Sonntag, 19. Mai 2019

Mein Leben mit Angst und Depression

Ausgabe 2017.04
Seite 1 von 2

Uwe Hauck wollte sich das Leben nehmen. Mit viel Geduld, Therapien und nach etlichen Rückschlägen erkämpfte er sich das Licht in seiner Welt zurück. Depressionen hat er immer noch. Angst auch. Aber sterben, das will Uwe Hauck nicht mehr.


Foto: ©Hauck - privat

Es herrscht Dunkelheit. Gedanken, Vorahnungen, Rückblicke. Da ist nichts wirklich Schönes im Leben außer wenige Dinge, bei denen man stets davon ausgeht, sie zu verlieren. Meine Frau etwa, obwohl wir seit achtzehn Jahren glücklich verheiratet sind. Die Idylle zu Hause, die ich nie wirklich genießen konnte. Was bleibt, ist die Angst, die man normalerweise vor wichtigen Prüfungen hat, vor einem tiefen Abgrund oder wenn man als Kind etwas angestellt hat und fürchtet, erwischt zu werden: Diese Angst hatte und habe ich immer.“

Buchtipp

buch1Uwe Hauck
Depression abzugeben: Erfahrungen #ausderklapse

432 Seiten, Bastei Lübbe, 2016
€ 10,–

Existenzielle Angst. Der 49-jährige Uwe Hauck ist während unseres Gesprächs entspannt und konzentriert. Aufmerksam  hört er zu, unterbricht nie undist bemüht, alle Fragen so konkret wie möglich zu beantworten. Es ist nicht schwierig, in Hauck den hochsensiblen, perfektionistischen und auch etwas schüchternen Mann zu sehen, als den er sich selbst beschreibt. Er erzählt von „dieser inneren Leere, dieser Wüste, die man Depression nennt“. „Immer schon“ hatte er mit Ängsten zu kämpfen, mit Selbstzweifeln. „Diese permanente Angst hat mich letztlich depressiv gemacht.“ Wobei, „immer schon“ – so ganz stimmt das nicht: „Ich kann mich an nichts mehr erinnern, was vor meinem 12. Lebensjahr passiert ist. Es ist, als ob diese Jahre ausradiert worden wären.“ Damals fing der ungesunde, krank machende Pfad für ihn an:  Bei seinem Vater wurde eine nicht näherdiagnostizierbare Nervenkrankheit festgestellt; er war lange Zeit in einer Spezialklinik. Die Mutter kümmerte sich nicht um ihn, der kleine Uwe wurde zur dementen Großmutter abgeschoben. Der Vater konnte zwar geheilt werden, rückblickend bezeichnet Hauck die Einlieferung des Papas ins Krankenhaus als jenen Moment, „an dem ein Schalter in meinem Kopf kaputtgegangen sein muss. Von da an war alles bedrohlich, gefährlich, beängstigend. Ich glaube, dass damals ein wichtiger Teil von mir gestorben ist. Ich hatte große Verlustangst. Angst, mit meiner Mutter alleine zurückzubleiben und keinen mehr zu haben, der mich beschützt.“ Die Beziehung zur Mutter bezeichnet Hauck als „sehr schwierig“, sie war geprägt von ständigen Streitereien, fehlendem Respekt und Missverständnissen. „Sie hat nichts, was ich sagte, gelten lassen. Außerdem hat sie mich im Beisein anderer Leute schlechtgemacht.“ Ein Urvertrauen, das hat Hauck nie kennengelernt – weshalb es ihm bis heute schwerfällt, selbst nahestehenden Menschen vollends zu vertrauen. Das Gefühl, das ihm vermittelt wurde: nicht gut genug, nichts wert, kein vollständiger Mensch zu sein. „Als meine Mutter starb, war das einzige Gefühl, das ich spürte, unendliche Befreiung.“

Gedankenspirale. Diese „widerliche Mischung aus Hilflosigkeit, Unverständnis, Angst und Trauer“, die er in der Kindheit so oft verspürte, sollte von nun an Haucks treuer Begleiter werden. Das größte Problem: die Existenzangst, die Angst vorm Versagen. „Nichts hat mehr Bedeutung, nichts Wert, schon gar nicht die eigene Person. Man kann sich schwer konzentrieren, da der Verstand meist um sich selbst kreist.“ Genau dieses unkontrollierbare Gedankenkarussell, das Katastrophendenken seien „das Schmerzhafteste, das Anstrengendste“ an der Krankheit, erklärt er: „Was immer man erlebt, wird erst durch einen Filter gejagt, das Positive entfernt, und was dann im Verstand ankommt, ist eine grauschwarze Melange aus Trostlosigkeit und Katastrophenvorahnungen.“ Eigentlich, so Hauck weiter, sei es „ein ständiges Leben in Angst, nicht gut genug, nicht schnell genug, nicht vorsichtig genug zu sein“. Ausgelöst werden diese Gedanken, „die wie ein Tornado im Kopf Zerstörung anrichten“ durch (harmlose) Kritik an der eigenen Person oder unkontrollierbare Unsicherheiten. Rationale Argumente kommen in diesem Zustand bei ihm nicht an, gesteht Hauck, denn alles, was er in solchen Phasen spürt, ist „pure, blanke, entsetzliche Angst. Existenzielle Angst. Sie überrollt mich, macht mich wehr- und hilflos.“ Während der Panikattacken wird Haucks Mund trocken, die Knie weich, die Hände feucht und „das Gesicht brennt“. Dass er „hochsensibel“ ist, war Hauck zwar stets bewusst, als krankhaft hat er seine Gefühlszustände jedoch nie angesehen. Immer wieder bekam er zu spüren, dass er als Mann keine Emotionen, keine Schwäche zeigen dürfe. Also setzte er alles daran, seinen Mitmenschen eine heile (Seelen-)Welt vorzuspielen. „Ich habe es immer geschafft, in meinen depressiven Phasen nach außen hin leistungsfähig zu sein. Je optimistischer und positiver ich nach außen gewirkt habe, umso mehr habe ich aber innerlich gelitten.“

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Mein Leben mit Angst und Depression
Seite 2 Raus aus dem Leben

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