„Mehr Komfort und Selbstkontrolle für Diabetes-Patienten!“

Ausgabe 2017.11

Univ.-Prof. Dr. Anton Luger, Leiter der klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel des AKH Wien, erläutert im GESÜNDER LEBEN-Interview die medizinischen Fortschritte, die in den vergangenen 25 Jahren eine bessere Behandlung von Diabetes möglich gemacht haben.


Foto: M.Wustinger

 

DIABETES – FOLGENREICHE STOFFWECHSELERKRANKUNG Am Anfang des 20. Jahrhunderts kam die Diagnose Diabetes Typ 1 noch einem Todesurteil gleich. In der Zwischenzeit lassen sich die verschiedenen Typen der Stoffwechselerkrankung bereits gut behandeln. Vor allem medizinische Entwicklungen der 1990er-Jahre ermöglichen Patienten heute, einen weitgehend selbstbestimmten Alltag zu führen.

GESÜNDER LEBEN: Schätzungen zufolge wird jeder 9. Österreicher im Laufe seines Lebens mit der Diagnose Diabetes konfrontiert. Was bedeutet das für Betroffene?
Anton Luger: Unter dem Begriff Diabetes werden chronische Stoffwechselerkrankungen zusammengefasst, bei denen zu wenig bis gar kein Insulin gebildet wird. Der Körper benötigt dieses von den Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse produzierte Hormon, um lebenswichtige Kohlenhydrate in die Körperzellen aufzunehmen. Zudem braucht unser Organismus auch dann Zucker, wenn wir gerade keine Nahrung aufnehmen. Für diesen Grundbedarf muss auch immer eine Basismenge an Insulin bereitgestellt werden. Blutzucker (Glukose) gilt als einer der wichtigsten Energielieferanten für die Zellen, für das Gehirn, für die Muskulatur. Ist diese Zuckeraufnahme durch fehlendes Insulin gestört, wird die Glukose mit dem Harn über die Nieren ausgeschieden. Bei Patienten mit Typ-1- Diabetes muss das fehlende Insulin daher ersetzt werden, sonst kommt es zu einer lebensbedrohlichen Stoffwechsel-Entgleisung. Umgekehrt kann es durch die Therapie mit Insulin und einigen anderen Diabetes-Medikamenten zu einer ebenfalls gefährlichen Unterzuckerung kommen, vor der sich Betroffene sehr fürchten.

GL: Was genau passiert bei Unterzuckerung?
Der Körper reagiert mit einer Ausschüttung von Hormonen als Gegenregulation gegen die Unterzuckerung: Das sind die sogenannten Katecholamine wie Noradrenalin und Adrenalin sowie Cortisol und Somatotropin. Erste Symptome sind starkes Herzklopfen, Zittern, Schweiß und Heißhungerattacken. Sinkt der Zuckerspiegel weiter, folgen Konzentrationsschwäche, Sprach- und Sehstörungen, schließlich Krampfanfälle und Bewusstseinsverlust. Im schlimmsten Fall führt Unterzuckerung zum Tod.

GL: Welche Ursache liegt der Krankheit zugrunde?
Es gibt verschiedene Arten von Diabetes. Während die Ursachen verschieden sind, haben alle Typen einen gemeinsamen Nenner: erhöhte Blutzuckerwerte. Die meisten Patienten – rund 90 Prozent – sind vom Diabetes Typ 2 betroffen. Die auch als „Alters-Diabetes“ bezeichnete Erkrankung ist  in 80 Prozent aller Fälle mit Übergewicht assoziiert. Die Bauchspeicheldrüse schafft es nicht mehr, in Relation zur Körperfülle genug Insulin zu produzieren. Zuerst überkompensiert sie und produziert, um den Blutzuckerwert im Normbereich halten zu können, sehr viel Insulin. Durch diese oft jahrelange Überproduktion erschöpfen sich die Beta-Zellen und die Insulin-Produktion nimmt immer weiter ab. Diabetes Typ 1 hat einen ganz anderen Hintergrund. Dabei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der die Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse als Fremdkörper erkannt und von den T-Zellen des Immunsystems zerstört werden. Zum Zeitpunkt der Manifestation der Krankheit sind bereits zwischen 80 und 90 Prozent der Beta-Zellen zerstört. Das ist auch der Grund, warum Interventionen, die Restlichen zu retten, wenig erfolgreich sind. Lange wurde versucht, durch immunsuppressive Therapien, also Vorgänge, bei denen immunologische Prozesse unterdrückt werden, in den Krankheitsverlauf einzugreifen. Da jedoch bereits so viele Zellen zerstört sind, ist es ab dem Zeitpunkt der Diagnose meist bereits zu spät für solche Maßnahmen.

GL: Wird man mit Diabetes Typ 1 geboren?
Meist beginnt diese Form der Krankheit in der Kindheit oder Jugend, deshalb wird sie auch als juveniler Diabetes bezeichnet. Diabetes Typ 1 kann aber auch im Erwachsenenalter noch auftreten. Neben diesen beiden Hauptgruppen gibt es noch andere Formen von Diabetes, die auf Medikamente oder auf die Entfernung oder Entzündung der Bauchspeicheldrüse zurückzuführen sein können.

GL: Ist Diabetes heilbar?
Während Typ 1 noch nicht heilbar ist, hat man bei Typ-2- Diabetes bessere Aussichten, vor allem dann, wenn die Krankheit aufgrund von hohem Übergewicht und ungesundem Lebenswandel ausbricht. In einer ersten Behandlungsphase ist in diesem Fall zunächst eine drastische Änderung des Lebensstils angezeigt: Betroffene, die dann auf Gewichtsabnahme, viel Bewegung und gesunde Ernährung setzen, haben eine große Chance, lange ohne Medikamente auszukommen. Es besteht aber weiterhin das Risiko, dass dies nicht ein Leben lang anhält, verzögert den Einsatz von Medikamenten aber jedenfalls.

GL: Wie hat sich die Zahl der Betroffenen in den letzten Jahrzehnten entwickelt?
Leider ist Diabetes Typ 2 stark im Steigen, was mit der immer höheren Anzahl an übergewichtigen Menschen einhergeht. Die Diagnose wird oft zufällig gestellt. Es kommt zwar zunächst zu häufigem Harndrang, gefolgt von Gewichtsabnahme. Aber die ersten Diabetes-Symptome sind unterschiedlich ausgeprägt und auch nicht sehr spezifisch. So erfahren viele Betroffene erst im Rahmen einer Gesundenuntersuchung oder einer Routine-Untersuchung vor einer Operation davon. Zwei Werte sind für die Diagnose wichtig: Der Nüchtern-Blutzuckerwert und der Langzeit-Zuckerwert, der sogenannte HbA1c-Wert. Dieser zeigt an, dass der Hämoglobin-Wert, also der Farbstoff der roten Blutkörperchen, sich irreversibel verändert hat, und erlaubt einen Rückschluss auf die Blutzuckereinstellung der letzten 8 bis 12 Wochen. Selten ist ein Zucker-Belastungstest für die Diagnose erforderlich.

GL: Wie hat sich die Diabetes-Behandlung im Verlauf der Zeit geändert?
Bis vor 95 Jahren war Insulinmangel ein Todesurteil. Der erste Meilenstein bei der Behandlung von Diabetes ist 1921 festzumachen, als Insulin erstmals aus der Bauchspeicheldrüse von Tieren gewonnen werden konnte und für die Behandlung zur Verfügung stand. Bis heute ist das Spritzen von Insulin nach wie vor ein Muss bei der Behandlung von Typ-1-Diabetes. Aber in den letzten 25 Jahren hat sich sehr viel getan. Durch kleine Veränderungen am Molekül des Insulins ist der Wirkungsbeginn und die Wirkungsdauer massiv verändert worden. Damit sind heute Insuline verfügbar, die ganz rasch und kurz oder besonders lang und gleichmäßig wirken. Mit diesen Alternativen lassen sich die natürlichen Gegebenheiten eines gesunden Menschen schon sehr gut nachahmen. Daneben wurden auch kleine Insulinpumpen entwickelt, die kontinuierlich Insulin in das Unterhautgewebe abgeben. Ein geschlossenes System, bei dem in Abhängigkeit von den aktuellen Blutzuckerwerten die Insulinabgabe gesteuert wird, wird in absehbarer Zeit auch breiter verfügbar sein.

GL: Welche Auswirkungen haben diese Fortschritte auf den Alltag von Typ-1-Diabetikern?
Früher waren Betroffene viel stärker an gewisse Regeln gebunden. Essenszeiten und Ruhezeiten waren vorbestimmt. Durch die Weiterentwicklung des Insulins mit rascher und langfristiger Wirkung und der Insulinpumpen haben Patienten heute Selbstkontrolle über ihren Alltag.

GL: Haben sich auch die Therapiemöglichkeiten für Typ-2-Diabetiker im Laufe der Zeit verbessert?
Drastisch! Bei Diabetes des Typs 2 wird der Blutzucker anfangs meist mittels Tabletten kontrolliert, im weiteren Verlauf ist aber oft eine Insulin-Therapie erforderlich. Bis in die Neunzigerjahre gab es jedoch nur zwei Klassen von oralen Antidiabetika, die bei Betroffenen eingesetzt werden konnten: Metformin und Sulfonylharnstoffe. Beide kamen bereits in den Vierziger- bzw. Fünfzigerjahren auf dem Markt. Viele Jahrzehnte gab es keine medizinischen Fortschritte auf diesem Gebiet, bis seit den Neunzigerjahren schließlich fünf verschiedene Klassen von Medikamenten entwickelt wurden. Aktuell sind somit sieben Klassen verfügbar, was individuelle Behandlungskonzepte ermöglicht. Der größte Vorteil der heute verfügbaren oralen Antidiabetika ist, dass nur eine der neuen Substanzklassen das Risiko für eine Unterzuckerung aufweist.

GL: Diabetiker müssen über ihren Blutzuckerwert Bescheid wissen. Was hat sich bei deren Messung in
den letzten Jahren getan?
Über lange Zeit war das Messen per Finger-Piks die einzige Methode, um den Blutzuckerwert im Alltag zu messen. Seit ein paar Jahren sind jedoch neue Messgeräte auf dem Markt, die für Typ-1-Diabetiker und Typ-2-Diabetiker mit aufwendiger Insulin-Therapie auch von der Krankenkasse bezahlt werden. Der Sensor wird auf dem Oberarm aufgeklebt und misst den Zucker im Unterhautfettgewebe. Der Patient kann den Wert mit einem kleinen Scanner ablesen, der an den Sensor gehalten wird.

GL: Was erhoffen Sie sich für die Zukunft?
Die Zukunft gehört der Diabetes-Therapie mithilfe von Stammzellen. Diese Vorläuferzellen des Körpers haben die Fähigkeit, sich zu spezialisieren. Eine Tochterzelle kann sich nach der Teilung also in eine spezialisierte Zelle weiterentwickeln. US-Forschern ist es bereits gelungen, mit Stammzellen insulinproduzierende Beta-Zellen herzustellen, die nach einer Transplantation in Mäusen den Blutzucker kontrollierten. Es wird zwar mit Sicherheit noch mindestens ein Jahrzehnt dauern, bis eine solche Therapie für insulinpflichtige Diabetiker zur Verfügung stehen wird, aber wir wissen schon jetzt, dass Stammzellen vom Immunsystem nicht als Fremdkörper angesehen werden. Daher wird auf eine Immunsuppression, also eine Unterdrückung des Immunsystems, verzichtet werden können – und der Behandelte damit nicht einer größeren Anfälligkeit für Infektionen ausgesetzt werden.  

© Gesünder Leben Verlags GsmbH.