Mittwoch, 26. Juni 2019

Mein Leben mit Diabetes

Ausgabe 2016.06/07
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Journalist Peter P. Hopfinger ist Herausgeber der renommierten Online-Zeitung www.diabetes-austria.com. Er ist nicht nur Prediger, sondern auch Betroffener: 2015 feierte er sein persönliches 20. Diabetes-Jubiläum.


Foto: Gunter Greil

Wir treffen Peter P. Hopfinger in den kleinen Redaktionsräumen der von ihm und seiner langjährigen Lebensgefährtin Veronika Kub gegründeten Online-Zeitung www.diabetes-austria.com. Die Leidenschaft, die hinter diesem Projekt steckt, ist sofort spürbar: Info-Plakate über Diabetes gibt es zahlreich an den Wänden, an den zwei Schreibtischen türmen sich Zeitschriften, Bücher und Broschüren – natürlich alle rund um die Krankheit (und das Leben mit) Diabetes. „Uns gibt es bereits seit 1996 und mittlerweile haben wir uns einen sehr guten Ruf nicht nur unter Betroffenen, sondern vor allem auch in Ärzte- und Expertenkreisen erarbeitet“, berichtet Hopfinger stolz. Die Online-Zeitung hat es sich zum Ziel gesetzt, über die Volkskrankheit (siehe Arzt-Interview auf der folgenden Seite) nicht nur umfassend, sondern auch hochaktuell aufzuklären. Dabei setzen Hopfinger und Kub auf eine Mischung aus Unterhaltung und Information: Interviews mit prominenten Diabetikern und Diabetikerinnen gibt es auf der Seite genauso wie Reportagen, medizinische Meldungen und Tipps für Patienten. Natürlich sind hier alle wichtigen Adressen – von Ärzten über Selbsthilfegruppen – zu finden, auch erfolgreiche Publikationen in Form von Ratgebern gehören zum Portfolio. Gestartet mit 3.000 Online-Besuchern monatlich, zählt diabetes-austria.com heute monatlich 45.000 User und ist auch weit über die Grenzen Österreichs bekannt.

Gesichtsloses Männchen. Für den mittlerweile 61-jährigen Journalisten ist die Online-Zeitung auch eine Art Selbsttherapie – denn nur ein Jahr vor der Gründung wurde bei ihm, mit 40 Jahren, Diabetes diagnostiziert. „Voriges Jahr feierte ich mein 20-jähriges Jubiläum!“, lacht Hopfinger und lässt keinen Zweifel daran, dass er darauf nicht nur stolz, sondern dass er auch dankbar ist. Weil: „Ich kann mit der Erkrankung sehr gut leben, habe keinerlei Folgeschäden.“ Das geht aber nicht ohne Engagement und Mut zur Veränderung, gibt er zu. Und vielleicht ist auch ein großes Maß an Optimismus und Willensstärke vonnöten? „Ich würde mich eher als Pragmatiker bezeichnen“, grinst Hopfinger. „Ich habe von Beginn an gesagt: Ich schenke dem Diabetes nur ein Jahr von mir. Statt 100 werde ich jetzt halt 99!“ Ja, Hopfinger strahlt Lebensfreude und einen starken Charakter aus, hat sich mit der Krankheit nicht nur engagiert, sondern sogar angefreundet. „Müsste ich Diabetes – übrigens immer HERR Diabetes bei mir – visualisieren, wäre es ein gesichtsloses Männchen mit meiner Statur, bestehend aus grauem Sportgummi. Eigentlich ein überaus positives Bild.“ Dieses positive Bild von Diabetes, das musste sich Hopfinger aber erst erarbeiten.

Spezielle Form von Diabetes. Es war im Rahmen einer umfassenden Vorsorgeuntersuchung für Darmkrebs (Hopfingers Mutter erlag dieser Krankheit bereits in frühen Jahren), als man bei ihm Diabetes diagnostizierte. Die Blutzuckerwerte waren extrem erhöht, Symptome hatte er allerdings keine, betont er, auch dick war er niemals. „Ich habe damals sehr viel gearbeitet, über einen Zeitraum von fast zwei Jahren oftmals nur sehr wenige Stunden geschlafen. Ich bin mir sicher, dass das die Ursache für meinen Diabetes ist: Denn permanenter Schlafentzug bewirkt, dass die Bauchspeicheldrüse irgendwann ihren Dienst aufgibt.“ Hopfingers Bauchspeicheldrüse kann nur in sehr geringem Maße Insulin produzieren, weshalb er von Beginn an einer Insulintherapie unterzogen wurde. Hopfinger hat eine spezielle Form von Diabetes mellitus, ist weder Typ-1-, noch Typ-2-Diabetiker, sondern „genau dazwischen“, wie er fachkundig beschreibt: „Eigentlich ist es bei mir eine Art von Jugenddiabetes, die aber erst im Erwachsenenalter auftritt, vor allem schlanke Menschen betrifft und von Anfang an insulinpflichtig ist.“ Die Diagnose war ein Schock,, erinnert er sich: „Als würde mir der Himmel auf den Kopf fallen.“ Gedanken wie „Wieso ich?“ oder „Wie geht es jetzt weiter?“, gingen dem mit beiden Beinen im Leben stehenden Wiener durch den Kopf. Weshalb er mit Freunden erstmal auf Urlaub fuhr. „Um mich zu sammeln und wieder zu mir zu finden.“ Dort erlebte er die ersten Phasen von Unterzuckerung, die ihn bis heute begleiten – und verwandelte die aufsteigende Angst kurzum in Kreativität: Gemeinsam mit seinen Freunden entwickelte er eine Diabetiker-Notfallsplakette in Form eines Kettenanhängers, der den Besitzer als Diabetiker ausweist und beschreibt, was im Notfall zu tun ist. Mittlerweile wurden mehrere hunderttausend Exemplare davon verkauft – bis heute.

Führerscheinprüfung. Nach der ersten Schockphase erwachte der Journalist in Hopfinger: Er begann, intensiv zu recherchieren, suchte sich die besten Ärzte und ließ sich umfassend zur Erkrankung und vor allem zum richtigen Umgang mit Diabetes beraten. „Eine modulare Schulung zu allen möglichen Themen – von Gewichtsverlust über richtige Ernährung bis zu Blutfetten oder Bluthochdruck – ist maßgeblich. Mittlerweile erkennen auch immer mehr Ärzte, wie wichtig es ist, in der Sprache der Patienten aufzuklären und von medizinischen Fachausdrücken wegzukommen.“ Inzwischen weiß Hopfinger über die Krankheit bestens Bescheid. „Wenn man mit einem Auto fahren will, muss man den Führerschein machen. Diabetes ist zwar ein Auto, das keiner haben möchte, aber man muss trotzdem lernen, damit zu fahren – sonst landet man im Graben.“ Nach der Diagnose stellte er seine Ernährung um; heute isst er kaum Fleisch, dafür viel Gemüse, Obst, Salate und Meeresfrüchte. „Ich verzichte aber auf nichts. Wenn ich Lust auf Süßigkeiten oder Fast Food habe, esse ich auch das mit Genuss. Aber eben alles mit Maß und Ziel.“ Vor allem aber ist er in den letzten 20 Jahren zum Sportjunkie mutiert: Obwohl sich Hopfinger früher als „Couchpotato“ bezeichnete, ist er heute begeisterter Rad- und Skifahrer, Badminton- und Tischtennisspieler und übt auch Kraftsport aus. Vor allem aber setzt er den Großteil seiner Wege zu Fuß zurück. „Ich bin überzeugt davon, dass der Sport maßgeblich daran beteiligt ist, dass ich immer noch keine Diabetes-Folgeschäden entwickelt habe.“

Wie ein Gelsenstich. Basis seines „Diabetes-Managements“, wie Hopfinger es nennt, ist natürlich die funktionelle Insulintherapie. Zwei Insulinpens besitzt er – einen für das Langzeit-Insulin (als Basistherapie), den anderen für das schnellwirksame Insulin. Das Langzeitinsulin muss Hopfinger einmal täglich in den Bauch spritzen, 12 Einheiten insgesamt. Das schnelle Insulin spritzt er sich – ebenfalls in den Bauch – zu den Mahlzeiten, die Dosis wird hier auf die jeweiligen Broteinheiten abgestimmt. Ob das Spritzen wehtut? „Weniger als ein Gelsenstich“, versichert Hopfinger. Wichtig ist auch die regelmäßige Kontrolle des Blutzuckers. Dies geschieht mit einem Blutzuckermessgerät. „Auch hier bin ich auf dem neuesten Stand!“, erklärt Hopfinger stolz und präsentiert seinen im Oberarm unter der Achsel eingepflanzten elektrischen Chip. Anhand dieses Chips ist es Hopfinger möglich, den Blutzucker – so oft er möchte – zu scannen, das mühsame Stechen in die Finger ist damit Geschichte. „Eine wahnsinnige Erleichterung!“ Auch während des Interviews misst er mal schnell den Blutzucker. Er ist ein bisschen erhöht. Schlimm? „Ach nein!“, winkt er ab. „Anfangs hätte mich das noch nervös gemacht. Heute weiß ich, dass er wenige Stunden später schon wieder im Normalbereich ist. Zudem mache ich ja heute noch Sport!“ Da hat jemand seinen Führerschein wirklich gut gemacht.

Untermieter Diabetes. Einmal jährlich unterzieht sich Hopfinger einer umfassenden ärztlichen Kontrolle inklusive Augenhintergrund-Untersuchung und Sensibilitätstest an den Füßen.  „Vor einiger Zeit hatte ich mit einer depressiven Verstimmung zu kämpfen, die ich allerdings durch Sport und das bewusste Aufsuchen von Sonnenlicht, zum Beispiel durch Auslandsreisen, in den Griff bekommen habe.“ Ja, mit dem Herrn Diabetes an seiner Seite lasse es sich gut leben, betont Hopfinger zum Abschluss erneut. Seinen Untermieter könne man sich halt nicht immer aussuchen, meint er lächelnd. Gut behandeln sollte man ihn aber trotzdem, um über viele Jahre hinweg gut mit ihm auszukommen.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Mein Leben mit Diabetes
Seite 2 Experten-Interview

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