Montag, 27. Mai 2019

Mein Hausarzt ist der Beste

Ausgabe 2014.02

Ein guter Hausarzt ist Anlaufstelle bei allen Wehwehchen, ist kompetent und nimmt sich Zeit für seine Patienten. Doch: Wie findet man den Arzt oder die Ärztin des Vertrauens?


Foto: Can Stock Photo Inc. - Kurhan

Der Hausarzt muss im Prinzip in jedem medizinischen Bereich über ein bestimmtes Grundwissen verfügen und möglichst immer auf dem aktuellsten Stand sein“, sagt Dr. Gert Wiegele, Allgemeinmediziner mit eigener Praxis in Weißenstein (Kärnten) sowie Leiter des Referats für Sozial- und Vorsorgemedizin der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK). Allerdings spielen im Alltag des praktischen Arztes Blutbild, Röntgen und andere diagnostische Methoden keine so große Rolle als vielmehr die genaue Anamnese. Je besser der Hausarzt über die Krankengeschichte des Patienten informiert ist, desto genauer die Diagnose. Daraus ergibt sich die wichtige Erstbehandlung. Bei nicht eindeutigen Fällen wird natürlich immer der entsprechende Spezialist hinzugezogen.

Apropos Spezialisten ... Die Kontaktpflege zu Fachärzten im niedergelassenen Bereich und Krankenhäusern zählt ebenso zu den Aufgaben eines guten Hausarztes. Wiegele: „Jeder baut sich sein eigenes Netzwerk auf. Wenn es wichtig und dringend ist, bekomme ich für meine Patienten beispielsweise sofort einen Termin beim jeweiligen Facharzt, auch wenn dessen Terminkalender im Normalfall voll ist.“ Zudem sollte sich ein „guter Hausarzt“ genügend Zeit für seine Patienten nehmen. Wenngleich er davon auch nicht mehr hat als andere (Mediziner) – im Gegenteil: So kommen beispielsweise im Schnitt bis zu 80 Patienten täglich in Wiegeles Praxis, 20 bis 30 davon wollen ihn persönlich sehen. „Bei einer Ordinationszeit von rund fünf Stunden muss ich mir das natürlich gut einteilen. Wenn ich aber das Gefühl habe, ein Patient benötigt in dem Moment mehr Zeit, dann bekommt er diese auch“, betont der Allgemeinmediziner. In diesem Zusammenhang sei überdies auf die Bedeutung der Mitarbeiter hingewiesen: Genauso wie der Hausarzt selbst sollten sie die Patienten kennen, immerhin zeichnen sie für einen Großteil der Betreuung verantwortlich. Laut Wiegele mache ohnehin rund die Hälfte der Qualität einer Hausarztpraxis die menschliche Umgebung aus – vom Personal über die wichtigsten technischen Geräte, die freilich auf dem neuesten Stand sein sollten, bis zur sauberen und freundlichen Einrichtung. „Obwohl es viele meiner Kollegen nicht gerne hören, so sind wir, wie der Gesetzgeber zu sagen pflegt, Gesundheitsdienstanbieter. Und entsprechend muss auch unsere Dienstleistung schön verpackt sein“, sagt Wiegele.

„Es braucht eine Besser-stellung der Hausärzte“

Insbesondere auf dem Land ist die Zahl der Hausärzte seit Jahren rückläufig. Dr. Gert Wiegele, praktischer Arzt in Weißenstein (Kärnten) sowie Leiter des Referats für Sozial- und Vorsorgemedizin der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), über die vielfältigen Gründe und das Haus- und Vertrauensarztmodell der ÖÄK als potenzielle Lösung.

GESÜNDER LEBEN: Herr Dr. Wiegele, warum gibt es immer weniger praktische Ärzte?
Gert Wiegele: Die Gründe sind vielfältig. Während in den kommenden Jahren im Schnitt 30 Prozent der Hausärzte in Pension gehen werden, wollen sich nur die wenigsten Medizinstudenten heutzutage vorstellen, eine Hausarztpraxis zu betreiben. Noch dazu gibt es immer weniger Lehrpraxen, was die Lage ebenfalls verschlimmert, denn meist können sich nur jene Studenten vorstellen, Hausarzt zu werden, die in einer Lehrpraxis gearbeitet haben. Ein weiterer Punkt ist, dass die Medizin zunehmend verweiblicht: Über 60 Prozent der Absolventen sind Frauen, und es ist einfach eine Tatsache, dass es für Frauen immer noch schwieriger ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, als für Männer. Deswegen ist es uns ein großes Anliegen, dass Praxis-Sharing nicht die Ausnahme der Regel ist.

GL: Aber es gibt doch schon einige Ärzte, die gemeinsam eine Praxis betreiben?
Wiegele: Ja, aber es macht einen Unterschied, ob man nur die Räumlichkeiten oder auch die Arbeit bzw. Arbeitszeit teilt. Allerdings verunmöglichen derzeit stringente Limitierungen und Degressionen der Bezahlung von Leistungen Job-Sharing-Modelle. Es bedarf also erst einmal einer neuen Honorarordnung und neuer Vertragsmodelle – und zwar in allen Bundesländern.

GL: Die Lösung ist also Job-Sharing?
Wiegele: Das ist eine Lösung. Vor allem aber braucht es eine Besserstellung der Hausärzte, was etwa durch das Haus- und Vertrauensarztmodell der ÖÄK erreicht werden könnte, das wir schon vor Jahren präsentiert haben. Kernpunkt dieses Modells ist, dass der Haus- bzw. Vertrauensarzt – das kann übrigens auch ein Facharzt sein – die zentrale Anlauf- und Koordinierungsstelle für den Patienten ist. Dieser soll auf der E-Card registriert werden und würde in der Folge alle Befunde von anderen Ärzten, Instituten, Krankenhäusern erhalten und sammeln. Das ist medizinisch für den Einzelnen, aber auch ökonomisch sinnvoll. Für den Patienten könnte dieses Modell zusätzliche Vorteile bringen, etwa indem man ihn von Rezeptgebühren oder von der Gebühr für die E-Card befreit oder ihm andere steuerliche Vorteile gewährt.

Darauf können Sie vertrauen! Ein weiterer entscheidender Punkt ist das Vertrauen, das über Jahre aufgebaut gehört. Was uns zur Frage bringt: Wie finde ich eigentlich einen guten Haus- bzw. Vertrauensarzt (letztere Bezeichnung schließt nämlich den Facharzt ein)? Geht der jeweilige Arzt in Pension, empfiehlt Gert Wiegele, sich erst einmal dessen Nachfolger anzuschauen – am besten nicht erst, wenn man tatsächlich krank ist: „Für ein erstes Kennenlernen reichen meist schon wenige Minuten. Da zeigt sich schon, ob man ihn ‚riechen‘ kann.“ Und wenn nicht? Dann muss man weitersuchen, beispielsweise indem man im Bekanntenkreis fragt. Auch in diesem Fall empfiehlt sich ein Erstgespräch unter „Gesunden“. Alles in allem sei also gesagt: dass ein guter Hausarzt ein guter Mediziner ist, also in medizinischen Belangen auf dem aktuellsten Stand ist und uns Patienten entsprechend gut behandeln kann, ist das eine – oder eigentlich vielmehr die Grundvoraussetzung. Damit der gute Hausarzt aber zum besten wird, sollte er zudem ein funktionierendes Netzwerk um sich aufgebaut haben, Zeit für uns haben (manchmal mehr, manchmal weniger), auf gute Mitarbeiter bauen und in angemessen eingerichteten Räumlichkeiten praktizieren. Vor allem aber sollten wir ihn mit gutem Gewissen und ganz ehrlich als unseren Vertrauensarzt bezeichnen können, denn Vertrauen ist die Basis jeder Beziehung.

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