Dienstag, 19. Februar 2019

Mein Leben mit Magersucht

Ausgabe 10.2015
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Die Anzahl der Menschen mit Essstörungen steigt stetig. Uns hat eine junge Frau erzählt, was es heißt, wenn Essen gleichzeitig der beste Freund und der größte Feind ist.


Foto: Privat Thimm

Das Thema Essstörung ist verbreiteter, als man glauben mag. Mehr als 200.000 Österreicherinnen und Österreicher leiden mindestens einmal in ihrem Leben an einer Essstörung, die Anzahl der stationären Aufnahmen hat sich innerhalb der vergangenen 20 Jahre verzehnfacht. „Wir haben einen extremen Anstieg auf beiden Seiten des Spektrums: zum einen die sehr dünnen, magersüchtigen und zum anderen die übergewichtigen Menschen“, so Expertin Dr. Lisa Tomaschek.

Leistungsorientiert. Eine dieser Betroffenen ist die 29-jährige Nina (Nachname ist der Redaktion bekannt). Essen war immer schon ein wichtiger Teil ihres Lebens. Ninas Eltern und Großeltern besitzen eine sehr erfolgreiche Fleischerei, beruflich ist sie im Bereich der Lebensmittelindustrie tätig. „Ich bin in einem diät- und essensbezogenen Umfeld aufgewachsen“, erinnert sie sich. „Meine Eltern haben gesunde Rundungen, ich aber wollte immer schon schlank sein.“ Auf den ersten Blick ist Nina keine, der man ein Problem – nein: eine zerstörerische Sucht – mit dem Essen zutrauen würde: Die junge Frau ist resolut, blitzgescheit, wortgewandt. Ist als „Laute, Aufbrausende“ bekannt, wie sie selbst mit einem Lächeln zugibt. Und doch gibt es da auch eine andere Seite der Niederösterreicherin: Leistungsorientiert sei sie schon immer gewesen, erzählt Nina, das kenne sie schließlich vom heimischen Erfolgsbetrieb.Sie wollte überall immer die Beste sein, manchmal bis zur Verbissenheit. Mit Regeln hatte sie nie ein Problem. 2008 fand diese Seite an ihr eine „gute Freundin“, so Nina, „eine Freundin, die die einzige Konstante in meinem Leben war. Auf sie konnte ich mich immer verlassen.“ Diese Freundin hatte zwei verschiedene Namen: Bulimie zuerst, dann Magersucht. Das Gesicht, die Ratschläge waren immer dieselben: Essen ist Kompensation. Essen ist Kontrolle. Essen ist Sucht.

Der Anfang vom Ende. Als Auslöser für die Bulimie („Der Anfang meiner Essstörung!“) nennt Nina die Trennung von ihrem damaligen Verlobten. In flagranti mit einer anderen hat sie ihn erwischt, weil sie „immer nur gearbeitet“ hat, so seine Erklärung. Und: Sie sei nicht blond wie seine Neue. Und zu dick sei sie auch. 65 Kilogramm hat Nina damals gewogen, bei einer Körpergröße von 1,61 Metern. „Die obere Grenzen eines gesunden BMI“, erklärt Nina, denn mit BMI, Kleidergrößen, Kalorien, Essen, da kennt sie sich aus. Detailgenau. Nina war damals Mitglied bei den Weight Watchers, dem Abnehmprogramm mit den Food-Points, um ihr Traumgewicht, 60 Kilogramm, zu erreichen. Was sie auch schaffte. „Da war meine Welt wieder in Ordnung.“ Aber: „Auch der Anfang vom Ende.“ Die Folge des Seitensprungs: Trennung, Auszug aus dem gemeinsamen Haus. Und: mehr Arbeit. Immer mehr. Vorher aber noch eine dreiwöchige Flucht in die USA –alleine. Und dort fing es an: „Ich habe zwei Wochen lang nur gefressen und erbrochen. Insgesamt gingen nur fürs Essen 4.000 US-Dollar drauf.“ Die USA waren ein Schlaraffenland, das sich zum Albtraum entwickelte: Donuts, Burger, Muffins überall. „Das Weight-Watchers-Programm war dort einfach nicht möglich bei all den Köstlichkeiten.“ Also fing sie an, nach dem Essen zu erbrechen, um das Ziel-Körpergewicht trotzdem zu behalten. Der Rat der neuen guten Freundin: Wenn’s nachher sowieso rauskommt, kann vorher auch alles rein, egal wie viel. „Ich hatte wahnsinnige Angst vorm Zunehmen. Mein größter Erfolg war, dass ich nach dem zweiwöchigen Urlaub keinen Kilo mehr hatte. Ich war so stolz.“

Essstörungen

Die verschiedenen Gesichter der Krankheit:
Binge-Eating-Disorder: hochkalorische Lebensmittel werden in großen Mengen in kurzer Zeit zu sich genommen, jedoch nicht erbrochen; führt zu Übergewicht
Anorexia nervosa: Magersucht; es wird wenig bis gar nichts mehr gegessen
Bulimia nervosa: Ess-Brech-Sucht; nach einer Fressattacke folgt das Erbrechen
Unspezifische Essstörungen:
Orthorexia nervosa (krankhaftes „Gesundessen“), Night Eating Syndrome (Fressattacken nur nachts), Essgier, Adipositas (Fettsucht)

Das Essen im Mittelpunkt. Zurück in der Heimat ging der Arbeitsstress weiter, das Essen normalisierte sich wieder. „Nur bei Feiern oder Süßigkeiten kannte ich kein Maß mehr. Und das, obwohl ich eigentlich ein sehr kontrollierter Mensch bin. Ich habe es gehasst, mich zu übergeben.“ Weihnachten 2008 schließlich war „ein einziges Fressen und Übergeben.“ Sie habe immer schon viel getrunken, das war „mein Alibi“. Der Körper, aber auch der Geist waren bald dermaßen schwach, dass jegliche Kräfte fehlten. Fürs Aufstehen aus dem Bett, fürs klare Denken. Gelbsucht inklusive. Im Krankenhaus dann die Diagnose: Leberversagen. Die Ärzte schoben die Beschwerden auf Lebensmittelunverträglichkeiten, Nina schwieg weiter. Der durchgeführte Test, der aufgrund des aus dem Gleichgewicht geratenen Organismus wohl falsch ausfiel, ergab diverse Intoleranzen. „Da ich noch immer nach dem Weight-Watchers-Prinzip lebte, blieb fast nichts mehr zum Essen übrig.“ Die Folge: Die Bulimie gab der Magersucht die Hand. Nina aß immer weniger, zuletzt gab es Tage, an denen sie nichts mehr zu sich nahm. „Jeder Essgestörte hat eine Überlebens-Mahlzeit“, erklärt Nina, „also ein Gericht, das man sich gönnen darf. Bei mir waren das jeden zweiten Tag genau 3 Chicken Wings, 15 Pommes in einer definierten Länge und  Salz – zum Glück also etwas Hochkalorisches.“ Im Supermarkt studierte sie Kalorien und Inhaltsstoffe der Lebensmittel, gekauft hat sie aber fast nichts davon. Das Essen wurde immer mehr zum Mittelpunkt in Ninas Leben. Gewogen hatte sie sich zweimal täglich, dazu jeden Tag eine halbe Stunde Nordic Walking und natürlich viel Arbeit. Das wohlgemeinte Zureden der Familie wurde ignoriert. „Für mich war alles in Ordnung.“

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Mein Leben mit Magersucht
Seite 2 Kontrollverlust

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