Montag, 13. Juli 2020

Meben Mein mit Diabetes & Covid-19 - Unterzuckerungen

Ausgabe 2020.06
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Unterzuckerungen
Schnell wurde Anja auch von Durchfällen geplagt. „Am meisten hat mir aber zu schaffen gemacht, dass ich vorübergehend nichts riechen und schmecken konnte.“ Fieber hatte sie überraschenderweise während der gesamten Zeit niemals. Ihre Zuckerkrankheit aber blieb von Corona nicht verschont: „Mein Diabetes hat probiert, das Virus mit einem nächtlichen Unterzucker zu bekämpfen. Eine Gummibärchenpackung neben dem Bett wurde zur Gewohnheit.“ Anja senkte daraufhin mit der Pumpe die Insulinzufuhr, diese lief nachts nur noch auf 90 Prozent. Auch tagsüber wurde sie von Unterzuckerungen geplagt, teils mit Symptomen wie beispielsweise Kribbelgefühle an Zunge und Händen. „Ich habe deshalb beim Essen nur noch mit halben Broteinheiten gerechnet.“

Nähe trotz Distanz
Die Zeit in ihrer 60 m2 großen Wohnung ohne Balkon vertrieb sich Anja mit lesen, fernsehen, nähen, ihren zwei Katzen – „und ganz viel telefonieren!“, lacht sie. Dass man trotz Social Distancing einander nah sein kann, erlebte Anja während ihrer insgesamt 15-tägigen Quarantäne: „Verwandte und Familie haben mich nicht nur aufgemuntert, sie sind auch für mich einkaufen gegangen. Ich habe mich nie alleine gefühlt.“ In Krisenzeiten zeigt sich durchaus, wer ein wahrer Freund ist, deutet Anja an. Und: „Die Familie ist nochmals ein Stückchen zusammengewachsen.“ Trotz Dauerbeschallung durch das Fernsehgerät hatte sie aufgehört, die Nachrichten zu verfolgen, gibt Anja offen zu: „Es tat und tut mir nicht gut. Die Zahlen von Neuinfektionen jagen mir Angst ein. Mittlerweile lese ich nur noch nach, wie viel Personen wieder gesund sind.“ Immer noch verwundert „und traurig“ zeigt sich Anja ob der Tatsache, dass sie während der Quarantäne nicht medizinisch betreut wurde. „Ich musste zwar zweimal täglich Fieber messen und ein Symptomtagebuch führen, dieses aber erst nach meiner Quarantäne abgeben. Von einem Arzt angerufen wurde ich kein einziges Mal, obwohl dies angeblich hätte geschehen sollen.“ Anja denkt kurz nach. „Ich vermute, ich bin in den Aufzeichnungen verloren gegangen.“

Genesung
Tag für Tag wurden die Covid-19-Symptome besser, die Glukosewerte pendelten sich schrittweise wieder ein, der Durchfall begleitete sie aber „bis zum Schluss“, erzählt Anja. Somit beweist die 25-Jährige, dass Diabetiker, die sich mit Covid-19 infizieren, nicht automatisch einen schweren Krankheitsverlauf durchmachen müssen. „Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich nur milde Symptome hatte“, betont Anja. Nach 48 Stunden völliger Beschwerdefreiheit meldete sie sich, so waren schließlich die Anweisungen, beim Gesundheitsamt. „Wie schon zu Beginn der Quarantäne war es sehr schwierig, dort jemanden zu erreichen.“ Als Anjas Quarantäne endlich aufgehoben wurde, „verspürte ich ein Gefühl der Erleichterung. Ich hatte es geschafft! Ich bin nun laut Forschungen immun gegen das Virus.“ Auch der Begriff „Freiheit“ fällt, als Anja davon erzählt, wie sie das erste Mal nach der Quarantäne wieder selbst einkaufen und spazieren ging. „Ich habe die Natur rund um mich ganz bewusst wahrgenommen.“ Da es bis heute keine Nachuntersuchungen gab, war anfangs die Angst groß, immer noch Viren in sich zu tragen. „Das habe ich aber hinter mir gelassen. Irgendwann muss ja jede Viruserkrankung mal vorbei sein.“ Anderen Covid-19-betroffenen Diabetikern rät sie: „Achtet auf eure Werte und bittet, falls ihr alleine wohnt, eine nahestehende Person, euch mehrmals am Tag anzurufen.“ Denn nur gemeinsam meistert man jede noch so beängstigende Krise.

THERAPIE MIT ARZT BESPRECHEN !

Die Coronakrise ist nach wie vor mit großen Unsicherheiten verbunden. Viele Diabetiker wissen nicht, ob und wie sich Covid-19 auf ihre Krankheit auswirkt. Wir baten Prof. Dr. Susanne Kaser, Präsidentin der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG), zum Kurzinterview.

Wieso zählen Menschen mit Diabetes zur Risikogruppe von Covid-19?
Diabetes ist kein Risikofaktor dafür, dass man per se an Covid-19 erkrankt, sondern dafür, dass man einen schweren Verlauf entwickeln könnte. Wieso das so ist, ist noch nicht erforscht, allerdings wissen wir seit Langem, dass Menschen mit Diabetes allgemein ein höheres Infektionsrisiko haben. Ob alle Menschen mit Diabetes in gleichem Maße stärker gefährdet sind, an Covid-19 zu erkranken, ist aber nicht bekannt!

Es wäre möglich, dass die größere Gefährdung vom Diabetes-Typ abhängig ist, es könnte aber auch mit der glykämischen Einstellung zu tun haben oder mit eventuell vorhandenen Komorbiditäten (Begleiterkrankungen, Anm.). Die ÖDG ist aktuell dabei, eine klarere Risikoeinteilung auszuarbeiten.

Wie kann der Blutzucker auf Covid-19 reagieren und wieso?
Als Reaktion auf jede Art von Infektion steigt der Blutzucker an, das ist völlig normal. Da die Covid19-Infektion aber sehr heterogen ist, kann der Blutzucker bei Betroffenen auch mal anders reagieren, wie es bei Anja der Fall war.

Worauf sollten mit Covid-19 infizierte Diabetiker achten?
Wichtig ist, die persönliche Therapie mit dem behandelnden Arzt unverzüglich zu besprechen. Typ-2-Diabetiker sollten zum Beispiel mit bestimmten oralen Antidiabetika während einer schweren Infektion pausieren. Ansonsten bitte regelmäßig Blutzucker messen und Hygienemaßnahmen einhalten.

 

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