Samstag, 16. Februar 2019

Mein Leben als trockener Alkoholiker

Ausgabe 2017.06
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Alkohol wird als Droge nach wie vor verharmlost. Wie es ist, wenn aus dem Genuss eine Sucht wird, und wie man sich aus dieser befreit, erzählt der trockene Alkoholiker Martin offen in GESÜNDER LEBEN.


Foto: Miriam Höhne

Ich werde heute kein Bier bestellen.“ Martin (den Nachnamen möchte der 51-jährige Wiener nicht nennen) grinst. Er entscheidet sich für eine Melange, denn: „Koffein ist meine aktuelle Sucht.“ Und Schokolade. Und ja, auch Zigaretten, aber: „Da bin ich gerade am Aufhören.“ Martin strahlt Ehrlichkeit genauso aus wie Weisheit und eine Aura, die nur jene Menschen besitzen, die bereits viel erlebt haben, daran aber gewachsen sind. Seit bald acht Jahren ist er nun trocken, hat keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. „Auch wenn es nicht immer leicht war.“ Martin eröffnet das Gespräch zwar mit einem Witz, an der Ernsthaftigkeit der Sache lässt er allerdings keinen Zweifel. Er weiß genau, wovon er redet. Gleich zu Beginn betont er: „Man ist immer alkoholsüchtig. Das ganze Leben lang.“

Das Fallen der Grenzen. Den Alkohol habe er mit circa 14 Jahren entdeckt. „Ich war aber familiär nicht vorbelastet, hatte nie Probleme zu Hause!“, betont er und räumt mit dem ersten Vorurteil bezüglich Alkoholsucht auf. Beim Weggehen sei das eine oder andere Bier geleert worden, erinnert er sich, wie das halt so sei in diesem Alter. „Wir fühlten uns erwachsener. Und es war ein Kräftemessen: Wer verträgt mehr?“ Das Hinterlistige war, meint Martin, dass er „immer schon viel vertragen“ hat. „Einen Kater kenne ich nicht.“ Wann genau das Trinken nicht mehr Genuss, sondern zur Sucht geworden sei, könne er auch im Nachhinein nicht sagen, denn „der Übergang in die Sucht ist immer fließend. Ich weiß aber, dass die Zeit beim Bundesheer ausschlaggebend war. Dort wurde in der Freizeit viel gefeiert.“ Das Trinken war bald nicht nur auf Bars und auf Samstagabende beschränkt, sondern „auch daheim am Abend genehmigte ich mir gerne die eine oder andere Flasche“. Die Quantität stieg, die Toleranzgrenze fiel. Traf er sich mit Freunden oder Kunden zum Mittagessen (Martin war damals freiberuflich in der Werbebranche tätig), genehmigte er sich natürlich auch mal ein Glaserl. Sei ja nichts dabei, das tut man schließlich so. Um sich selbst Grenzen zu setzen, führte Martin die Regel „Kein Bier vor sechs“ (gemeint: 18 Uhr) ein. „Das ging allerdings nur eine Zeit lang gut, bald wurde die zeitliche Grenze herabgesetzt.“ Bald hieß es nämlich: „Kein Bier vor vier“ (gemeint: 16 Uhr).

Fokus: Alkohol. Martin deutet ein Grinsen an, wenn er von dieser selbst auferlegten Regel erzählt, aber gleich wird er wieder ernst: Denn je weiter die Sucht voranschritt, desto mehr wurde sein Alltag, sein Leben vom Alkohol bestimmt. In den letzten Jahren seiner „aktiven Sucht“ konnte er ohne Alkohol nicht mehr einschlafen und kam morgens ohne Alkohol nicht mehr aus dem Bett. „Ich habe es nicht aus der Wohnung geschafft, ohne mir vorher drei Flaschen Bier reinzuschütten.“ Und weiter: „Dein gesamtes Denken, dein gesamter Tagesablauf kreist nur noch um folgende Punkte: Wo krieg ich das Geld für Alk her? Wo krieg ich den Alk selbst her? Wie und wann trinke ich den Alk? Kann ich den Rausch ausschlafen?“ Nach und nach vernachlässigte er seinen Job, sein Privatleben. Rechnungen hat er keine (mehr) bezahlt: „Das war mir in solchen Zeiten vollkommen egal. Ich war ohnehin nicht fähig, diese Dinge zu erledigen. Mich interessierte nur noch der Alkohol.“ Auch seine Beziehungen litten darunter: Zweimal ist er geschieden, aus einer Ehe ging ein Sohn hervor, der mittlerweile 24 Jahre alt ist. „Nüchtern betrachtet: Bei mindestens einer Trennung spielte der Alkohol durchaus eine Rolle.“ Trotzdem, betont Martin, sei es absolut falsch, Alkoholiker als schwache Menschen hinzustellen: „Es gehört viel Energie und Logistik dazu, dein Leben nach dem Alkohol zu richten.“

Gefährliches Geheimnis. Ging es ihm schlecht, zum Beispiel nach den Trennungen, trank Martin noch mehr. Auch fühlte er sich durch den Alkohol selbstbewusster, lockerer und – zumindest eine Zeit lang – leistungsfähiger. „Natürlich hat Alkohol auch seine positiven Seiten, sonst würde man ihn ja nicht trinken.“ Bier war immer sein Getränk der Wahl, wobei Martin mit Andauern der Sucht nicht mehr allzu wählerisch war. „Ich stieg nach und nach auf Härteres um, um die Menge, die ich brauchte, überhaupt konsumieren zu können. Bier macht satt und den Bauch voll, Wodka oder Schnaps ist hier die bessere Wahl.“ Wodka hat aber auch noch andere Vorteile, wie Martin süffisant lächelnd erklärt: „Man riecht ihn nicht. Denn natürlich möchte man seine Sucht verbergen.“ Weshalb er auch in der Runde seiner Freunde („ein typischer Männerabend“) derjenige war, der am wenigsten Alkohol zu sich nahm. „Man tut alles, um den Schein zu wahren.“ Alkohol habe er zwar keinen versteckt, aber um Ausreden war er nie verlegen: So zum Beispiel behauptete er, das immer stärker werdende Zittern seiner Hände sei auf den zu hohen Koffeinkonsum zurückzuführen. Kaugummi wurde sein ständiger Begleiter. „Als Alkoholsüchtiger wirst du erfinderisch.“ Sein Freundeskreis war sich seiner Sucht nicht bewusst, mit den Eltern hatte er schon Jahre zuvor keinen Kontakt mehr. Aber auch, wenn es Hilfeversuche gegeben hätte – es ist fraglich, ob Martin diese auch angenommen hätte: „Natürlich wusste ich insgeheim recht früh, dass ich ein Problem hatte. Aber ich habe es verdrängt, wollte es nicht wahrhaben.“

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Mein Leben als trockener Alkoholiker
Seite 2 Weg nach vorn

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