Mein Leben mit Asthma bronchiale

Ausgabe 2016.05

Als wir mit unserem Gespräch in gemütlicher Caféhausatmosphäre beginnen, holt Renate Egger (65) tief Luft, bevor sie zu erzählen beginnt. Über ihre Krankheit. Eine jahrzehntelange Geschichte über Angst, Hoffnung, Neuanfänge. Eine Geschichte über das Atmen.   


Foto: Miriam Höhne

 

Das Luftholen in Momenten, in denen man glaubt zu ersticken. Unterzugehen. Wenn es sich so anfühlt, als würde einem die Lunge zugeschnürt werden. Während wir alle bereits das eine oder andere Mal in unserem Leben metaphorisch nach Luft gerungen haben, ist das Gefühl der Atemnot für Renate bis heute immer wieder Realität: Denn die pensionierte AHS-Lehrerin leidet seit ihren Kindheitstagen an Asthma bronchiale. Das selbstverständliche Luftholen zu Beginn des Gesprächs ist für Renate also nichts Selbstverständliches. Denn Atmen, das war für sie mitunter Schwerstarbeit.

Einatmen. „Meinen ersten diagnostizierten Asthmaanfall hatte ich kurz nach der Geburt meiner Tochter, da war ich 37 Jahre alt“, erinnert sich die rüstige und engagierte Pensionistin. „Ich dachte, ich müsste sterben.“ Diesen Anfall in Worte zu fassen, damit tut sich Renate schwer. „Es ist schlimm, nicht atmen zu können“, fasst sie zusammen. Kurzatmig sei sie in solchen Momenten, versucht sie zu erklären, und „im Gegensatz zu vielen anderen Asthma-Betroffenen habe ich nicht Probleme, einzuatmen, sondern eher damit, auszuatmen.“ Mit der Rettung wurde sie zum Hausarzt gefahren, der ihr den Wirkstoff Ephedrin spritzte – und gleich mal in so hoher Dosis, dass Renate kurzzeitig das Bewusstsein verlor. „Der hat es zu gut gemeint!“, lacht sie heute. Immerhin: Kurze Zeit später war die Diagnose klar. Renate litt an Asthma, ausgelöst – so nahm man anfangs zumindest an – durch die Anstrengungen bei der Geburt ihrer Tochter. „Ich wurde erst sehr spät Mutter. Da hat man meine Beschwerden schnell darauf geschoben.“ Ursprünglich als allergisches Asthma diagnostiziert, ließ Renate das Gefühl nicht los, da könnte mehr dahinterstecken. Die Beschwerden – allen voran Atemnot bei körperlicher Anstrengung – waren nicht auf eine bestimmte Zeit im Jahr beschränkt. „Diese Diagnose wurde einfach immer wieder von Arzt zu Arzt übernommen, obwohl für mich klar ist, dass das eine völlig unzureichende Vereinfachung war. Ich hatte ständig Probleme, Luft zu bekommen.“ Erst auf das Drängen Renates hin – und nach zahlreichen Besuchen diverser Lungenfachärzte – war schließlich die richtige Diagnose gestellt: Intrinsisches, also nicht-allergisches, Asthma.

Ausatmen. Obwohl die Diagnose erst mit Ende 30 gestellt wurde, „kam ich nach viel Selbstreflexion drauf, dass ich in Wirklichkeit seit meiner Kindheit an Asthma litt. Man wusste es nur nicht.“ Seitdem sie sich erinnern kann, erzählt die Steirerin, hatte sie Probleme mit der Atmung. „Zum Beispiel dann, wenn ich mich anstrengen musste. Zum Beispiel beim Wandertag, wo ich der Gruppe immer hinterherkeuchte. Beim Turnunterricht sowieso. Ich dachte einfach, ich sei unsportlich, hätte keine Kondition. Im Nachhinein wurde mir klar, dass ich damals nirgends mithalten konnte, weil mir einfach die Luft fehlte.“ Ein Erlebnis blieb ihr besonders in Erinnerung: Während des Sternsingens bekam sie auf der Flöte keinen Ton heraus. „Dass die begleitenden Erwachsenen meinten, die arme Renate sei einfach nur so schüchtern,  kann ich ihnen wirklich nicht zum Vorwurf machen. Ich war ja wirklich sehr schüchtern.“ Die Wahrheit sah allerdings anders aus: Die kalte Luft verengte die Bronchien, die Luft fürs Flötespielen war einfach nicht da. Und die Eltern? Haben die Tochter nicht mal zum Arzt geschickt? Ein kurzes, kräftiges Kopfschütteln. „Meine Eltern hatten für uns Kinder nie viel Zeit.“

Luft anhalten. „Die Ursachen für mein Asthma sind vielfältig, aber dafür habe ich nur meine eigene Reflexion, keine brauchbare ärztliche Diagnose“, stellt Renate ohne Umschweife fest. Sie selbst sieht zwei möglicherweise einander verstärkende Ursachen, die ihr Asthma auslösten: Zum einen wurde im Elternhaus sehr viel geraucht – nichts Ungewöhnliches in den 1950er-Jahren. „Andererseits ist Asthma auch als Angstkrankheit bekannt. Mein Vater war Alkoholiker und neigte zu Gewaltausbrüchen. Das heißt, ich lebte als Kind sehr oft, gar ständig in Angst. Ich bin sicher, dass dies ein starker Trigger für das spätere Asthma war.“ Bis heute schnürt sich ihre Lunge zu, wenn Renate psychischem Stress ausgesetzt ist. Situationen, die sie nervös oder ihr Angst machen, die sie nicht unter Kontrolle hat. „Da kann es schon passieren, dass ich sehr kurzatmig werde und das Atmen schwerfällt.“ Sie selbst hat übrigens bereits im Jugendalter angefangen zu rauchen. Und es erst mit Anfang 50 geschafft, endgültig von den Glimmstängeln loszukommen. „Aber ehrlich gesagt nicht aufgrund des Asthmas“, gibt sie zu. Hat das Rauchen ihre Krankheit verschlechtert? Renate schüttelt den Kopf. „Aber gutgetan hat es mir sicher auch nicht!“


Röcheln. Natürlich sei die Diagnose Asthma damals ein Schock gewesen, erinnert sie sich. Ende 30, ein kleines Kind daheim, mitten im Berufsleben – wie sollte das nur funktionieren?! „Ich wusste nicht, wie ich alles schaffen sollte.“ Die ersten Jahre, als sie medikamentös noch nicht richtig eingestellt war, wurde der Alltag zum Teil zur Qual. Treppensteigen, schnelles Spazierengehen, lange Fußwege – Renate blieb oftmals buchstäblich die Luft weg. Einige Jahre lang versuchte sie, mit alternativen Methoden wie Biofeedback oder Homöopathie „Heilung oder zumindest Erleichterung zu finden“. Zumindest für sie sei das nichts gewesen, gibt sie zu: „Ich glaube, dass ich nicht viele Methoden ausgelassen habe und hier sehr viele Monatsgehälter reingebuttert habe.“ Der Entschluss, vollends auf die Schulmedizin zu vertrauen, aber auch ihre medikamentöse Therapie zu ändern, kam „eines Nachts, als ich wieder einmal 20 Minuten vom Wohnzimmer bis ins Klo gebraucht habe, weil ich nach jedem Schritt minutenlang nach Luft rang. Ich bin auf allen vieren gekrochen, weil ich nicht aufrecht stehen konnte.“ Die Umstellung der medikamentösen Therapie erfolgte umgehend: Seit jenem Vorfall (nun also bereits seit 25 Jahren) inhaliert Renate zweimal täglich ein Kombinationspräparat. Und sie erzählt: „Ich habe von Beginn an keinerlei Nebenwirkungen gespürt!“ Die Symptome seien mit dem neuen Inhalator schnell besser geworden, erzählt sie. Hatte sie eigentlich jemals Probleme mit der Handhabung des Inhalators – schließlich nichts Seltenes unter Asthma-Patienten? Renate schüttelt den Kopf. „Aber ich kannte eine alte Dame, die ist damit überhaupt nicht zurechtgekommen. Kann ich ehrlich gesagt nicht verstehen.“

Ruhig atmen. Auch Atemübungen habe sie sich selbst beigebracht; um zu entspannen, aber auch, um, ja, richtig atmen zu lernen. „Zu diesen Übungen gehören schon Kleinigkeiten wie das richtige aufrechte Sitzen vorm Computer.“ Auch vor Sport scheut die 65-Jährige nicht zurück: Lange Spaziergänge, Wanderungen, Radfahren, Fitnessstudio gehören zum Alltag. „Es ist wichtig, meine Lunge im Training zu halten. Ich spüre sofort, wenn ich mal faul bin.“ Klar, da und dort mache sich die Krankheit im Alltag schon bemerkbar, gibt Renate zu. Zum Beispiel kann sie nicht gleichzeitig bergauf gehen und mit jemanden reden. Bergwanderungen unternimmt sie meistens allein, um die Pausen selbst bestimmen zu können. „Im Winter sind die Probleme größer, da die kalte Luft die Bronchien zusätzlich verengt, was auch manchmal zu Angstzuständen führen kann.“ Aber, das betont die resche Pensionistin, die Flüchtlingen kostenlose Deutschkurse anbietet: „Ich nehme zweimal täglich meinen Spray und es geht mir gut. Ich bin so gut wie gar nicht in meinem Leben eingeschränkt – trotz Asthma!“ Und Renate ergänzt, mit einem Lächeln und nicht ohne Doppeldeutigkeit: „Ich genieße meine Pension in vollen Zügen.“

So inhalieren Sie richtig!

GESÜNDER LEBEN verrät, wie Sie Fehler mit Ihren Inhalationsgeräten vermeiden.

Basis einer jeden Asthmatherapie sind inhalative Kortikoide (siehe auch Seite 40). Bei der Anwendung kommt es aber immer wieder zu Fehlern – entweder in der Bedienung des Geräts selbst oder beim Atemmanöver. Laut Studien wendet jeder zweite Asthma-Patient sein Inhalationsgerät nicht richtig an. Das kann fatal sein, denn das Medikament entfaltet nur dann seine vollständige Wirkung, wenn es richtig (und regelmäßig!) angewendet wird.

Es gibt viele verschiedene Inhalationsgeräte. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Dosieraerosolen, Pulverinhalatoren sowie elektrischen Verneblern. „Jedes dieser Geräte hat seine Vor- und Nachteile“, betont der Wiener Lungenfacharzt Dr. Daniel Doberer. „Patient und Arzt entscheiden gemeinsam, welches Gerät das individuell richtige ist.“

Dosieraerosole: Hier wird der Wirkstoff durch ein Treibgas mit hoher Geschwindigkeit in Form kleinster Flüssigkeitströpfchen freigesetzt und eingeatmet. Der Nachteil: Diese Geräte erfordern eine große Koordinationsfähigkeit seitens der Patienten, da der Sprühstoß gleichzeitig mit dem Einatmen erfolgen muss. Inhalationshilfen (bei Kindern Voraussetzung!) unterstützen die richtige Anwendung.
Pulverinhalatoren: „Diese Geräte sind aktuell stark im Kommen“, so Doberer. Das Medikament wird vom Patienten mittels seiner Atemkraft selbst zerstäubt. Das setzt voraus, dass ein starkes Einatmen überhaupt möglich ist. Das eingeatmete Pulver kann auch Husten auslösen. Der Vorteil: Die Anwendung ist im Vergleich zu den Dosieraerosolen unkomplizierter.
Elektrische Vernebler: Diese werden vor allem bei Säuglingen, Kindern und alten Menschen angewendet. Das Medikament wird zu einem feinen Nebel umgewandelt, die Handhabung ist unkompliziert. Nachteil: Die Anwendung dauert 10 bis 15 Minuten.

Die wichtigsten Tipps auf einen Blick:
• Inhalieren Sie mit aufrechtem Oberkörper (im Sitzen oder Stehen).
• Bereiten Sie die Inhalation vor (abhängig vom jeweiligen Inhalationssystem).
• Atmen Sie vor der Inhalation ganz aus. Entspannen Sie sich.
• Umschließen Sie das Mundstück vollständig mit den Lippen.
• Je nach Gerät schnell oder langsam, aber immer tief einatmen.
• Mundstück aus dem Mund nehmen.
• Atmen für fünf bis zehn Sekunden anhalten.
• Langsam ausatmen.


Wichtig: Aufgrund der unterschiedlichen Atemmanöver sollte für alle inhalativen Medikamente nur ein Inhalationssystem (Pulver oder Dosieraerosol) sowie möglichst der gleiche Gerätetyp angewendet werden.

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