Dienstag, 16. Oktober 2018

Mein Leben mit Magersucht

Ausgabe 2018.02
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Die unstillbare Sehnsucht nach Kontrolle war es, die Larissa Sarand drei Jahre lang hungern ließ. Babykarotten, Gurkenscheibchen und Cola light war alles, was am Menüplan der jungen Frau stand. Dabei nahm nicht nur ihr Körper, sondern auch ihre Seele Schaden. Aber essen, das kann Larissa heute wieder.


Foto: LARISSA SARAND - Autorenfoto - © Konstantin Zander

Es gibt Menschen, für die bedeutet Essen ein Ausfechten eines ewigen Kampfes, bei dem es am Ende keinen Gewinner gibt. Dann wird Nahrungsaufnahme zu einer schier unüberwindbaren Hürde – oder zur „Herausforderung“, wie Larissa Sarand es nennt. Die heute 29-Jährige lebt seit gut drei Jahren mit Magersucht. „Es ist eine gefährliche, heimtückische und hartnäckige Krankheit“, so Larissa. Und: „Ich habe eine lange Zeit hinter mir, in der ich zwischen Nacht und Dunkel schwebte.“

Vom Drang, das Leben zu kontrollieren. Es war 2014, während einer Reise nach Rom, als Larissa bemerkte, dass Essen kein Genuss mehr für sie ist. Dass da etwas nicht stimmt in der Beziehung zwischen ihr und Lebensmitteln, dass sich da ein „zunehmend verkrampfter Umgang“ herauskristallisiert. Ein halbes Jahr vor dem Urlaub in die italienische Hauptstadt verlor Larissa, damals 26 Jahre alt, beide Elternteile innerhalb kürzester Zeit. Der Vater war seinem Krebsleiden erlegen, die schwer depressive Mutter nahm sich kurz danach das Leben. Larissa beschreibt ihr damaliges Gefühlsleben als „narkotisiert“. „Die Trauer, die ich zwar nicht zulassen konnte geschweige denn zu zeigen vermochte, rumorte dennoch in mir. Sie suchte nach einem Weg, sich Ausdruck zu verleihen. Ich strafte sie mit Nichtachtung. Und sie revanchierte sich, indem sie mich in die Magersucht schickte.“ Denn der Einstieg in die Anorexie, betont die junge Frau, war keinesfalls vom Wunsch, so schlank wie möglich zu sein, getrieben. Vielmehr war es die Sehnsucht, wieder selbst über das Leben, das Schicksal bestimmen zu können. Denn nach einer Phase unkontrollierbarer Ereignisse bot die Magersucht Larissa „die Möglichkeit, endlich wieder selbst etwas im Griff zu haben. Ich hatte wieder die Kontrolle, hatte mich unter Kontrolle.“  

Buchtipp

buchLarissa Sarand
Friss oder stirb: Wie mir die Magersucht auf den Magen schlug und ich ihr ins Gesicht
Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2017, 224 Seiten,
€ 9,99

Vom Drang, zu hungern. Trotz stundenlanger Fußmärsche ernährte sich Larissa während ihres Romaufenthalts vor allem von Obst, Gemüse, Paradeisern und Babykarotten – und Cola light, ein Getränk, das von nun an fixer Bestandteil ihres Speiseplans wurde, denn irgendwoher musste ja die Energie kommen. Es dauerte nicht lange, bis weitere Symptome der Magersucht überhandnahmen: Während anfangs Schlagobers durch 0,1 %-Joghurt ersetzt wurde und noch der eine oder andere Erdapfel erlaubt war, bestand Larissas Menüplan mit der Zeit nur noch aus Salaten, Gemüse und zwischendurch einer Semmel, deren Innerstes jedoch zuvor sorgsam entfernt wurde. Zu Ostern gab’s „Paradeiser, Karottenstifte und Gurkenscheibchen“, zum Abendessen „einen halben Kohlrabi mit Salz“ und zum Frühstück Kaffee und Zigaretten –„das beste Rezept gegen Hunger“. Sogar Obst war bald aufgrund des hohen Fruktosegehalts tabu, genauso wie Öle, Saucen und Alkohol, den Larissa als „in Flüssigkeit schwimmende Kalorien“ bezeichnet. Eine selbst auferlegte Regel: Zwischen Abendessen und Frühstück mussten mindestens 16 Stunden vergangenen sein, egal ob der Magen knurrte oder nicht. „So gab es regelmäßig Tage, an denen ich rund 20 Stunden nüchtern war.“ Das Einkaufen von Lebensmitteln war zeitaufwendig, die Nährwertangaben konnte sie bald auswendig.

Vom Drang nach Bewegung. Pa-rallel zum Nicht-Essen entwickelte Larissa einen „unstillbaren Bewegungsdrang“, fachsprachlich „insidious activity“ genannt. Das Ziel: durch fortwährende Bewegung möglichst viel Energie zu verbrauchen. Statt Verkehrsmittel zu benützen, ging sie kilometerweit zu Fuß, täglich nahm sie mehrere Joggingrunden auf sich. Auch das Hallenbad entdeckte Larissa plötzlich für sich. Sogar das Trampolin wurde für den Energieverbrauch genützt, genauso wie der regelmäßige Besuch im Fitnessstudio. Das reichte Larissa aber nicht, ihr Bewegungswahn brachte obskure Blüten hervor: Die Wohnung wurde manisch detailgenau geputzt, den sitzenden Nebenjob im Verlagswesen tauschte die damalige Lehramts-Studentin gegen eine Stelle in einem Brautmodegeschäft sowie einen zusätzlichen (!) Job als Raumpflegerin. Egal was, Hauptsache Bewegung! „Die Aussicht auf ein zusätzliches Work-out mit Besen und Schrubber war zu verlockend.“ Und die Kilos? Die purzelten, zuletzt wog Larissa nur noch 39 Kilogramm bei einer Körpergröße von 165 cm. Bis zu zehnmal täglich wog sie sich. „Es war eine Zwangshandlung.“

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Mein Leben mit Magersucht
Seite 2 Vom Drang, zu lügen
Seite 3 Experten-Interview

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