Sonntag, 26. Mai 2019

Mein Leben mit Brustkrebs

Ausgabe 2015.12/2016.01
Seite 1 von 2

Die 29-jährige Katharina erkrankte völlig überraschend an Brustkrebs. Der Alltag änderte sich von einem Tag auf den anderen. In gesünder leben erzählt sie, was ihr Kraft gibt.


Foto: Miriam Höhne

Plötzlich war er da, von einem Tag auf den anderen.“ Es war beim Stillen, als Katharina (29, Nachname der Redaktion bekannt) den Knoten in ihrer Brust entdeckte. So groß wie ein Kirschkern. „Auf jeden Fall fühlte es sich wie ein Fremdkörper an. Etwas, das nicht zu mir gehört.“ Schmerzen hatte sie keine. Und überhaupt: Was sollte da schon sein? Katharina war 29 Jahre alt, erblich nicht vorbelastet, was Brustkrebs betrifft, und eine knotenhafte Veränderung im Brustgewebe sei während des Stillens – ihre Tochter war zu dem Zeitpunkt 4 Monate alt – schließlich nicht ungewöhnlich, wie sie von allen Seiten hörte. Milchstau vielleicht oder eine kleine Entzündung des Gewebes. Ein Monat später stand fest: Katharina, 29 Jahre alt, frischgebackene Mutter, ist an Brustkrebs erkrankt.

Ein Freund erzählt

Die Grenze zwischen da sein und erdrücken

Ich werde in meinem Leben niemals folgende zwei SMS-Nachrichten vergessen: Jene, in der ich erfuhr, dass ich vor wenigen Minuten Zwillings-Onkel geworden bin – und jene, als mir Katharina, meine beste Freundin seit 15 Jahren, folgende Worte schrieb: „Ich habe Brustkrebs.“

Die erste Reaktion: das Handy von sich werfen. Danach ist man unfähig zu denken, zu sprechen, zu atmen, sich zu bewegen.

Dieses Gefühl des Gelähmtseins hielt die nächsten Tage an, gepaart mit Wut und Verzweiflung – und Hilflosigkeit. Wie unterstütze ich sie richtig? Was darf/soll ich sagen? Wo ist die Grenze zwischen da sein und erdrücken? Auch wenn während der schweren Zeit der Krebsbehandlung natürlich und vollkommen zu Recht die Patientin/der Patient im Mittelpunkt steht, so sollte man nicht auf die Angehörigen vergessen: Denn auch diese finden sich plötzlich in einer Situation wieder, die alles Bisherige auf den Kopf stellt. Die einen Glaubenssätze hinterfragen und sich plötzlich mit elementaren Fragen des Lebens auseinandersetzen lässt.

Was darf ich sagen oder fragen?

Als ich das erste Mal Katharinas Mutter nach der Diagnose traf, meinte sie zu mir im Vertrauen: „Ich funktioniere einfach.“ Denn das gilt vielleicht für Patienten genauso wie für Angehörige.

Ich denke, ich habe einen guten Weg gefunden, um mit Katharina gemeinsam dem Krebs den Kampf anzusagen: Ich lasse es sie wissen, dass ich jederzeit für sie da bin, beschneide sie aber nicht in ihrer Freiheit. Wir lachen, auch ich darf meine Probleme wälzen, wir sparen aber den Krebs als Gesprächsthema nicht aus. Im Gegenteil: Wir sagen offen, was wir fühlen und denken. Keine Heuchlerei, aber auch kein Bemitleiden. 

Invasiv. G3, triple-negativ. Der erste Gynäkologe schickte Katharina wieder nach Hause – „Sie sind jung, da ist sicher nix.“ Die eigene Frauenärztin? „Beobachten Sie weiter, aber es ist höchst unwahrscheinlich, dass es sich hier um einen Tumor handelt.“ Nur die Hebamme, die Katharina damals mit der kürzlich geborenen Tochter zur Seite stand, ließ nicht locker. Das gehörte kontrolliert, angeschaut, abgeklärt, redete sie auf Katharina ein. „Heute weiß ich: Ich verdanke der Hebamme wahrscheinlich mein Leben.“ Denn Katharina ließ nicht locker, hörte auf ihr Bauchgefühl, eine innere Stimme, die ihr zuflüsterte, dass da etwas nicht stimme. Erst der dritte Gynäkologe verordnete schließlich, nach einem unklaren Ultraschallbefund, eine Biopsie. Diese brachte die schreckliche – und für alle überraschende – Gewissheit: Brustkrebs. Invasiv. G3, triple-negativ. MIB-1: 90 %. Das bedeutet, übersetzt aus dem Ärztelatein: Der Krebs ist bereits in das benachbarte Gewebe eingedrungen  – damit besteht die (bei Katharina bereits erhöhte) Gefahr, dass Krebszellen in den Körper gestreut wurden, was letztlich zu Tochtergeschwülsten, also Metastasen, führen kann. Ein Triple-negativ-Brustkrebs ist relativ selten (10–17 % aller Brustkrebspatientinnen) und ist von anderen Tumor-Arten abzugrenzen, an deren Zelloberfläche spezifische Rezeptoren (Hormonrezeptoren für Östrogen und Progesteron) oder HER2-Rezeptoren nachgewiesen werden können. Das dreifach negative Mammakarzinom ist biologisch aggressiv und tritt bevorzugt bei jüngeren Patientinnen auf. Zudem wächst Katharinas Tumor sehr schnell.

Die Zeit steht still. „Ich kann mich an den Tag, als ich die Diagnose bekam, nur noch schwammig erinnern“, erzählt Katharina. Der Arzt sei geschockt gewesen, als er registrierte, dass sie zur Befundbesprechung unbegleitet erschienen war. „Er zögerte, mir das Ergebnis ohne Begleitperson zu sagen. Sein erster Blick im Wartezimmer war ein trauriger. Da wusste ich, was los ist.“ Wie ein Wasserfall preschten die Worte, die Erklärungen des Arztes auf sie ein: Was die Diagnose bedeutet, welche Behandlung nun folgen wird, was sie sich bewusst machen muss. Registriert hat Katharina nur wenig davon. „Wie lange habe ich noch“, war das Einzige, was sie zu fragen imstande war. Und: Wie viel Zeit würde sie noch mit ihrer kleinen Tochter verbringen können? Der Arzt versuchte zu beruhigen: „Die Chance, dass Sie gesund werden, liegt bei 70 Prozent.“ Was als Aufmunterungsversuch gemeint war, war für Katharina ein weiterer Dolchstoß. 30 Prozent war das Risiko hoch, ihre Tochter nicht aufwachsen sehen zu können. Das war alles, woran Katharina denken konnte. Daheim dann der Zusammenbruch, das Fallen in ein tiefes Loch. „Plötzlich ändert sich alles schlagartig. Nichts ist mehr, wie es zuvor war.“ Die kommenden 14 Tage zog sie sich zurück, wollte nur Ehemann und Tochter bei sich haben. „Ich brauchte die Zeit nicht, um zu registrieren, was geschehen ist. Das habe ich sehr schnell verstanden. Womit ich nicht umgehen konnte, war, dass sich die Welt weiterdreht, als ob nichts wäre, obwohl für mich die Zeit stillstand.“

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Mein Leben mit Brustkrebs
Seite 2 Glück im Unglück

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