Donnerstag, 14. November 2019

Magersucht: Ein Schrei nach Selbstliebe

Ausgabe 2019.11

Es geht nicht nur darum, dünn zu sein. Die Magersucht ist ein Teufelskreis, der das gesamte Leben vereinnahmt. Wie man aus eben diesem ausbricht und warum gerade ich diesen Artikel schreibe.


Foto: iStock-MatiasEnElMundo

Ich war kein dickes Kind. Ich war „kräftig“. Also habe ich mit 13 Jahren beschlossen, das zu ändern. Ich wollte nur ein paar Kilo abnehmen. Und dann hat es sich „verselbstständigt“: Ein bisschen geht noch. Und noch ein bisschen ... Heute schreibe ich nicht nur über Gesundheit und gesunde Ernährung. Heute lebe und ernähre ich mich auch gesund. Doch es hat gut 20 Jahre gedauert, bis ich die Entscheidung getroffen habe, wieder zu essen und vor allem mich selbst zu lieben. Ich war nie in einer Einrichtung für Magersüchtige, habe nie eine entsprechende Therapie gemacht und schlussendlich selbst aus der Magersucht gefunden, weil mein Körper mir klar gezeigt hat, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Zum Glück habe ich – spät, aber doch! – auf ihn gehört. Dass man den Weg aus der Magersucht alleine bewältigt, ist nur sehr selten der Fall, wie mir Verena Böhm erklärt hat. Die Sozialarbeiterin und Supervisorin leitet in Linz zwei Wohngruppen für junge Menschen mit Essstörungen. Dort werden Betroffene von einem interdisziplinären Team betreut, das einen multitherapeutischen Ansatz verfolgt – bestehend aus unter anderem Einzel- und Gruppentherapien, ärztlicher Versorgung, Koch-ess-Begleitung, Verhaltens- und Körpertherapien. „Neben den einzelnen Therapiebausteinen geht es darum, wieder eine Tagesstruktur aufzubauen, Schule oder Ausbildung abzuschließen, einen Job zu finden – kurz: Schritt für Schritt zurück ins Leben zu finden“, so Böhm.

Selbstverantwortung und Körpergefühl
Die Anorexia nervosa – so der Fachausdruck – beherrscht das gesamte Leben. Man ist ständig mit dem Thema konfrontiert, macht sich immerzu Gedanken über das Essen: wann, wie viel, was. Man betrachtet den eigenen Körper nur noch kritisch und verliert den Bezug zu ihm. Die Magersucht verändert die eigene Körperwahrnehmung – und zwar nachhaltig. Ich selbst weiß heute, wie ich damit umgehen kann. Ich weiß, dass ich gesund bin, dass es mir gut geht, dass mein Körper, mein Geist und meine Seele unter anderem dank Yoga gut trainiert sind. Und ich weiß, dass es so viel mehr im Leben gibt als diesen „Körperkult“. Auf dem Weg aus der Magersucht geht es um Selbstverantwortung, denn „nur wenn derjenige wieder an sich selbst glaubt, die Verantwortung für das eigene Leben übernimmt, kann er es schaffen. Zudem braucht es Menschen im Außen, die die Betroffenen mit viel Geduld auf diesem Weg begleiten“, weiß Böhm. Dafür ist es oft nötig, aus dem familiären Gefüge zu treten: „In einer Wohngruppe können sich die Bewohner gegenseitig unterstützen, etwa dann, wenn sie sich in unterschiedlichen Therapiephasen befinden oder in einem Tief stecken. Natürlich besteht auch die Gefahr, dass sich die Bewohner gegenseitig negativ beeinflussen. Da sind wir therapeutisch gefordert. Aus meiner langjährigen Erfahrung kann ich allerdings sagen, dass eine derartige Gemeinschaft insbesondere gewinnbringende, heilsame Effekte hat.“

Was sollen und können Eltern, Partner, Freunde tun?

„Informieren Sie sich gut und holen Sie sich selbst Beratung“, sagt Verena Böhm, denn „im Umgang mit den Betroffenen geht es darum, die Balance zwischen Unterstützung, Zuhören, Sicherheit und Klarheit zu wahren“. Das ist nicht immer leicht, denn die Hilflosigkeit treibt zu verschiedenen Versuchen, die Situation in irgendeiner Form zu handeln. Dabei sind Eltern, Partner, Freunde keine Therapeuten – und haben dennoch eine ganz wesentliche Rolle bei der Therapie. „Sagen Sie klar, dass Sie sich Sorgen machen. Aber drängen Sie den Betroffenen zu nichts. Er muss selbst die Entscheidung treffen“, so Böhm, die allerdings auch betont, dass Eltern von minderjährigen Kindern mitunter doch die Entscheidung übernehmen müssen – selbst wenn sich das Kind wehrt. Außerdem gilt: „Setzen Sie Grenzen und unterscheiden Sie zwischen dem Menschen und der Erkrankung“, so Böhm.

Sind die Medien schuld?
Nein. Oder zumindest nicht nur. Bei der Suche nach der Ursache der Magersucht – oder generell bei einer Essstörung – spielen laut Verena Böhm vor allem vier Bereiche zusammen: das familiäre Umfeld, die gesellschaftliche und soziokulturelle Ebene (wo wir bei den Medien wären), persönliche Erfahrungen und die genetische Komponente. Letzteres ist sicherlich am überraschendsten. Doch Studien zeigen, dass die Anorexia nervosa sowohl eine psychiatrische als auch eine Stoffwechsel-Erkrankung sein kann. So fand etwa ein Team der University of North Carolina heraus, dass Personen, die unter Magersucht litten, im Vergleich zu nicht Betroffenen bei jenen Genen Unterschiede aufwiesen, die für die Ess-Motivation zuständig sind und bei der Belohnung nach der Nahrungsaufnahme aktiv werden. Zusätzlich unterscheiden sich Gene, die im Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsel eine Rolle spielen.

Raus aus dem Teufelskreis
Die Ursachenforschung ist für die Therapie von großer Bedeutung. Für die Betroffenen geht es allerdings in erster Linie einmal darum, aus dem Untergewicht herauszukommen, wie Böhm betont: „Man kann sich nicht von einer Essstörung heilen, solange man untergewichtig ist. Das ist sogar wissenschaftlich belegt. Es gibt Studien, die zeigen, dass sich das Mindset nicht ändern kann, solange man unter einem BMI (Body-Mass-Index, Anm.) von unter 18,5 ist.“ Dafür hat man in den Linzer Wohngruppen zwischen 12 und 18 Monaten Zeit. So lange nämlich bleiben die Betroffenen durchschnittlich dort. Für die Zeit danach helfen Böhm und ihr Team dabei, weiterführende Therapien zu finden, denn nach der erfolgreichen Therapie ist vor der langfristigen Heilung. Und Rückfälle gibt es leider. Verena Böhm hält jedoch nichts von der Aussage „Einmal Essstörung, immer Essstörung“. Vielmehr spricht sie von einer „Achtsamkeitsantenne, die sich hin und wieder meldet – mit dem Unterschied, dass man dann weiß: Ich muss mein (Seelen-)Leben nicht mehr übers Essen regulieren.“ Ich selbst kann ihr darin nur zustimmen, denn auch ich habe aufgrund meiner Geschichte einen ganz anderen Zugang zu meinem Körper. Und ja, ich bin achtsamer, bewusster geworden – unter anderem durch meine tägliche Yogapraxis; in gewisser Weise wohl meine Form der Körpertherapie.

Anlaufstellen

Wohngruppen KAYA für junge Menschen mit Essstörungen
2 Standorte in Linz; www.spattstrasse.at

Netzwerk Essstörungen
Innsbruck: www.netzwerk-essstoerungen.at

sowhat. Kompetenzzentrum für Menschen mit Essstörungen
Standorte in Wien, St. Pölten & Mödling; www.sowhat.at

(Selbst-)Hilfe
Eltern, Partner und Freunde können es meist nicht nachvollziehen, warum ein Mensch aufhört zu essen. Das war bei mir nicht anders. Viele haben versucht, mir zu helfen. Doch schlussendlich war es der Schrei nach Selbstliebe, den ich selbst hören musste und den mein Körper vor sieben Jahren so laut ausgestoßen hat, dass mir nichts anderes übrig geblieben ist, als mein Leben komplett zu ändern. Ich habe von einem Tag auf den anderen meine Ernährung umgestellt und tatsächlich angefangen zu essen. Im Nachhinein betrachtet noch die einfachste Sache. Denn an der eigenen Wahrnehmung, an der Achtsamkeit und vor allem an der Selbstliebe arbeite ich nach wie vor – und werde das wohl mein Leben lang tun. Und das ist gut so.

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