Dienstag, 19. Februar 2019

Mein Leben mit Brustkrebs

Ausgabe 2013/11
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Wir haben drei Frauen und ihre Onkologin zum Gespräch gebeten. Die Betroffenen erzählen über ihren Umgang mit dem Krebs, wie die Diagnose ihr Leben verändert hat und warum Mitleid belastet.


Foto: ®Can Stock Photo Inc. - heckmannoleg

 

Brustkrebs ist weltweit eine der am besten erforschten Krankheiten. Dennoch ist eine Vielzahl von Krebs auslösenden Faktoren noch unbekannt oder umstritten. Eine genetische Disposition liegt nach heutigem Stand der Wissenschaft nur bei etwa zehn bis 20 Prozent aller Brustkrebspatientinnen vor. Gesichert ist indes, dass die Hormonersatztherapie das Brustkrebsrisiko erhöht. Dazu Priv.-Doz. Dr. Brigitte Mlineritsch, verantwortliche Oberärztin der Onkologischen Ambulanz der Universitätsklinik für Innere Medizin III der Landeskrankenanstalt Salzburg: „Die große Studie, die 2002 in den USA publiziert wurde, hatte zur Folge, dass die Hormonersatztherapie drastisch zurückgegangen ist. In der westlichen Industriegesellschaft nehmen die Erkrankungen aufgrund dessen ab. Mittlerweile erkrankt nicht mehr jede achte, sondern jede neunte Frau im Lauf ihres Lebens an Brustkrebs. Auch das Risiko für hormonrezeptorpositive Karzinome ist etwas zurückgegangen. Mit ein bisschen Verspätung auch in Österreich.“ Auch die Antwort auf die Frage, warum Lucia Weissenbacher (54) aus Oberalm und Andrea Walkner (50) aus Bürmoos vor acht Jahren sowie Anja Eichinger (42) aus Salzburg heuer an Brustkrebs erkrankt sind, wird die Wissenschaft eines Tages beantworten können.

GESÜNDER LEBEN: Brustkrebs sieht man nicht, Brustkrebs tut nicht weh. Wie sind Sie daraufgekommen?
Lucia Weissenbacher: Ich bin eine Seitenschläferin und mir hat der Arm wehgetan. Meine Lymphen waren angeschwollen, da war ein großer Knoten. Die Ärzte haben dann gesucht und dahinter versteckt lag die bösartige Geschwulst.
Andrea Walkner: Ich habe den Knoten in der Brust ertastet.
Anja Eichinger: Ich bin ins Nachdenken gekommen, weil eine Freundin Anfang des Jahres die Diagnose Brustkrebs bekam. Ich habe mir dann gleich einen Termin ausgemacht. Ich hatte selber schon gefühlt, dass ich in der Achsel eine Verhärtung hatte, die ich jedoch nicht mit Brustkrebs in Verbindung gebracht habe, weil es ein Balken war. Man ist irgendwie so konditioniert auf Knoten oder Knötchen. Eher kugelig. Ich dachte, es wäre eine Muskelverhärtung, etwas, das ich mir beim Sport zugezogen habe. Bei der Mammographie hat man nichts gesehen, beim Ultraschall dann schon.

GL: Frau Dozentin, alle drei Frauen sind mit rund vierzig Jahren erkrankt, lange bevor die Mammographie empfohlen wird – und: Alle drei haben den Knoten selbst ertastet. Ein Zufall?
Brigitte Mlineritsch: Abtasten ist sehr bedeutend, allerdings ist es insgesamt schon so, dass mehr Knoten durch die Mammographie entdeckt werden. Und damit kann man die Diagnose vorverlegen, weil schon kleinere Knoten in der Mammographie und in der Sonographie nachgewiesen werden können.

GL: Ab welchem Alter empfehlen Sie die Mammographie?
Mlineritsch: Ich muss mich an die Richtlinien halten, das ist ab dem 50. Lebensjahr. Weil die Mammographie vorher sehr problematisch zu beurteilen ist. Junge Frauen haben sehr dichte Brüste. Das heißt, das Gewebe ist dicht und es ist schwer etwas zu erkennen.
Walkner: Mich hat mein Frauenarzt ab dem 35igsten Lebensjahr zur Mammographie geschickt.
Weissenbacher: Ja, mich auch. Ich war auch ein Jahr vor meiner Diagnose. Da hat man noch nichts gesehen.

GL: Was ist in Ihnen vorgegangen, als Sie die Diagnose bekamen?
Weissenbacher: Ich habe spät realisiert, was los ist. Schlecht ergangen ist es mir nicht. Wirklich nicht. Ich hatte nie Todesängste, ich habe mich auch nie gefürchtet. Ich habe dem schlechten Tag die Chance gegeben vorbeizugehen.
Walkner: Ich hatte schon immer Zysten, das war alles immer gut, und darum dachte ich, das wird wieder so sein. Und als mir der Arzt dann sagte, dass das dieses Mal Krebs ist, war das momentan für mich schon ein Schock. Da habe ich mir gedacht: Das war es jetzt.
Eichinger: Nüchtern. Das Coolsein ist mir fast ein bisschen auf den Kopf gefallen, weil ich bemerkt habe, dass mein Umfeld mehr schockiert und aus der Bahn geworfen war als ich. Ans Sterben habe ich nicht ein einziges Mal gedacht. Ich habe die Diagnose Brustkrebs gar nicht mit dem Tod in Verbindung gebracht.

GL: Das sind sehr kraftvolle Reaktionen. Ist das der Schock? Frau Dozentin, es muss für Ärzte schwierig sein, Diagnosen mitzuteilen.
Mlineritsch: Menschen, die nicht gewillt sind, eine gewisse Herausforderung anzunehmen, sollten den Beruf des Arztes sowieso nicht erwählen. Junge Ärzte lernen heutzutage in Seminaren, wie sie auf Patientinnen zugehen, wie sie den Frauen alles erklären. Nun zu den Patientinnen: Mir kommen die Geschichten sehr bekannt vor. Die meisten Frauen haben eine ungeheure Kraft, das wirklich zu tragen. Für die Frauen ist die Krankheit eine massive Herausforderung und fordert viel Kraft, um alles auf die Reihe zu bringen. Familienmitglieder und Freundeskreis haben oft viel größere Ängste. Eine psychotherapeutische Stütze ist in dieser Zeit sehr sinnvoll. Das können wir anbieten, weil es eine gewisse Rückendeckung ist und den Frauen ermöglicht, sich fallen zu lassen.
 
GL: Das heißt: Die Frauen sind erst einmal damit beschäftigt, stark zu sein und alle anderen zu trösten?
Mlineritsch: So ist es. Den Mann, die Familie, die Freunde. Viele Männer sind sehr belastet.
Weissenbacher: Meine Kinder und meine Mutter musste ich beruhigen, auch meine Freunde. Meine Mädchen waren damals 17 und 23, sie hatten panische Angst. Ich glaube, dass die Frauen sich selbst nicht so wichtig nehmen. Darum sind sie auch die Härteren.

GL: Wahrscheinlich ist das wohl eher darauf zurück-
zuführen, dass es einen selbst betrifft. Und man darum besser damit umgehen kann. Glauben Sie nicht?
Walkner: Ja, das hat sicher damit zu tun.

GL: Was war oder ist Ihnen zu viel geworden?
Alle: Die Aufmerksamkeit, die ständig auf einen gerichtet ist. Das permanente Erklären, die besorgten Anrufer zu beruhigen. Das war unheimlich anstrengend. Auf der einen Seite ist es gut, dass Anteil genommen wird, natürlich. Aber oft ist es ein Zuviel.
Eichinger: Eine Freundin wurde in dieser Zeit schwanger. Das war wunderbar, die Aufmerksamkeit wurde auf das werdende Leben gerichtet. Das war eine Entlastung, parallel zu dieser nicht so schönen Geschichte.

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