Meben Mein mit Diabetes & Covid-19

Ausgabe 2020.06

Anja ist 25 Jahre alt und Typ-1-Diabetikerin. Ende März infizierte sie sich mit Covid-19. Obwohl sie offiziell zur Risikogruppe gehört, verlief die Infektion mild, heute geht es ihr gut. In GESÜNDER LEBEN erzählt sie über ihre Zeit in Quarantäne und wie ihre Glukosewerte auf das Virus reagierten.


Foto: © Anja R.

Corona ist ein verdammtes Virus, das uns alle einschränkt und die Welt stark verändert!“ Ja, Anja ist ein bisserl verärgert. Sie gibt zu: Corona nervt nicht nur – aus den offensichtlichen Gründen –, sondern verunsichert auch, macht Angst, „macht etwas mit einem“. Das Virus aber rückt Dinge auch wieder ins rechte Licht, macht sogar befreiter, wie in Anjas Fall. Die 25-jährige Deutsche, die nahe Stuttgart lebt, wurde Ende März positiv auf Covid-19 getestet. Gleich vorweg: Alles ist gut ausgegangen, heute geht es Anja „sehr gut“, wie sie sagt, sie geht auch bereits wieder ihrem Job als Erzieherin in einer Kindertagesstätte nach. Auf den ersten Blick gehört Anja nicht zur bekannten Covid-19-Risikogruppe: Sie ist jung, steht mitten im Leben, lässt (in Vor-Corona-Zeiten) ihren Emotionen beim zweimal wöchentlichen Kickboxen freien Lauf und ist außerdem ausgebildete Rettungsschwimmerin. Aber: Anja ist Typ-1-Diabetikerin.

Glücksdiagnose
2009 wurde bei Anja Typ-1-Diabetes festgestellt, damals war sie 14 Jahre alt. Die „Glücksdiagnose“, wie sie es nennt, wurde im Rahmen einer herkömmlichen Jugenduntersuchung festgestellt. „Mein Arzt hat mir damals zu verstehen gegeben, dass es ein Wunder ist, dass ich noch so quickfidel bin. Mein Glukosewert war im unteren 600er-Bereich. Symptome hatte ich aber keine.“ Natürlich war es anfangs eine Umstellung, die auch mit Einschränkungen verbunden war, gibt Anja zu. „In den ersten Monaten habe ich alle Lebensmittel und Speisen genau abgewogen, jedes Gramm musste berechnet werden. Auch meine Mutter hatte Angst, etwas falsch zu machen. Außerdem musste ich plötzlich in der Freizeit ständig Messgerät, Insulin-Pen und Traubenzucker dabeihaben.“ Und, natürlich: „Beim Essen war ich sehr uhrzeitabhängig, was nicht immer ganz einfach war.“ Anja aber scheint eine Person zu sein, die sich stets auf das Positive konzentrieren möchte: „Es war ein Lernprozess. Ich bin schnell mit meinem Diabetes gut zurechtgekommen und war auch rasch gut eingestellt.“ Ihren Freizeit aktivitäten wie Schwimmen oder Reiten ging sie nach wie vor nach, gehänselt wurde sie auch niemals.

Moderne Therapie
Nach Spritzen ist Anja mittlerweile auf eine Behandlung mit Insulinpumpe umgestiegen. „Dank der Pumpe kann ich essen, wann ich will. Sollte ich mal zu viel Zucker zu mir genommen haben, kann die Pumpe es schnell korrigieren. Das erleichtert einiges.“ An dieser Stelle möchte Anja eines klarstellen: „Typ-1-Diabetiker können im Grunde essen, was sie wollen – und das mache ich auch!“ Zusätzlich verwendet sie eine Art kleinen Knopf, der – meist am Oberarm – äußerlich angebracht wird, der dazugehörige Sensorfaden befindet sich unter der Haut. Mithilfe einer Handy-App werden automatisch die persönlichen Blutzuckerwerte gemessen. Im Falle einer Über- oder Unterzuckerung sendet das System einen Alarm auf das Handy. Alle drei Monate muss der HbA1c-Wert kontrolliert werden, einmal im Jahr steht eine große Blutuntersuchung sowie der Besuch beim Augen- arzt an.

Schreckgespenst Corona
Zeitsprung zum März 2020. Es war ein Mittwochnachmittag, als Anja einen beruflichen Anruf bekam: Alle Mitarbeiter müssten sofort in Quarantäne, eine Kollegin habe sich mit Covid-19 infiziert. Zu diesem Zeitpunkt hatte die 25-Jährige bereits leichten Schnupfen sowie einen Geruchs- und Geschmacksverlust bei sich festgestellt, „da aber die Symptome so leicht waren, habe ich diese nicht auf Corona zurückgeführt. Damals wusste man zudem noch nicht, dass der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns anscheinend zu den Hauptbeschwerden von Covid-19 gehört.“ Die Hausärztin riet ihr im Rahmen einer telefonischen Beratung, sich testen zu lassen – auch aufgrund der Diabetes-Erkrankung. Diese Testung geschah bei einem „Corona-Drive-in“, wie Anja es mit Augenzwinkern nennt: Auf einem großen Parkplatz in der Nähe des Stuttgarter Flughafens wurde ein Zelt aufgebaut, in dem medizinisches Personal Abstriche im Mund- und Nasenraum durchführte – die (möglichen) Betroffenen blieben dabei die ganze Zeit über in ihrem eigenen Auto sitzen. Zwei Tage später dann der positive Bescheid via Telefon: Anja hatte sich mit Covid-19 infiziert. „Ich habe nicht damit gerechnet, für mich ist erst mal eine Welt zusammengebrochen.“ Unsicherheit und Angst machten sich breit: Wie wird sich die Krankheit weiterentwickeln? Was kommt noch auf mich zu? „Man weiß ja bis heute nicht sehr viel über Covid-19!“ Vor allem aber sorgte sich Anja um ihre Familie und Freunde: Könnte sie jemanden angesteckt haben? Allen Familienmitgliedern, mit denen sie zuvor engen Kontakt hatte, wurde ebenso eine 14-tägige Quarantäne auferlegt. Trotz verdächtiger Symptome bei Mama und beim Neffen erwies sich Anjas Angst aber schließlich als unbegründet. Die Dankbarkeit und Erleichterung darüber ist Anja noch heute anzumerken.


 

Unterzuckerungen
Schnell wurde Anja auch von Durchfällen geplagt. „Am meisten hat mir aber zu schaffen gemacht, dass ich vorübergehend nichts riechen und schmecken konnte.“ Fieber hatte sie überraschenderweise während der gesamten Zeit niemals. Ihre Zuckerkrankheit aber blieb von Corona nicht verschont: „Mein Diabetes hat probiert, das Virus mit einem nächtlichen Unterzucker zu bekämpfen. Eine Gummibärchenpackung neben dem Bett wurde zur Gewohnheit.“ Anja senkte daraufhin mit der Pumpe die Insulinzufuhr, diese lief nachts nur noch auf 90 Prozent. Auch tagsüber wurde sie von Unterzuckerungen geplagt, teils mit Symptomen wie beispielsweise Kribbelgefühle an Zunge und Händen. „Ich habe deshalb beim Essen nur noch mit halben Broteinheiten gerechnet.“

Nähe trotz Distanz
Die Zeit in ihrer 60 m2 großen Wohnung ohne Balkon vertrieb sich Anja mit lesen, fernsehen, nähen, ihren zwei Katzen – „und ganz viel telefonieren!“, lacht sie. Dass man trotz Social Distancing einander nah sein kann, erlebte Anja während ihrer insgesamt 15-tägigen Quarantäne: „Verwandte und Familie haben mich nicht nur aufgemuntert, sie sind auch für mich einkaufen gegangen. Ich habe mich nie alleine gefühlt.“ In Krisenzeiten zeigt sich durchaus, wer ein wahrer Freund ist, deutet Anja an. Und: „Die Familie ist nochmals ein Stückchen zusammengewachsen.“ Trotz Dauerbeschallung durch das Fernsehgerät hatte sie aufgehört, die Nachrichten zu verfolgen, gibt Anja offen zu: „Es tat und tut mir nicht gut. Die Zahlen von Neuinfektionen jagen mir Angst ein. Mittlerweile lese ich nur noch nach, wie viel Personen wieder gesund sind.“ Immer noch verwundert „und traurig“ zeigt sich Anja ob der Tatsache, dass sie während der Quarantäne nicht medizinisch betreut wurde. „Ich musste zwar zweimal täglich Fieber messen und ein Symptomtagebuch führen, dieses aber erst nach meiner Quarantäne abgeben. Von einem Arzt angerufen wurde ich kein einziges Mal, obwohl dies angeblich hätte geschehen sollen.“ Anja denkt kurz nach. „Ich vermute, ich bin in den Aufzeichnungen verloren gegangen.“

Genesung
Tag für Tag wurden die Covid-19-Symptome besser, die Glukosewerte pendelten sich schrittweise wieder ein, der Durchfall begleitete sie aber „bis zum Schluss“, erzählt Anja. Somit beweist die 25-Jährige, dass Diabetiker, die sich mit Covid-19 infizieren, nicht automatisch einen schweren Krankheitsverlauf durchmachen müssen. „Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich nur milde Symptome hatte“, betont Anja. Nach 48 Stunden völliger Beschwerdefreiheit meldete sie sich, so waren schließlich die Anweisungen, beim Gesundheitsamt. „Wie schon zu Beginn der Quarantäne war es sehr schwierig, dort jemanden zu erreichen.“ Als Anjas Quarantäne endlich aufgehoben wurde, „verspürte ich ein Gefühl der Erleichterung. Ich hatte es geschafft! Ich bin nun laut Forschungen immun gegen das Virus.“ Auch der Begriff „Freiheit“ fällt, als Anja davon erzählt, wie sie das erste Mal nach der Quarantäne wieder selbst einkaufen und spazieren ging. „Ich habe die Natur rund um mich ganz bewusst wahrgenommen.“ Da es bis heute keine Nachuntersuchungen gab, war anfangs die Angst groß, immer noch Viren in sich zu tragen. „Das habe ich aber hinter mir gelassen. Irgendwann muss ja jede Viruserkrankung mal vorbei sein.“ Anderen Covid-19-betroffenen Diabetikern rät sie: „Achtet auf eure Werte und bittet, falls ihr alleine wohnt, eine nahestehende Person, euch mehrmals am Tag anzurufen.“ Denn nur gemeinsam meistert man jede noch so beängstigende Krise.

THERAPIE MIT ARZT BESPRECHEN !

Die Coronakrise ist nach wie vor mit großen Unsicherheiten verbunden. Viele Diabetiker wissen nicht, ob und wie sich Covid-19 auf ihre Krankheit auswirkt. Wir baten Prof. Dr. Susanne Kaser, Präsidentin der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG), zum Kurzinterview.

Wieso zählen Menschen mit Diabetes zur Risikogruppe von Covid-19?
Diabetes ist kein Risikofaktor dafür, dass man per se an Covid-19 erkrankt, sondern dafür, dass man einen schweren Verlauf entwickeln könnte. Wieso das so ist, ist noch nicht erforscht, allerdings wissen wir seit Langem, dass Menschen mit Diabetes allgemein ein höheres Infektionsrisiko haben. Ob alle Menschen mit Diabetes in gleichem Maße stärker gefährdet sind, an Covid-19 zu erkranken, ist aber nicht bekannt!

Es wäre möglich, dass die größere Gefährdung vom Diabetes-Typ abhängig ist, es könnte aber auch mit der glykämischen Einstellung zu tun haben oder mit eventuell vorhandenen Komorbiditäten (Begleiterkrankungen, Anm.). Die ÖDG ist aktuell dabei, eine klarere Risikoeinteilung auszuarbeiten.

Wie kann der Blutzucker auf Covid-19 reagieren und wieso?
Als Reaktion auf jede Art von Infektion steigt der Blutzucker an, das ist völlig normal. Da die Covid19-Infektion aber sehr heterogen ist, kann der Blutzucker bei Betroffenen auch mal anders reagieren, wie es bei Anja der Fall war.

Worauf sollten mit Covid-19 infizierte Diabetiker achten?
Wichtig ist, die persönliche Therapie mit dem behandelnden Arzt unverzüglich zu besprechen. Typ-2-Diabetiker sollten zum Beispiel mit bestimmten oralen Antidiabetika während einer schweren Infektion pausieren. Ansonsten bitte regelmäßig Blutzucker messen und Hygienemaßnahmen einhalten.

 

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