lebt seit rund 30 Jahren mit paranoider Schizophrenie. In GESÜNDER LEBEN erzählt er von Dauerbeobachtungen, Mordanschlägen und vermeintlichen Verrätern. Und wie er sich von diesem Wahn befreite.


Im Februar 1994 verlor ich frühmorgens gegen 3 Uhr ganz und gar die Kontrolle. Ich geriet in Panik, weil ich hinter den Wänden meines Zimmers Abhörgeräte vermutete. Angesichts dieser Ereignisse und meines Zustands sahen meine Eltern keine andere Möglichkeit mehr, als den Notarzt zu rufen. In der Holzvertäfelung neben meinem Bett klaffte ein großes Loch. Ich hatte es mit der bloßen Faust hineingeschlagen und dann noch mehrere Holzlatten mit den Händen herausgerissen. Zudem hatte ich mein Bett umgedreht, um auch dort nach Mikrofonen zu suchen.“ Damals war Klaus Gauger 29 Jahre alt. Die Diagnose, die nach der Zwangseinweisung in die Psychiatrie seiner Heimatstadt Freiburg (D) gestellt wurde: paranoide Schizophrenie! Als „krasse Erfahrung“ beschreibt Gauger diese Erinnerung. „Ein bürgerliches Todesurteil. Die Zerstörung meines Lebens.“

Vom Liebeskummer ...
Klaus Gaugers psychische Gesundheit zeigte das erste Mal mit 23 Jahren Risse: In einer „fast manischen Hochstimmung“ befand er sich im Sommer 1988, gefolgt von emotionaler Verletzlichkeit, diffusen Ängsten, Aggressivität, Konzentrationsschwierigkeiten, Apathie und „seltsamer Abwesenheit“. Drogen- und starker Alkoholkonsum inklusive. Eine unglückliche Liebe war es, die Gauger den Halt im Leben verlieren ließ. „Ich erreichte nie wieder die emotionale Stabilität, die ich vor dieser Geschichte hatte.“ Als man sich einige Jahre später über eine von ihm verfasste negative Konzertkritik bei der Zeitungsredaktion heftig beschwerte, nahm die Krankheit überhand – und sollte von nun an immer mehr Besitz von Gaugers Leben ergreifen: „Es baute sich Schritt für Schritt ein wahnhaftes System in mir auf.“

Buchtipp

buch1Meine Schizophrenie

Kalus Gauger

232 Seiten, Herder Verlag, € 20,-

... zur Paranoia
Bald „wurden die Gesichter auf der Straße immer bedeutungsvoller für mich – immer mehr Menschen schienen etwas über mich zu wissen! Sie beobachteten mich. Die ganze Stadt wurde mir auf diese Weise unheimlich.“ Die Gesichter schienen Botschaften für ihn bereitzuhalten. Heute weiß Gauger: Dies war der Beginn eines für die Schizophrenie typischen Vernetzungs- und Beziehungswahns. „Ich hatte das übermächtige Gefühl, im Zentrum eines gigantischen Beobachtungs- und Überwachungsnetzes zu sein – und alle Menschen in meiner Umgebung, auch meine engen Freunde und meine Familie, waren Agenten dieses Netzes.“ Die Paranoia wuchs beständig: Anfangs waren es überall Abhörsysteme (Gauger schraubte sogar Steckdosen und Telefone auseinander, „immer auf der Suche nach Mikrofonen und Minisendern“), dann fühlte er sich von einem „global brain“ verfolgt – einem Netz, das die Gehirne aller Menschen verband. Kurz: Gedankenentzug – typisch für eine Ich-Störung, erklärt Gauger fachmännisch. „Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen in meiner Umgebung auf meine Gedanken reagierten.“ In der sogenannten Kybernetik, fand er „eine ideale Projektionsfläche für meine paranoiden Ideen.“ Es handelt sich dabei um eine heute überholte diffuse fachübergreifende Wissenschaftsdisziplin, die „die Steuerung und Regelung von Maschinen, lebenden Organismen und sozialen Organisationen“ zum Thema hat. Gauger war endlich, so dachte er, zu Hause angekommen. Ein Daheim, das bald vor allem aus Flucht bestand: Menschen waren nur mehr „systematische Marionetten“, die verhindern sollten, dass er in den ausgewählten Kreis der Kybernetiker aufgenommen werden sollte.

Odyssee
Was folgte, könnte nicht mal der spannendste Hollywood-Film besser erzählen: Er glaubte, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel wolle ihn tot sehen, sein Vater wolle ihn gar erschießen. Wie reagierte er auf diese Vorstellungen im „echten Leben“? Gauger flüchtete von Stadt zu Stadt, quer durch die USA, nach Paris, Spanien, schlussendlich sogar nach Japan – nie zur Ruhe kommend, immer in der Hoffnung, Teil des kybernetischen Systems zu werden. Als „weltweite Irrfahrt“ beschreibt Gauger seine Reisen rückblickend. Nirgends fühlte er sich sicher, versteckte sich vor Sicherheitskameras oder vermeintlichen Scharfschützen. Aber: „Nie wurden Selbstzweifel in mir laut“, erzählt Gauger. „Das kybernetische System musste existieren, weil ich es überall sah und spürte!“ Zeichen ließ man ihm in Form von Ampel-Blinksignalen oder Totenköpfen, die er plötzlich überall sah, zukommen. In TV-Nachrichten, Zeitungen und Büchern meinte er, Botschaften an ihn zu erkennen.

Verzauberte Welt
Niederlagen wurden mithilfe der Wahnideen zurechtgebogen. Gauger beschreibt die Schizophrenie-Phasen als „anstrengende, aber schöne Zeit“, die ihm groteskerweise Sicherheit und Geborgenheit bot. Ja, sein berufliches und privates Leben war stillgestanden, die Karriere am Ende, bevor sie begonnen hatte. Das belastet Gauger heute noch, er spricht von „schweren Verlusten“. Trotzdem erinnert er sich an „große Glücksmomente“: Die Welt empfand er während des Wahns als „verzaubert“, sein „offenes Gehirn war in ständiger Kommunikation mit dem kybernetischen Netzwerk“. Langweilig wurde ihm nie, allein fühlte er sich, obwohl sich immer mehr Freunde von ihm abwandten, auch niemals, er war schließlich „geborgen in einer Art Netz“. Gauger glaubte überdies, er sei reich. Der Größenwahn ließ sein Selbstbewusstsein bis ins Unendliche wachsen. Zudem intensivierten sich seine sinnlichen Erfahrungen: Der Genuss von Büchern oder Musik berauschten Gauger, wie er es bis dahin noch nie erlebt hatte.

Vom fremden Planet zur Erde
Als wesentlich schlimmer erlebte Gauger die Depressionen, die unweigerlich nach einer schizophrenen Phase folgen. „Während der Krankheit lebt man auf verschiedenen fremden Planeten. Kehrt man auf die Erde zurück, muss man erst mal sehen, wie man mit dem Leben wieder zurechtkommt. Da wird man sich erst bewusst, was die Krankheit angerichtet hat.“ Scham sei hier ein dominierendes Gefühl, meint Gauger. Erhebliche Medikamenten-Nebenwirkungen wie Apathie, ein „Robotergang“, übermannende Müdigkeit, Nikotinsucht und starke Gewichtszunahme verstärkten die Depressionen. Das war auch der Grund, wieso Gauger die medikamentöse Therapie regelmäßig eigenhändig absetzte. Geholfen wurde Gauger schließlich 2014 in einer spanischen Psychiatrie, wo endlich die richtige medikamentöse Therapie gefunden wurde. Der Start zurück ins echte Leben begann.

Zurück in der Realität
Seitdem ist Gauger symptomfrei. Wenn er von seinen damaligen Wahnideen spricht, kann er sich ein süffisantes Grinsen nicht verkneifen. „Natürlich ist alles lächerlich!“ Gauger, heute 53, lebt immer noch bei seinen Eltern, arbeitet in einem psychiatrischen Pflegeheim und hat ein Buch über seine Krankheitsgeschichte geschrieben. Die Medikamentendosis hat er kürzlich erhöht, weil sich zu Ostern eine erneute schizophrene Phase anzubahnen schien. „Kybernetische Ideen kamen wieder zurück, das fand ich gar nicht gut!“ Verschwörungstheorien interessieren Gauger im normalen Zustand, wie er es nennt, nämlich gar nicht. „Alles verrückter Blödsinn!“ Unter seiner Gewichtszunahme leidet er, eine Magenverkleinerung steht im Raum. Er umgibt sich nur noch mit Freunden, „die mir guttun“. Das Ausbleiben der eigenen Familie sowie der Karriere habe er überwunden, meint er, auch wenn seine Augen dabei traurig wirken. Grundsätzlich gehe er mittlerweile vom Guten im Menschen aus. Davon sei er ganz fest überzeugt – auch ohne globale Gedankenvernetzung. 

 

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