Mittwoch, 27. Januar 2021

Medizin für die Libido - Von wegen freizügig!

24. Februar 2012
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Von wegen freizügig!

Bei unseren ethnobotanischen und ethnopharmakologischen Feldforschungen entdeckten Christian Rätsch und ich, dass der selbstverständliche Umgang mit Liebesmitteln und deren kulturelle Bewertung verblüffenderweise völlig unabhängig vom freizügigen oder prüden Umgang mit Sexualität ist! Sexuell aufgeklärte westliche Industrienationen wie Deutschland, wo Produkte mit barbusigen Schönheit beworben werden und der Sexualkundeunterricht auf dem Lehrplan steht, stellen die erotische Stimulierung durch Aphrodisiaka sehr viel eher in Frage als Kulturen wie z.B. Indien, die allgemein als prüde gelten.

Wie erklärt sich dieser paradoxe Sachverhalt? Die plausibelste Antwort lautet: durch die zunehmende Entfremdung von der Natur. Unsere Kinder wachsen in Städten auf. Sie malen Kühe lila, weil sie sie lediglich aus der Milka-Reklame kennen, beantworten die Frage nach der Herkunft von Milch und Eiern mit: »die kommen aus dem Supermarkt« und erinnern sich an Kaugummi und Bonbons, wenn ihnen eine Pfefferminzpflanze vor die Nase kommt.

So trifft auch für die Entwicklung unserer Sinne und Sinnlichkeit nach wie vor das alte Sprichwort zu: »Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.« Wie sollten wir als Erwachsene empfänglich sein für sinnlich betörende Düfte, wenn wir nur kultivierte Rosen aus dem Blumenladen kennen, deren natürlicher Duft bei der Züchtung von Farben und dauerhaften vielblättrigen Blüten auf der Strecke blieb? Wie erkennen wir an Fertigprodukten wie »Muscheln in Tomatensauce«, die wir auf unsere Pasta kippen, die auffallende Ähnlichkeit der Venusmuscheln in Aussehen und Beschaffenheit mit dem weiblichen Geschlecht (einer Ähnlichkeit, der sie im übrigen auch ihren Namen verdanken)?

Eine Kultur ohne Sinnlichkeit

Lexika erklären Aphrodisiaka als »den Geschlechtstrieb anregende Mittel«. Eine technisch korrekte Definition, die für unseren Umgang mit Liebesmitteln symptomatisch ist. Ist der Trieb erlahmt, schmeißen wir ein Mittel wie Viagra ® ein, damit »es« wieder funktioniert.

Der technisch-medizinische Aspekt ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Das was an der Liebe nicht wäg- und messbar ist, kann davon nicht erfasst werden. Die sterilen Laborbedingungen, unter denen die Wirksamkeit von Liebesmitteln in Tierversuchen getestet werden, distanzieren uns meilenweit von eigenen sinnlichen Erfahrungen. Der Komplexität der elementaren Kraft der Liebe werden althergebrachte Bezeichnungen wie »Aphrodisiaka«, »venerische Mittel« und »Lenzmittel« weitaus eher gerecht. Diese Bezeichnungen beziehen sich auf die griechische Göttin der Schönheit und Liebe, Aphrodite, auf ihre römische Entsprechung Venus und die alljährlich erblühende Fruchtbarkeit der Natur, der wir immer wieder Frühlingsgefühle verdanken.

Wer sich auf das Abenteuer persönlicher Begegnungen mit traditionell überlieferten natürlichen Liebesmitteln einlässt, begibt sich auf eine Reise in vernachlässigte und nach wie vor unerforschte Regionen des sinnlichen Erlebens.

Claudia Müller-Ebeling, Jg. 56, promovierte Kunsthistorikerin und Ethnologin. Feldforschungen zum Heilpflanzenwissen in der Karibik und auf den Seychellen, zum Schamanismus in Nepal, Korea und dem peruanischen Amazonasgebiet. Diverse Artikel- und Buchveröffentlichungen, u.a. »Hexenmedizin«, »Schamanismus und Tantra in Nepal«. Gibt eigene Seminare zum Thema »Aphrodisiaka«.

 

Autor: Claudia Müller-Ebeling

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