Freitag, 24. Mai 2019

Mein Leben mit Hepatitis C

Ausgabe 2016.04

Peter Baumann wurde nach einem Helikopterabsturz mit Hepatitis C infiziert. Rund 30 Jahre lang verweigerte er eine Behandlung – bis er kurz vor einem Leberversagen stand. Heute ist er virenfrei. In GESÜNDER LEBEN erzählt er seine Geschichte.


Fotos: Katrin Bruder

Wenn ein Mensch viel durchgestanden hat, auf ein bewegtes Leben zurückblickt, bringt man gerne  mal das berühmte Sprichwort mit der Katze und den sieben Leben. Bei Peter Baumann ist diese überstrapazierte Redewendung tatsächlich angebracht: Der pensionierte Regisseur besiegte bereits im jugendlichen Alter Leukämie, entkam nur knapp einer Lawine, überlebte 1985 einen schweren Helikopterabsturz – und wurde im Rahmen der Folgeverletzungen mit Hepatitis C infiziert. „Ich habe dem Tod schon ein paarmal ein Schnippchen geschlagen!“, lacht der heute 64-Jährige. Lachen kann er immer noch. Vielleicht ist ja das das Geheimnis hinter allem. Hinter seinen sieben Leben. „Mit mir hatte und hat man es immer lustig.“

Infektion via Bluttransfusion. Wir treffen einander im Restaurant des Tenniszentrums in Brunn am Gebirge (NÖ). Hier hat er gerade ein anstrengendes, aber zufriedenstellendes Match hinter sich, grinst Baumann, der sich selbst als „begeisterten Tennisspieler“ bezeichnet. Er scheint gut in Form zu sein. Das war aber nicht immer so. „Heute ist so was wie ein Jahrestag!“, lacht er. Denn am Tag unseres Interviews vor genau 31 Jahren war es, als Baumann mit seinen Kollegen bei Dreharbeiten mit dem Helikopter schwer verunglückte: Der Pilot starb, der Kameramann und er überlebten, wurden jedoch schwer verletzt. Die kommenden drei Monate verbrachte Baumann im Krankenhaus – die Diagnosen: unter anderem 27 Knochenbrüche, ein Schädel-Hirn-Trauma sowie Lungenkomplikationen. Um zu überleben, bekam Baumann Bluttransfusionen verabreicht – und wurde so mit dem Hepatitis-C-Virus infiziert. Nicht ungewöhnlich für die damalige Zeit: Erst 1989 wurde das Virus identifiziert, bis dahin war der Erhalt von Blutkonserven der häufigste Übertragungsweg (heute freilich werden Blutspender genauestens auf etwaige Viren überprüft).

Keine Behandlung. Ganze fünf Jahre hat es gedauert, bis man bei Baumann die richtige Diagnose stellte. Die schlechten Blutwerte konnten sich die Ärzte anfangs nicht erklären. Und die sich immer mehr bemerkbar machenden Symptome wie Müdigkeit und Appetitlosigkeit, allen voran Abneigung gegen Fette („Ich kann Transfette bis heute riechen!“). „Sowohl ich als auch die Ärzte machten den Unfall dafür verantwortlich“, erzählt Baumann. Zugegeben, nicht verwunderlich: Baumann war zur damaligen Zeit schwer lädiert, musste unter anderem eine schwere Lungenoperation über sich ergehen lassen, auch im Urogenitalbereich gab es erhebliche Probleme. Ein Schock, als er schließlich die endgültige Diagnose erfuhr? „Nein, ich habe mir keine Sorgen gemacht!“, gibt er zu. „In früheren Jahren hatte ich auch bereits Hepatitis A und B, nun eben auch C.“ Und lacht: „Das ABC des Lebens!“ Zu wenig Wissen über die Krankheit war damals vorhanden, zu viel „andere Nebenschauplätze“, wie Baumann es nennt, gab es damals in seinem Leben. „Nach dem Unfall musste ich mich ins Leben zurückkämpfen.“ Hepatitis C war da hintenangestellt – weshalb er sich auch rund 25 Jahre lang nicht behandeln ließ. „Ich habe für mich beschlossen, nichts zu unternehmen, solange man nicht wirklich vollkommen sicher war, dass die Behandlung wirkt.“ Auch die zum Teil schweren Nebenwirkungen schreckten Baumann ab.

Stehaufmännchen. Fast wirkt es so, als habe Baumann die Infektion all die Jahre hinweg verdrängt. Zwar habe er, wie er erzählt, „gründlich recherchiert“, aber die Infektion stand niemals im Vordergrund seines Lebens. Körperlich war es ein „Auf und Ab“, gibt er zu. Hatte er nie Angst, dass er der Hepatitis zu wenig Beachtung schenkt? Haben ihm die Ärzte nie zu einer Behandlung geraten? „Natürlich!“, gibt Baumann nach kurzem Überlegen zu. „Aber nach allem, was ich schon erlebt habe, konnte ich einfach nicht dran glauben, dass es die Hepatitis sein soll, die mich dahinrafft.“ Natürlich gab es auch „psychische Einbrüche“, wie er es rückblickend nennt, aber: „Die hat ja jeder, oder?“ Psychologische Beratung nahm Baumann nicht in Anspruch, dafür „redete ich mit meinen Kollegen sehr viel darüber, was mir passiert ist – über den Helikopterabsturz, die Hepatitis-C-Infektion. Leistete Aufklärung, zum Beispiel die Übertragungswege betreffend. Das war meine persönliche Therapie.“ Mit dem Sport habe Baumann sehr bald wieder angefangen („Wegen des Unfalls, nicht wegen der Infektion“), ansonsten habe ihn zumindest die Hepatitis nicht in seinem Alltag eingeschränkt. Oder besser: fast nicht. „Da Hepatitis C durch Blut übertragen wird, haben wir zu Hause natürlich auf gewisse Vorsichtsmaßnahmen im Badezimmer geachtet. Auch bei Dienstreisen hatte ich immer Einweghandschuhe bei mir, sollte ich mich verletzten. Auch die Ärzte, zum Beispiel mein Zahnarzt, haben stets Handschuhe getragen.“ Vorurteile oder Diskriminierung habe er niemals erfahren, betont Baumann.

Neue Therapie. 2015 war es, als Baumanns Blutwerte und seine körperliche Verfassung immer schlechter wurden. Die Leberfibrose (Narbenleber) war bereits stark fortgeschritten. Nun endlich, auch auf Drängen seiner Ärzte, entschloss sich Baumann zu einer Therapie. „Nun ging es wirklich nicht mehr anders.“ Überzeugt hat Baumann eine neue Hepatitis-C-Therapie, die zum damaligen Zeitpunkt erst seit gut einem Jahr auf dem Markt war. Die bisherige Standardtherapie erfolgte mit dem Wirkstoff Interferon (meist als Kombination mit Ribavirin), die Heilungschancen lagen, je nach Genotyp (quasi die genetische Visitenkarte des Virus; derzeit sind sieben Genotypen bekannt), zwischen 50 und 90 Prozent. Die Therapiedauer beträgt 24 bis 72 Wochen, die meisten Betroffenen klagen über schwere Nebenwirkungen. Seit Anfang 2014 gibt es allerdings eine interferonfreie Therapie. Die Wirkstoffe greifen gezielt in den Vermehrungszyklus bzw. Lebenszyklus des Hepatitis-C-Virus ein und verhindern damit die Vermehrung des Erregers in der Leberzelle. Da die Wirkstoffe gezielt das Virus angreifen und der Stoffwechsel der Wirtszelle, sprich: der Leberzelle, selbst intakt bleibt, kommt es bei dieser Therapie kaum zu Nebenwirkungen. Die Heilungsrate bei Genotyp 1 (der meistverbreitete Genotyp in Österreich) liegt bei bis zu 97 Prozent, die Therapiedauer beträgt zwölf Wochen. Vier Tabletten täglich musste er nehmen, immer zu einem bestimmten Zeitpunkt, immer zu Mahlzeiten. Essen durfte er alles, trinken allerdings nur Wasser – und, aufgrund der enthaltenen entzündungshemmenden Bitterstoffe, viel Kaffee. „Für mich als Kaffeeliebhaber gab es nichts Schöneres!“ Andere Medikamente, auch herkömmliche Schmerzmittel, waren während der dreimonatigen Behandlung tabu.

Virenfrei. Circa drei Monate nach Abschluss der Therapie bemerkte Baumann schlagartig eine körperliche Veränderung. „Es war, als würde man einen Schalter umlegen.“ Die Müdigkeit wurde nach und nach weniger, er ist körperlich aktiver, hat an Muskelmasse zugenommen. Und: Er kann die Nacht endlich wieder durchschlafen – etwas, das bisher meist nicht möglich war. Vielleicht auch aus psychischen Gründen, denn Baumann gesteht: „Ich fühle mich innerlich ruhiger.“ Seit einem Dreivierteljahr ist Baumann virenfrei. Und es ist fast ein bisschen so, als würde – erneut – ein neues Leben für ihn beginnen. „Ich habe nicht mehr damit gerechnet, dass es zeit meines Lebens gelingen wird, das Hepatitis-C-Virus zu bekämpfen. 30 Jahre lang fühlte es sich an, als wäre mein Leben im Stand-by-Modus. Heute bin ich wieder voll einsatzfähig!“

EXPERTEN-INTERVIEW

„Es gibt keine Impfung gegen Hepatitis C!“

Priv.-Doz. Dr. Arnulf Ferlitsch, Wiener Facharzt für Innere Medizin, im Expertengespräch mit GESÜNDER LEBEN.

Schätzungen zufolge sind 30.000 bis 45.000 Österreicher vom Hepatitis-C-Virus betroffen. Bei Hepatitis C handelt es sich um eine Entzündung der Leber, hervorgerufen durch eine Infektion mit dem Hepatitis-C-Virus. Die WHO stufte 2010 Hepatitis C als eine der globalen Gesundheitsbedrohungen der Gegenwart ein.

Was ist beim Hepatitis-C-Virus anders als bei Hepatitis A oder B?
Ferlitsch: Der wesentliche Unterschied: Es gibt keine Impfung gegen Hepatitis C! Gegenüber Hepatitis A, das durch Schmierinfektionen bei engem körperlichen Kontakt, verunreinigtem Trinkwasser oder Nahrungsmittel die mit virushältigen Ausscheidungen verunreinigt sind, übertragen wird, wird die Hepatits B durch Kontakt mit Körperflüssigkeiten wie zum Beispiel Speichel, Urin, Stuhl, Sperma, Vaginalschleim, Blut oder Blutplasma übertragen. Zur Ansteckung sind aber zumindest kleine Haut- oder Schleimhautverletzungen notwendig. Die Hepatitis C wird in der Regel durch direkten Kontakt mit infiziertem Blut übertragen. Risikogruppen sind etwa Personen, die häufig mit infiziertem Blut in Kontakt kommen (z. B. medizinisches Personal) oder Drogenabhängige, die Spritzen mit anderen teilen. Das Hepatitis-C-Virus ist zudem in geringerer Menge auch in anderen Körperflüssigkeiten wie Speichel, Schweiß, Tränen, Muttermilch, Urin und Sperma nachweisbar.

Man unterscheidet zwischen einer akuten und chronischen Hepatitis C …
Von einer akuter Hepatitis C spricht man in den ersten sechs Monaten der Infektion. Sie wird selten bemerkt, die Symptome sind sehr unspezifisch. Bei circa 20 % kommt es zu Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Gelbsucht. In 10 bis 20 % heilt die Erkrankung ohne Behandlung aus, bei den restlichen 80 bis 90 % geht sie in die chronische Hepatitis C über. Auch da bestehen anfangs kaum Symptome, allerdings kann es in einem Zeitraum von sechs Monaten bis zu mehreren Jahrzehnten zum Auftreten einer Leberzirrhose kommen: Davon sind 20 bis 30 % der chronisch Infizierten betroffen, ein Leberzellkrebs kann bei bis zu 4 % der Patienten mit chronischer Hepatitis C auftreten.

Was kann man als Betroffener tun, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen?
Ernährungstechnisch ist vor allem darauf zu achten, dem Körper und insbesondere der Leber keine zusätzlichen Giftstoffe anzubieten wie Alkohol oder eine übermäßige und rasche Zuckerzufuhr. Günstig dürfte auch reichlicher Kaffeegenuss sein. Sport ist immer gut, aber nicht explizit für die Hepatitis C und ihre Therapie.

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