Donnerstag, 23. Mai 2019

Mein Leben mit Gehirntumor

Ausgabe 2019.05
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Action und Adrenalinrausch gehören für die Profisportlerin Helene Fruhwirth zum Alltag. Nicht einmal ein Gehirntumor konnte sie stoppen – im Gegenteil: Seitdem ist sie noch fitter, schneller und selbstbewusster.


Foto: Ece Karatas

Als wir Helene Fruhwirth in ihrer Wohnung in Mödling besuchen, ist ab der ersten Sekunde klar: Der 35-jährigen Niederösterreicherin macht man nichts vor! Eine kraftvolle Aura umgibt sie. Während sich Helene in Windeseile (schließlich ist sie Geschwindigkeit gewöhnt!) fertig frisch macht, blicken wir uns in der Wohnung um: Sportgetränke sind zu sehen, jede Menge Glasbehälter mit Müsli, ein Kuschelplatz für ihren Hund Merlin. In der Mitte des Wohnzimmers ist ihr Rad abgestellt. In der Küche sehen wir eine Fotowand, die Helene bei einer ihrer zahlreichen Radtouren zeigt. Am Tag zuvor radelte sie in die Slowakei und zurück, grinst Helene, als sie bei uns auf der Couch Platz nimmt. Ja: Radfahren ist Helene Fruhwirths Leben.

Four Cross-Urgestein

Kein Wunder: Fruhwirth ist Profisportlerin, in ihrem Bereich des Four Cross eine Pionierin. Zahlreiche Preise hat sie bereits gewonnen, ist unter anderem vierfache österreichische Vizestaatsmeisterin. Unter Four Cross versteht man eine MountainbikeRenndisziplin, bei der vier Fahrer gleichzeitig antreten. Es wird weit gesprungen, überholt, abgedrängt und steile Hänge hinunter geprescht. Nach der Bronzemedaille bei der WM 2017 in Val di Sole hat Helene zwar Four Cross („Ich habe alle meine Ziele erreicht, etwas Besseres konnte nicht mehr kommen!“), aber nicht die Action hinter sich gelassen: Seit 2018 ist sie wieder im Downhill-Sport tätig, ihren Wurzeln: Hier geht es darum, eine steile bergab führende Strecke in möglichst kurzer Zeit zu bewältigen. Insgesamt rund 500 Rennen hat Helene bereits hinter sich, weltweit, inklusive gefährlichen Verletzungen: Lässig, aber doch ehrfürchtig erzählt sie von Sehnenrissen und Knochenbrüchen am gesamten Körper. Das gehöre nun mal zum Job, nimmt Helene solche Läsionen sportlich. „Ich habe eine hohe Schmerztoleranz, bin hart im Nehmen.“ Und spätestens jetzt sind wir mittendrin in Helene Fruhwirths ganz persönlicher Geschichte, abseits des öffentlichen Scheinwerferlichts und des Adrenalinrausches, dafür aber mit nicht weniger Heldenmut und Durchhaltevermögen.

Plötzlich: Gehirntumor

2013 stürzte Helene bei einem Rennen in Polen, wurde ohnmächtig. Im Krankenhaus nach einer Schädel-MRT dann die Zufallsdiagnose: Gehirntumor! „Es handelte sich um einen gutartigen Blutschwamm im hinteren Teil des Gehirns“, erklärt sie. Eine Folge des Sturzes, war man sich sicher. Aber: „Die Ärzte erkannten die Gefahr nicht.“ Ein Jahr später, „fast auf den Tag genau“: der zweite Sturz während eines Rennens – und wieder: Ohnmacht, Krankenhaus, MRT-Untersuchung. Der Blutschwamm war gewachsen, hatte nun eine gefährliche Größe von 2,5 Zentimeter. „Die Ärzte waren verwundert“, erinnert sich die Sportlerin. „Mit einem Tumor dieses Ausmaßes hätte ich schon längst neurologische Ausfälle oder körperliche Beeinträchtigungen zeigen müssen. Ich hatte aber nie irgendwelche Symptome.“ Lachender Nachsatz: „Vergesslich war ich immer schon!“ Von ärztlicher Seite war man sich nun sicher, dass in Helenes Gehirn der Tumor schon viele Jahre lang unbemerkt vor sich hin wucherte. Eine OP war nötig, denn: „Obwohl ein gutartiger Tumor, konnte er lebensgefährlich sein. Er hätte ganz plötzlich ohne Vorwarnung aufplatzen können.“

Versuchskaninchen

Vor der OP musste Helene ganze sechs MRT-Behandlungen zu je zwei Stunden über sich ergehen lassen, bei denen Gehirnmessungen durchgeführt wurden, „damit die Ärzte wussten, wo genau sie sich zum Tumor durchbohren konnten, ohne Schäden anzurichten.“ Psychisch belastend, gibt Helene zu: „Dieses Wissen, dass die Bewegungen deiner Hände und Beine in deinem Gehirn gemessen werden, also in dein Gehirn reingeschaut wird, noch dazu mit einem rundum verkabelten Kopf, das verlangt schon einiges ab von dir.“ Trotzdem kann sie ihren Ärger nicht verbergen, wenn sie sich erinnert: „Erst später habe ich per Zufall erfahren, dass die Ärzte an mir Untersuchungen für Forschungszwecke durchführten – denn ich war der erste Patient mit einem Tumor dieser Größe, der nicht bettlägerig, sondern noch aktiv im Leben stand. Der OPTermin verschob sich deshalb immer weiter nach hinten.“ Knapp drei Monate sollte es bis zur Operation dauern, die schließlich „überraschend unspektakulär“ ablief, wie Helene zusammenfasst. Komplikationen gab’s keine, aber mit dem Aufwachen aus der Narkose kam auch das endgültige Erwachen in der Realität: „Als mich der Arzt sofort fragte, ob ich Hände und Beine bewegen könne, realisierte ich erst, wie schlimm die Diagnose wirklich war.“ Die Genesung ging rasch voran, innerhalb von drei Monaten durfte Helene wieder trainieren. „Zuvor musste ich ruhen, durfte nichts Schweres heben. Während dieser Zeit war ich sehr vorsichtig, wollte nichts falsch machen.“

Geht nicht, gibt’s nicht

Einmal jährlich muss Helene seitdem zur Kontroll-MRT, ansonsten erinnert nur noch eine Narbe an der Kopfhaut an das Vergangene – sowie eine kleine Eisenplatte im Kopf. „Wenn ich meinen Fahrradhelm aufsetze, bekomme ich manchmal so etwas wie einen elektrischen Schlag. Dann kribbelt und brennt meine Narbe kurz, aber heftig.“ Die Seele, das stellt sie klar, schmerzt hingegen nicht. „Ich wollte niemals, dass man mich bemitleidet, mich verhätschelt oder mir sagt, wie schlimm doch alles ist“, betont sie mit fester Stimme. Die damalige Zeit überstand Helene mit Würde, sogar die Eltern wussten bis zum OP-Termin nicht über die Krankheit ihrer Tochter Bescheid, „um sie nicht zu belasten“. Während andere in Helenes Situation sich in Recherchewut über die Krankheit hineingesteigert hätten, verfolgte sie eine gänzlich andere Taktik: „Ich wollte nicht detailreich aufgeklärt werden, welche möglichen Folgen der Tumor beziehungsweise die Operation haben können. Es wurden mögliche Motorikschwierigkeiten angedeutet – aber hätte ich mehr gewusst, hätte mich das in meiner Genesung behindert.“ Dass sie sich heute an etliche Details ihres Krankheitsweges nicht mehr erinnern kann, nennt sie pragmatisch „Selbstschutz“. Helenes Motto, das sie schon seit Beginn ihrer Sportlerkarriere begleitet: stets unbeirrt das Ziel vor Augen haben, sich auf das Positive fokussieren. Und: „Geht nicht, gibt’s nicht!“, lacht sie. „Würde ich mir vor einem Rennen ausmalen, was alles passieren könnte, würde ich garantiert nicht gewinnen. Der einzige Sieger wäre die Angst.“ Die mentale Einstellung ist das Um und Auf, wenn der Körper an seine Grenzen gelangt. Das weiß Helene – und ist deshalb sicher: „Der Sport hat mir das Leben gerettet.“

 

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Mein Leben mit Gehirntumor
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