Freitag, 18. Oktober 2019

Mehr Schaden als Nutzen?

Ausgabe 2019.06

Die Angst vor Nebenwirkungen führt nicht selten dazu, dass eine medikamentöse Behandlung verweigert wird. Eine Panik, die (fast) unbegründet ist: Eine Pharmazeutin klärt auf.


Foto: iStock-Santje09

 

42Prozent der Österreicher haben bereits mindestens einmal in ihrem Leben ein verordnetes Arzneimittel aus Angst vor Nebenwirkungen nicht eingenommen: Das ist das Ergebnis einer österreichischen Studie aus dem Jahr 2016. Bei Menschen ab 50 Jahren sind es sogar 49 Prozent. Ist die Angst vor unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW), wie es in der Fachsprache heißt, gerechtfertigt? Machen Medikamente gar mehr krank als gesund?

Absicherung und Hilfestellung
„Die Angst vor medikamentösen Nebenwirkungen ist durchaus verbreitet“, weiß Dr. Alexandra Mandl, Vizepräsidentin der Apothekerkammer Steiermark. Zum einen führt die Expertin die Furcht auf den Trend zurück, im Internet medizinischen Rat zu suchen („Geeigneter Nährboden für Verschwörungstheorien!“), zum anderen werden viele Patienten von Medizinern nicht immer genügend über die bevorstehende medikamentöse Behandlung aufgeklärt: „Aus Unwissen kann sehr schnell Unsicherheit und Angst entstehen. Zudem haben viele Patienten eine zu hohe Erwartungshaltung an ein Medikament, das nicht selten mit einem Wundermittel gleichgesetzt wird.“ Nervosität beim Lesen des Beipackzettels kann Mandl nachvollziehen, nimmt aber der Angst sogleich den Wind aus den Segeln: „Der Arzneimittelsektor ist in Österreich sehr stark reglementiert und überwacht. Das bedeutet auch: Aus rechtlichen Gründen sichern sich Pharmafirmen ab und nennen alle möglichen Nebenwirkungen, die eventuell – wenn auch unwahrscheinlich – auftreten könnten.“ Dies sei auch durchaus nötig, so Mandl, denn: „Streng genommen spricht man nicht von einem Beipackzettel, sondern von einer Gebrauchsinformation, welche die wichtigsten Infos zu einer Therapie beinhaltet. Sie soll Patienten aufklären und helfen, zwischen Nutzen und Risiken zu unterscheiden.“ So gut wie alle Arzneimittel verbinden sich im Körper mit einem bestimmten Angriffspunkt, wo sie ihre Wirkung entfalten. Jedoch gibt es mehrere solcher Bindungsstellen im Körper – auch dort, wo die Wirkung eines Medikaments eigentlich nicht erwünscht ist. Diesen Effekt nennt man „Nebenwirkung“. Der Umkehrschluss: „Zeigt ein Medikament keine Nebenwirkung, ist zu befürchten, dass es auch keine Hauptwirkung gibt“, erklärt die Expertin. „Kurz: Keine Hauptwirkung ohne Nebenwirkung! Das ist biologisch gar nicht möglich.“ Aus diesem Grund werden manche UAW sogar positiv aufgenommen, so Mandl: „Wenn Patienten bei einer bestimmten Art von Chemotherapie mit Hautausschlägen reagieren, wissen die Ärzte: Die Behandlung schlägt an!“

Beipackzettel verstehen
Trotzdem ist die bereits erwähnte Nutzen-Risiko-Balance ausschlagend. „Dies gilt besonders bei harmlosen Beschwerden wie herkömmlichen Kopfschmerzen oder leichtem Zwicken im Bauch“, rät die Pharmazeutin, die zugleich beruhigt: „Entscheidet man sich in diesen Fällen trotzdem für ein Medikament, kann man sicher sein, dass die Gesundheitsbehörde keine Wirkstoffe am Markt zulässt, die bereits bei leichten Beschwerden starke Nebenwirkungen verursachen.“ Prinzipiell ist es bei jeder medikamentösen Therapie entscheidend, die Gebrauchsinformation zu lesen und zu verstehen: „Viele Menschen werfen zum Beispiel die Begriffe Nebenwirkungen, Gegenanzeigen und Wechselwirkungen in einen Topf“, so die Pharmazeutin. „So manche Patienten werten neu auftretende Beschwerden als Nebenwirkung des neuen Medikaments, obwohl es sich eventuell – wenn überhaupt – um eine Wechselwirkung mit einem anderen Medikament oder auch Nahrungsmitteln handelt.“ Wird ein Wirkstoff nicht für Schwangere oder Kleinkinder empfohlen, ist dies kein Zeichen für die Gefährlichkeit des Medikaments, so Mandl: „Es bedeutet vielmehr, dass es für diese Personengruppen keine klinischen Prüfungen gab.“ Nicht zuletzt klärt die Gebrauchsinformation auch darüber auf, wie wahrscheinlich das Auftreten der aufgelisteten Nebenwirkungen tatsächlich ist.

UAW beeinflussen
Natürlich steigt die Gefahr von UAW mit der Dosis als auch mit der Stärke des Wirkstoffs. Trotzdem: Alles in allem sei die Panik vor Nebenwirkungen unbegründet, fasst die Expertin zusammen. „Die meisten UAW sind störend, aber harmlos und reversibel.“ Der Großteil der Nebenwirkungen verschwindet mit der Zeit wieder – bereits nach wenigen Tagen oder erst nach Therapieende. „Das kommt auf das Medikament an.“ Ein Beeinflussen von unerwünschten Nebenwirkungen sei durchaus möglich, klärt Mandl auf: So ist der Einnahmezeitpunkt ein wichtiges Kriterium. „Viele Medikamente werden besser vertragen, wenn sie mit einer Mahlzeit eingenommen werden. Machen Medikamente müde, ist eine abendliche Einnahme zu empfehlen.“ Auch eine langsame Steigerung der Dosis kann Nebenwirkungen abschwächen. „Natürlich kann man UAW auch mit anderen Medikamenten bekämpfen, beispielsweise mit einem Magenschutz“, räumt Mandl ein. „Es darf aber nicht das Ziel sein, immer mehr Medikamente zu sich zu nehmen.“ Auch der Verzicht auf oder das eigenständige Absetzen des Medikaments ist keine Lösung, sondern kann gefährliche Folgen haben: „Lassen Sie sich von Ihrem Arzt oder Apotheker beraten!“ Und denken Sie daran: Nehmen Sie Ihre Erkrankung genauso ernst wie Ihre Angst vor möglichen Nebenwirkungen! 

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