Montag, 16. September 2019

Mein Leben mit COPD

Ausgabe 2016.12-2017.01

Günter Hirsch hat jahrzehntelang Kette geraucht. 2007 dann die Diagnose: „chronisch obstrukive Lungenerkrankung“. Oder auch: „Raucherlunge“. In GESÜNDER LEBEN erzählt er, wie es ist, nach Luft zu ringen – und wieso er die Liebe genauso zum Atmen braucht wie seine Sauerstoffflasche.


Fotos: Kati Bruder

Günter Hirsch empfängt uns in seinem Zuhause, in gemütlichem Rahmen bei Kaffee und Keksen. Dass er ein Medienprofi ist – Hirsch ist unter anderem aktives Mitglied der Österreichischen Lungenunion –, merkt man bereits ab der ersten Sekunde: Frei von der Leber weg, ohne Scheu und mit der richtigen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor erzählt er seine Geschichte. Von Rückschlägen, Hoffnungsschimmern und der Fähigkeit, immer weiterzumachen, sich immer wieder aufzurappeln. Er hat bereits öffentlich davon erzählt, wie es ist, dieses Gefühl, zu ersticken, im wahrsten Sinne des Wortes um Luft zu ringen, nicht mehr atmen zu können. Hirsch ist nämlich seit 2007 COPD-Patient. Er weiß: Jeder Atemzug ist etwas  Besonders. Oder, anders ausgedrückt: Kein Atemzug ist selbstverständlich.

Lebensgefahr. Als Erstes hat man geglaubt, es sei das Herz. „Ich habe ja viele Baustellen“, lacht der 75-jährige Niederösterreicher, der sich seinen Sinn für schwarzen Humor all die Jahre behalten hat. Allen voran bei Flugreisen und bei seinem größten Hobby, dem Tauchen, hatte er mit Atemnot zu kämpfen. Das war 2004. „Da ich zu diesem Zeitpunkt schon länger mit Herzproblemen zu tun hatte – unter anderem mit verengten Herzkranzgefäßen –, haben die Ärzte meine Beschwerden darauf zurückgeführt.“ Die Folge: eine Stent-Implantation. Die Operation verlief zwar reibungslos, die Atemnot blieb aber. „Es wurde immer schlimmer“, erinnert sich Hirsch. „Musste ich Treppen steigen, bekam ich spätestens im 2. Stock keine Luft mehr. Ich musste eine Pause machen, um wieder zu Atem zu kommen.“ Hirsch ließ nicht locker: Eine Folgeuntersuchung im Jahr 2007 „ergab alles Mögliche“, unter anderem auch die Diagnose COPD („chronisch obstruktive Lungenerkrankung“). „Das stand im mehrseitigen Befund ganz unten in der letzten Zeile, fast schon zum Übersehen“, erzählt Hirsch belustigt und auch etwas verärgert zugleich. Er wusste damals nichts von dieser Krankheit, begann zu recherchieren – und suchte bald darauf einen Lungenfacharzt auf, „obwohl ich bis zuletzt dachte, dass meine Lunge gesund war“. Auf den ersten Schockfolgte der nächste: Die COPD war bereits in Stadium vier (also der höchsten Stufe), „laut Arzt befand ich mich in akuter Lebensgefahr“. Seine Lungenfunktion lag bei nur mehr rund 35 Prozent des Normalwerts.

80 Zigaretten täglich. Wie aber konnte es überhaupt so weit kommen? „Ich weiß den Grund, weil ich mich auch nie gefragt habe, wieso gerade mir so etwas passiert“, stellt Hirsch ohne Umschweife klar. 45 Jahre lang hat er zwischen 60 und 80 Zigaretten am Tag geraucht. „Aber eh die guten, die mit hoher Qualität“, grinst er, vielleicht etwas verlegen, vielleicht auch mit etwas Schalk im Nacken. Doch Hirschs Willensstärke kam ihm auch hier zugute: Von einem Tag auf den anderen hat er – nachdem die Diagnose COPD gestellt war – mit dem Rauchen aufgehört. Sogar den Tag der letzten Zigarette weiß der ehemalige Kettenraucher noch ganz genau: Es war der 26. September 2007. Langsame Entwöhnung? Hilfsmittel wie Nikotinersatztherapien? Davon hält Hirsch nichts. „Mit dem Rauchen aufzuhören, ist reine Kopf- und Willenssache“, ist er überzeugt. „Man muss nur wirklich wollen. Schließlich ist Rauchen jene aller Süchte, die man sich am leichtesten abgewöhnen kann.“ Auch mit Nebenwirkungen hatte er nicht zu kämpfen, erzählt er. „Alles nur Einbildung.“

Sauerstofftherapie. Nach dem Besuch beim Lungenfacharzt begann Hirsch sofort mit der Sauerstofftherapie, die ab jetzt zu seinem ständigen Begleiter, sein Alltag werden sollte. 24 Stunden lang wird ihm mit Sauerstoff angereicherte Luft über ein Sauerstoffsystem zugeführt. Wie man sich das vorstellen kann? Hirsch ist durch einen 39 Meter langen Schlauch („Offiziell ist solch ein Schlauch maximal 11 Meter lang, aber ich habe da etwas getrickst!“), der mithilfe einer sogenannten Nasenbrille in die Atemwege gelangt, mit einem riesigen, 65 Liter hochkomprimierten Sauerstoff umfassenden Sauerstofftank verbunden. Dieser befindet sich im Arbeitszimmer und wird einmal wöchentlich vom Hersteller aufgefüllt. Der Schlauch selbst, der sich durch den gesamten Wohnbereich zieht, muss höchstens zweimal jährlich ausgetauscht werden. Zusätzlich besitzt er zwei kleine tragbare Behälter, die 1,7 Liter hochkompromierten Sauerstoff enthalten und die er selbst mittels des Standgeräts nachfüllen kann. Diese kleinen Behälter trägt Hirsch bei sich, wenn er das Haus verlässt. Der Sauerstoff darin reicht für etwa zwei Stunden. „Es sind auch Ausflüge möglich, man muss nur ein paar Tricks lernen“, erklärt Hirsch. So hat er zum Beispiel eine zweite Flasche permanent im Auto, die er am Zigarettenanzünder anstecken kann. Zudem, rät er, sollte man sich erkundigen, wo es sogenannte Sauerstoff-Tankstellen gibt, die allen voran von Apotheken und Krankenhäusern (leider noch viel zu selten) angeboten werden. „Es kann manchmal aber schon zu Engpässen kommen“, gibt er zu. Lockerer Nachsatz: „Aber jo mei …“

Wenn die Seele erstickt … Das Lockere und das Positive, ohne dabei etwas schönreden zu wollen, definiert Hirschs Umgang mit seiner Krankheit. „COPD ist eine Erkrankung, mit der man leben kann, man muss sie allerdings als solche akzeptieren“, stellt er klar. An den Sauerstoffschlauch habe er sich „sehr schnell“ gewöhnt, auch das permanente Rauschen im Hintergrund, welches vom Sauerstoffsystem verursacht wird, höre er gar nicht mehr. Auch dass durch die Nasenbrille die Nasenschleimhäute in Mitleidenschaft gezogen werden, erwähnt Hirsch nur in einem Nebensatz. „Natürlich war es anfangs eine Umstellung“, erzählt er. „Ich musste drauf achten, nicht über den Schlauch zu stolpern oder mich selbst damit zu strangulieren. Auch musste ich mein Umfeld dafür sensibilisieren, nicht auf den Schlauch zu treten.“ Trotzdem, gibt Hirsch zu, gab es auch Zeiten, da schien nicht nur seine Lunge, sondern auch seine Seele nicht mehr atmen zu können. „Depressionen sind bei COPD-Betroffenen nichts Seltenes.“ Viel mehr scheint Hirsch dazu nicht sagen zu wollen. Außer, dass auch „die Panik ein Kind von COPD“ ist. „Wenn man das Gefühl hat, keine Luft zu bekommen, verfällt der Körper automatisch in Panik, verbraucht so aber nur noch mehr Sauerstoff. Entspannungsübungen helfen mir dabei, damit umzugehen.“

… und das Herz atmet. Während des Interviews spricht er langsam und beständig. Die Lungenfunktion liegt nun bei rund 30 Prozent des Normalwerts. Hirsch hat sich mit der Krankheit arrangiert, indem er mit ihr lebt – mit all den dazugehörigen Einschränkungen –, sein Leben aber nicht von ihr bestimmen lässt. Neben seiner Arbeit in der Österreichischen Lungenunion (www.lungenunion.at) ist er auch Teil einer aufklärerischen Antiraucherkampagne an Schulen. „Hier bin ich das abschreckende Negativ-Beispiel für die Jugendlichen!“, lacht er. Das sei aber okay, versichert er, denn: „Mir ist es wichtig, meine Erfahrungen und Erkenntnisse weiterzugeben.“ Wenn er doch mal das Gefühl hat, seelisch zu ersticken, ist vor allem seine Ehefrau Renate seine größte Stütze. Hirsch wird zwar nicht emotional, wenn er über seine Erkrankung spricht – wohl aber, wenn es um seine Gattin geht: „Sie hat von Beginn an alle Veränderungen, die mit der Krankheit gekommen sind, akzeptiert und war immer an meiner Seite. Ohne sie würde ich heute hier nicht sitzen.“ Besonders schätze er an ihr, dass sie ihn nicht verhätscheln würde – denn Mitleid, so Hirsch, „sei das Schlimmste“. Etwas, das auch Renate, die ebenfalls beim Interview anwesend ist, bestätigt: „Es ist durchaus eine Gratwanderung, ihn mit aller Kraft zu unterstützen, ohne ihm dabei das Gefühl zu geben, ihn zu bevormunden.“ Da muss er lächeln. Seine Stimme ist voll von Liebe und Zuneigung, wenn er sagt: „Sie ist etwas ganz Besonderes.“ Auch auf die Gefahr hin, ein Klischee zu belasten: Günter Hirsch scheint seine Renate genauso zu brauchen wie die Luft zum Atmen.

Weiterführende Informationen:
www.lungenunion.at
www.atmenstatthusten.at
www.selbsthilfe-lot.at/home.php

 

 

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