Donnerstag, 14. November 2019

Mein Leben mit Asperger-Syndrom

Ausgabe 2019.11
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Wer bin ich? Was fühle ich? Birgit Saalfrank konnte jahrzehntelang diese Fragen nicht beantworten. Der Zugang zu ihrem Seelenleben war ihr versperrt. Erst mit 39 Jahren die Diagnose: Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus.


Foto: privat

Solange sie denken kann, weiß Birgit Saalfrank, heute 48 Jahre alt, nicht, wer sie ist. „Dass ich tatsächlich anders war als andere Menschen, war mir lange Zeit nicht bewusst.“ Wenn sie in sich hineinhörte, war da Leere: „Keinerlei Schwingung oder Bewegung in Form eines Gefühls, Gedankens oder Bildes. Ich war in mir selbst einsam eingeschlossen, eingemauert, ohne die Fähigkeit, mich zu spüren.“ Leidenschaften, individuelle Stärken, kurz: ein Ich-Bewusstsein? Nichts. Die Diskrepanz zwischen äußerem und innerem Ich begann bereits in der Kindheit: „Ich wollte so sein, wie meine Mutter mich haben wollte: lustig, fröhlich, mitreißend“, erzählt Saalfrank, gebürtige Münchnerin, heute in Frankfurt lebend. „Meine eigentliche, echte Persönlichkeit, die eher nachdenkliche und ernsthafte Züge hat, galt es zu ‚übermalen’.“ Zu den Eltern fehlte der emotionale Kontakt: Über negative Gefühle wurde nicht gesprochen, Mitgefühl zeigte die Mutter nicht. „Die fehlende Empathie hat dazu geführt, dass ich nicht emotional gefördert wurde“, erinnert sie sich, „außerdem trug sie zum Überspielen meiner autistischen Fähigkeiten bei.“ Obwohl Saalfrank versichert, bis zur Diagnose niemals einen leisesten Verdacht gehabt zu haben, am Asperger-Syndrom zu leiden, zeigten sich rückblickend schon früh erste Anzeichen: Rollenspiele interessierten die kleine Birgit nicht, sie telefonierte nicht gern, hatte Schwierigkeiten, ihren Harndrang zu fühlen, Körperkontakt lehnte sie ab, in der Schule sprach sie wenig, Mitschüler empfand sie als „Quelle drohender Gefahr“. Dass Autismus genetisch bedingt ist, da ist sich Saalfrank sicher: „In meinem Fall sehe ich das als sehr zutreffend an, da mein Vater und in Teilen auch meine Mutter meines Erachtens betroffen waren beziehungsweise sind.“

Buchtipp

aspergerBirgit Saalfrank

Ich, Birgit, Autistin und Psychotherapeutin

264 Seiten
Patmos Verlag
24 Euro

Im Kopf gefangen
Der fehlende Zugang zu ihrem Inneren machte Saalfranks Leben zur Tortur – und tut es zum Teil immer noch: So, als irre sie in einem immer verwinkelter werdenden Labyrinth umher, auf der Suche nach Emotionen – in einer Welt, die von eben solchen bestimmt wird. „Ich habe sehr oft das Gefühl, keinen Kontakt zu mir zu haben. Gefühle ansatzweise wahrzunehmen, gelingt am ehesten, indem ich versuche, auf meinen Körper zu hören. Zum Beispiel: Schwitzen + Flachatmung = Stressgefühl’. Weiter differenzieren fällt mir schwer.“ Auch Bedürfnisse wie Hunger kann sie schwer zuordnen. In der Fachsprache nennt man dies „Alexithymie“, übersetzt: Gefühlsblindheit. Saalfrank spricht oft davon, in ihrem Kopf gefangen zu sein, Gefühle „eher auf der Ebene der Gedanken zu spüren.“ Zahlreiche To-do- sowie Positiv/Negativ-Listen helfen ihr, durch den Alltag zu kommen, Entscheidungen zu treffen. Seit jeher besuchte Saalfrank Seminare (unter anderem zu den Themen Achtsamkeit oder Stressreduktion), liest viele Selbstratgeber – weil diese Halt geben, gibt sie zu. „Meine Gefühle und das, was ich durch Sprache ausdrücken kann, klaffen extrem auseinander. In mir tobt alles, aber über die Sprache kan nich keine Emotionen nach draußen transportieren.“ 

Zwischenmenschliche Probleme
Fehlt der Kontakt zu sich selbst, fällt er auch zu anderen schwer: „Blickkontakt ist sehr unangenehm, ich kann ihn oftmals kaum aushalten, außer mal kurz. Ich fühle mich zerschossen von den Blicken.“ Im direkten Gespräch sei sie manchmal nicht erreichbar, „wie weg“. Mimik setzt sie nur dann ein „wenn ich denke, ich muss.“ Generell gestaltet sich eine persönliche Unterhaltung für Saalfrank schwierig: Die Konzentration auf Möbel oder Gegenstände fällt leichter als auf den Gesprächsinhalt, Gesichter konnte sie sich einige Zeit äußerst schwer merken. Ironie ist ihr buchstäblich fremd, „meine Freundin ist oft ärgerlich auf mich, und ich verstehe nicht, warum.“ Zudem „passiert es mir oft, dass ich Leute anstarre, ohne es zu merken, oder dass ich in der Öffentlichkeit zu laut rede, weil ich so sehr damit beschäftigt bin, mich auf das zu konzentrieren, was ich sagen will“. Denn Sprachschwierigkeiten waren lange Zeit keine Seltenheit: „Immer öfter passierte es, dass ich nicht mehr sprechen konnte. Hätte ich es doch getan, hätte ich mich dabei leblos und selbstentfremdet gefühlt.“ Abgesehen von zwischenmenschlichen Beziehungen (ihre erste Beziehung zerbrach aufgrund des Autismus) gestaltet sich auch Saalfranks Alltag schwierig – oder zumindest „besonders“: Multitasking ist nicht möglich, Rituale sind notwendig, um auch einfachste Abläufe richtig zu erledigen, starke Reizüberflutungen machen Rückzugsorte notwendig. Zusätzlich entwickelte Saalfrank eine immer wiederkehrende ausgeprägte Depression, Suizidgedanken inklusive.

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Mein Leben mit Asperger-Syndrom
Seite 2 Identitätszersplitterung

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