Freitag, 18. Oktober 2019

Mandelentfernung: Bitte nicht voreilig!

Ausgabe 2019.03

Eine aktuelle Studie aus Dänemark beweist: Die Entfernung der Mandeln kann langfristig negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben. Eine Tonsillektomie sollte also niemals voreilig durchgeführt werden.


Foto: iStock-seamartini

Vor wenigen Jahrzehnten war es noch gang und Gäbe, die Mandeln bei Kindern zu entfernen, wenn diese schmerzten. Manchmal wurden sie sogar vorsorglich wegoperiert. Zwar gehört die Mandelentfernung, im Fachjargon Tonsillektomie genannt, auch heute noch zu den häufigsten operativen Eingriffen im Kindesalter, sie wird im Vergleich zu früher aber wesentlich seltener durchgeführt.

Mandeln und das Immunsystem
Ärzte warnen nämlich davor, eine Tonsillektomie auf die leichte Schulter zu nehmen: Die Schmerzen nach der Operation seien nicht zu unterschätzen, trinken und essen ist nur mit Überwindung möglich – was zu Austrocknung oder Kreislaufproblemen bei den Patienten führen kann. Auch Nachblutungen können auftreten, die mitunter einen erneuten Eingriff erforderlich machen. Zudem ist das Wissen darüber gestiegen, wie wichtig die Mandeln für unser Immunsystem sind. Die insgesamt vier Mandeln, die sich in unserem Mund- und Rachenraum verteilen, erfüllen eine wichtige, weil frühzeitige Abwehrfunktion: Nehmen wir Bakterien oder andere Krankheitserreger über Mund oder Nase auf, werden sie von den Mandeln bekämpft und aufgehalten – sie verhindern also, dass die Krankheitserreger weiter in unseren Körper vordringen. Außerdem enthalten die Mandeln zahlreiche weiße Blutkörperchen, wodurch es ihnen möglich wird, die Erreger zu bekämpfen.

Studie aus Dänemark schlägt Alarm
Genau diesem Zusammenhang zwischen einer Mandelentfernung und unserem Immunsystem hat sich nun erstmals eine groß angelegte Studie aus Dänemark angenommen: Die Forscher erfassten Daten von rund 1,2 Millionen Kindern, die zwischen 1979 und 1999 in Dänemark geboren wurden. Bei 6.000 Kindern wurde in den ersten neun Lebensjahren eine Tonsillektomie durchgeführt. Ihnen wurde eine Kontrollgruppe mit Kindern gegenübergestellt, deren Mandeln nicht entfernt wurden – trotz ähnlicher gesundheitlicher Probleme mit den Mandeln. Danach wurde verglichen, wie häufig in beiden Gruppen bestimmte Erkrankungen bis zum 30. Lebensjahr auftraten. Die doch erschreckenden Ergebnisse: Die operierten Kinder wiesen ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für Erkrankungen der oberen Atemwege auf, beispielsweise Asthma. Das Risiko, eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) zu erleiden, war sogar doppelt so hoch, genauso wie das Auftreten von Bindehautentzündungen. Die Gefahr einer Infektionskrankheit stieg immerhin um 2,14 Prozent. Besonders überraschend: Auch für jene Leiden, die durch eine Mandelentfernung eigentlich behandelt werden sollten, wie Mandel- oder Mittelohrentzündungen, erwies sich eine Tonsillektomie nicht als Vorteil. Diese traten nämlich bei den operierten Kindern in den Folgejahren genauso häufig auf wie bei den Nicht-Operierten.

Wann es doch sein muss
Manchmal aber ist es trotzdem notwendig, sich von den Mandeln zu trennen – nämlich dann, wenn sie dauerhaft vergrößert sind und es deshalb zu Atemproblemen (auch nachts!) und Dauerschnupfen kommt. Zudem kann die sehr häufige Einnahme von Antibiotika zu einer Resistenz oder gesundheitlichen Problemen führen. Ärzte raten: Ab sieben antibiotikapflichtigen Mandelentzündungen jährlich ist eine Operation notwendig. In vielen Fällen reicht bei Kindern allerdings eine Teilentfernung der Mandeln aus, die geringere Nebenwirkungen aufweist. 

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