Samstag, 24. August 2019

Mein Leben mit Herzinsuffizienz - Metabolisches Syndrom plus Stress

Ausgabe 2018.06
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Metabolisches Syndrom plus Stress. Die Ursache für Fabis Schädigung des Herzmuskels ist sowohl für Ärzte als auch für ihn selbst kein Geheimnis: Seit 2002 lebt er mit Typ-2-Diabetes und Bluthochdruck. Das berühmte „metabolische Syndrom“, also die Kombination aus Adipositas, Hypertonie, veränderten Blutfettwerten und Insulinresistenz, hat bei Fabi dazu geführt, dass das Herz irgendwann nicht mehr seine vollständige Leistung liefern konnte. „Nur das Rauchen habe ich seit jeher vermieden!“, betont er stolz. „Aber ich habe sicherlich gut gelebt.“ Natürlich, gibt er zu, wusste er, dass sein Gewicht von 150 Kilogramm ein Gesundheitsrisiko darstellt. Nur, findet Fabi kritische Worte: „Jedes Problem, das du hast, wird seitens des Arztes auf Übergewicht zurückgeführt. Sogar, wenn dir die linke Hand wehtut, ist dein Gewicht schuld. Irgendwann nimmst du das nicht mehr ernst.“ Zudem, betont er, „ist es mir 20 Jahre lang gesundheitlich sehr gut gegangen.“ Natürlich habe er versucht abzunehmen. „Ich habe alles durch, von veganer Ernährung bis hin zu Fettblockern. Nichts hat geholfen. Zudem rät dir jeder etwas anderes, wenn es um Ernährung geht. Man weiß gar nicht, auf wen man hören soll.“ Ein bisschen trotzige Rechtfertigung mag man an dieser Stelle heraushören. Leichter fällt es Fabi, über die andere Ursache seiner Herzinsuffizienz zu sprechen: „Der jahrelange berufliche Stress, verbunden mit der Verantwortung eines Projektmanagers, hat sich auf mein Herz geschlagen.“

Neuer Lebensstil. Behandelt wurde anfangs mit ACE-Hemmern, die erweiternd auf die Arterien wirken. Anfang des Jahres absolvierte Fabi einen Reha-Aufenthalt in Alland (NÖ) – und findet dafür begeisterte Worte: „Die Reha war ein Turning Point!“ Hier (und aufgrund eines Arztwechsels) kam es zu einer kompletten Neu-Medikamentation, therapiert wird aktuell mit dem Angiotensinrezeptor-Neprilysin-Inhibitor Sacubitril/Valsartan. „Um die Effizienz des Herzens an sich zu verbessern“, erklärt Fabi fachmännisch. „Erst dadurch konnte die Atemnot reduziert werden.“ Zudem wurde ihm im Rahmen der Reha ein gesünderer Lebensstil nähergebracht, auch die Ernährung betreffend. Heute isst er „viel weniger“ Fleisch als früher, stattdessen Fisch und viel Gemüse: „So viel Gemüse, wie ich in den letzten Wochen gegessen habe, gab’s in den letzten zehn Jahren nicht bei mir!“, scherzt er, auch wenn dabei leise Verdrossenheit mitschwingt. Auf Alkohol verzichtet er beinahe gänzlich. 20 Kilo hat Fabi bereits abgenommen: „Ich esse 1.500 Kalorien am Tag. Früher verbrauchte ich das schon zum Frühstück!“ Die Blutwerte sind „nicht perfekt, aber viel besser.“ Ein Zielgewicht strebt er allerdings nicht an. „Ich möchte meinen Gewichtsverlust nicht zum Mittelpunkt machen“, meint er. „Das würde mir zu viel von meinem Lebensgenuss nehmen.“

Herzensmission. Lebensgenuss – das bedeutet für Fabi nach wie vor auch: eine durch und durch positive Grundeinstellung. „Ich bin kein angsterfüllter Mensch. Ich hab mich nicht aufgegeben.“ Trotzdem gibt er zu, dass die Arbeitslosigkeit (die Frühpension wurde ihm verwehrt, zudem „ist es schwer, als kranker 52-Jähriger eine Stelle zu finden!“) nicht spurlos an seiner Psyche vorbeigeht: „Man fühlt sich nicht nur isoliert, man ist es auch.“ Er sei nicht nur nachdenklicher, sondern auch gelassener und vor allem dankbarer geworden: „An jedem einzelnen Tag habe ich die Chance, zu leben.“ Bei körperlicher Anstrengung wird nach wie vor der Atem knapp („Ich brauche regelmäßige Pausen!“), im Alltag unterstützt ihn eine Haushaltshilfe. Der Lebensmittelpunkt und die Kraftquelle des Alleinerziehers ist sein 13-jähriger Sohn. Fabi möchte, erzählt er mit fester und zugleich sanfter Stimme, „ihm in den Jahren, die mir noch bleiben, so viel zeigen, so viel beistehen, so viele Türen öffnen wie nur möglich.“ Wenn er vom Sprössling spricht, ist die Liebe in seinen Augen und in jedem einzelnen Wort deutlich. Der Sohn als Sinn seines Lebens? „Die Mission meines Lebens“, lächelt er. Eine Mission, die auch das schwächste Herz stark sein lässt.

Experten-Interview

„Eine sehr gefährliche Krankheit!“

In Europa leiden rund 14 Millionen Erwachsene an Herzinsuffizienz. Dr. Deddo Mörtl, Leiter der Herzinsuffizienz-Ambulanz und der Lungenhochdruck-Ambulanz des Universitätsklinikums St. Pölten, im Interview.

Was ist eine Herzinsuffizienz?
Mörtl: Das Herz ist mechanisch gesehen eine Saug-Druck-Pumpe, die den Organismus mit sauerstoffreichem Blut versorgt. Ist das Herz dazu nicht mehr ausreichend in der Lage oder nur mit – langfristig ungünstigen – Anpassungsvorgängen, spricht man von Herzinsuffizienz.

Was sind die Ursachen?
Herzinsuffizienz ist die Endstrecke fast aller chronischer kardialer Erkrankungen. Zu den häufigsten Ursachen zählen Bluthochdruck, abgelaufener Herzinfarkt und Diabetes mellitus. Klappenerkrankungen, Virusinfektionen, Chemotherapie oder Strahlentherapie bei Krebspatienten, zu schnelle Herzfrequenz sowie Alkoholmissbrauch sind weitere Beispiele.

Wie äußerst sich Herzinsuffizienz?
Meist merkt der Betroffene zuerst eine eingeschränkte Belastbarkeit aufgrund von Atemnot, Erschöpfung oder Herzklopfen. Die Atemnot kann bei höherem Schweregrad sogar schon in Ruhe auftreten und flach Liegen unmöglich machen, sodass Patienten mehrere Kopfpolster benötigen oder halb sitzend schlafen müssen. Oft zeigt sich eine Gewichtszunahme wegen Wassereinlagerungen. Auch über Appetitlosigkeit und Völlegefühl wird berichtet.

Wie gefährlich ist die Krankheit?
Sehr gefährlich. Die Sterberate – insbesondere bei unzureichend behandelten Patienten – ist höher als bei den meisten Krebsarten. Fünf Jahre nach Erstdiagnose sind 50 bis 80 Prozent der Patienten verstorben. Nach einer Spitalsaufnahme wegen Verschlechterung der Herzinsuffizienz ist die Situation besonders dramatisch: 25 bis 30 Prozent dieser Patienten sind zwölf Monate später tot. Andererseits haben wir sehr wirksame Therapien, die die verbleibende Lebenszeit mehr als verdreifachen können. Bei vielen Patienten gelingt dies so gut, dass die Pumpfuktion des Herzens, die Leistungsfähigkeit des Patienten und die Prognose von einem Herzgesunden kaum noch zu unterscheiden sind.

Wie sieht die richtige Therapie aus?
Diese besteht primär aus Medikamenten. Dazu gehören sogenannte ACE-Hemmer, Betablocker, Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonisten, Sacubitril/Valsartan und Ivabradin. Diese Substanzklassen verbessern die Herzfunktion, die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit des Patienten, reduzieren die Spitalsaufenthalte und die Sterberate. Für Patienten, die bestimmte Kriterien erfüllen, gibt es zusätzlich die Gerätetherapie: Mittels eines speziellen Herzschrittmachers wird versucht, ein asynchron pumpendes Herz wieder zu synchronisieren. All diese Standardtherapien sind allerdings nur für jene Herzinsuffizienzpatienten etabliert, die eine Auswurffraktion von weniger als 40 Prozent haben. Diese beschreibt den Anteil des in der Herzkammer befindlichen Blutes, der bei jedem Herzschlag ausgeworfen wird.

Inwieweit sind Betroffene in ihrem Alltag eingeschränkt?
Aufgrund der durch Atemnot und Erschöpfung eingeschränkten Leistungsfähigkeit können viele ihren Beruf nicht mehr ausüben oder sich nicht mehr selbst mit Einkäufen, Kochen etc. versorgen. Hobbys und Reisen sind durch die reduzierte Mobilität oft eingeschränkt; manche müssen ihr Haustier hergeben. Wenn zu viele Treppen zu überwinden sind, müssen manche ihr Haus oder ihre Wohnung aufgeben.

Gibt es eine Prävention?
Ein bewegungsreicher, rauchfreier Lebensstil mit gesunder Ernährung und Früherkennung sowie Einstellung eines Bluthochdrucks sind wesentlich.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Mein Leben mit Herzinsuffizienz
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