Montag, 16. September 2019

Magen-Darmtrakt: Unterschätztes System

12. Mai 2006
Verdaut. Denkt man an Ernährung und damit zusammenhängende Organe, so fallen einem zuallererst Magen und Darm ein. Kein Wunder, ist der Magen-Darmtrakt – nach Mundhöhle und Speiseröhre – das erste Organsystem, das mit der Nahrung in engen Kontakt tritt. Zudem ist der Darm – und das wissen die wenigsten – das größte Abwehrorgan des Körpers, hier befinden sich die meisten Immunzellen. Ist dieses Organsystem jedoch gestört, können mannigfaltige Erkrankungen resultieren: von harmlosen Blähungen über das schwer zu fassende Reizdarmsyndrom bis hin zu chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und Darmkrebs. Es zahlt sich daher aus, auf den Darm und seine "Bewohner" zu achten.

Zwar müssen im Säuglingsalter einige Funktionen von Magen und Darm noch fertig ausreifen – etwa die Bewegbarkeit der Magenmuskulatur oder die zur Stärkeverdauung nötige Enzymaktivität (Amylaseaktivität) im Dünndarm – doch können die wesentlichsten Aufgaben dieses Organsystems recht bald ausreichend erfüllt werden. Magen und Darm bilden einen wichtigen Schutzwall gegen schädliche Substanzen oder unerwünschte Nahrungspartikel. Das saure Milieu im Magen dient unter anderem dazu, Krankheitserreger wie Bakterien und Hefen abzutöten. Der niedrige pH-Wert von etwa 1 wird dabei durch die Salzsäuresekretion der Belegzellen gewährleistet, die nebenbei auch den Intrinsic-Faktor produzieren, der für die Vitamin-B12- Aufnahme nötig ist. Im Alter oder in Folge einer Atrophie der Magenschleimhaut wird weniger Intrinsic-Faktor produziert und damit die Versorgung mit Vitamin B12 verschlechtert. Dies sollte immer auch bei Vorliegen einer Gastritis oder von Magengeschwüren bedacht werden.

Größtes Abwehrorgan des Menschen
Doch sowohl im Hinblick auf die Verdauungsaktivität als auch auf die körperlichen Abwehrfunktionen sind der Darm, und hier besonders der Dickdarm, von noch größerem Interesse. Etwa 1014 Mikroorganismen besiedeln den menschlichen Darm, darunter schätzungsweise mehr als 400 bis 500 unterschiedliche Bakterienspezies. Deren Aufgabe ist es, neben anderen, das Wachstum pathogener Keime zu verhindern. Dies geschieht durch Konkurrenz um Nährstoffe oder Rezeptorstellen in der Darmwand sowie durch Bildung von Stoffwechselprodukten, die das Wachstum von Krankheitserregern behindern.

Info zwischen den Zeilen: Einen Einblick in das Thema Darmgesundhiet und viele Literaturtipps bietet die Ausgabe 6/2005 der "ernährung heute" zum Themenschwerpunkt "Meuterei im Darmtrakt".

Bei der Geburt ist der Darm keimfrei. Doch schon bald bildet sich die typische Darmflora aus, wobei bei ausschließlicher Muttermilchernährung eine Besiedelung überwiegend mit Bifidobakterien (bis zu 99 % der Gesamtflora) erfolgt. Diese überwiegen zwar auch bei Säuglingen, die mit Säuglingsnahrungen ernährt werden, jedoch nicht in so hohem Ausmaß wie bei gestillten Kindern. Beim Übergang zur Mischkost stellt sich allmählich die Darmflora des Erwachsenen ein. Dennoch sind in dieser frühen Lebensphase die Gesamtkeimzahl und das Keimspektrum noch sehr instabil, was unter anderem zur erhöhten Anfälligkeit für Durchfälle und intestinale Infekte in dieser Lebensphase führt. Auch die anfangs noch geringere Säuresekretion des Magens begünstigt die Passage von pathogenen Keimen in untere Darmabschnitte.

Der Darm enthält mehr als zwei Drittel aller Immunzellen und ist somit das größte Immunorgan des Menschen. Die meisten dieser Immunzellen befinden sich im Dickdarm. Nachvollziehbar, dass für ein klagloses Funktionieren dieses Abwehrorgans die Darmflora und ihre bakterielle Zusammensetzung von großer Bedeutung ist. Je nach Zusammensetzung der Nahrung ändert sich die Darmflora, und bekanntermaßen können Antibiotika das Gleichgewicht massiv und merklich stören. Das Wissen um die Einflussfaktoren aus der Nahrung kann daher so manche Beschwerden mildern oder früher zum Abklingen bringen. Insbesondere fermentierbare Kohlenhydrate (Ballaststoffe, resistente Stärke, präbiotische Substanzen) dienen den erwünschten Darmbakterien, vor allem der Bifidoflora, als Substrat und fördern dadurch deren Wachstum.

Sprachrohr der Seele…
…mit diesen Worten wird der Darm gerne bezeichnet. Nicht ganz zu unrecht, denn der Zusammenhang zwischen psychischen Faktoren und dem Gastrointestinaltrakt ist bereits seit langem bekannt. Es ist nachgewiesen, dass Emotionen die Funktion der Darmfunktion bei Gesunden wie Kranken beeinflussen können. Bereits seit den 1990er Jahren stieg die Forschungsaktivität und das Wissen rund um die so genannte "Brain-Gut-Axis", den Zusammenhang zwischen psychischen Faktoren und gastroenterologischen Erkrankungen.

Das zweite Gehirn liegt im Bauch
Morphologische und physiologische Strukturen des Gehirns wie etwa Zelltypen, Transmittersubstanzen oder Rezeptoren finden sich auch im Gastrointestinaltrakt wieder. Das "Bauchhirn" ist demnach keine Einbildung, sondern mittlerweile nachgewiesene Realität, "Neurogastroenterologie" ist der Ausdruck für dieses Forschungs- und Betätigungsgebiet. Psychologische Informationen beeinflussen die gastrointestinalen Funktionen. Wenn also die Kommunikation zwischen "erstem" und "zweitem" (viszeralem) Gehirn gestört ist, führt das zu Beschwerden, die lange Zeit der "Einbildung" zugeschrieben wurden, weil man sie organisch nicht fassen konnte.

Ist die Darmflora im Gleichgewicht, ist es auch der Mensch
Die Zusammenhänge zwischen bakterieller Besiedelung des Darmes und Immunfunktion lassen den Schluss zu, dass das Wohlbefinden des Menschen zu einem großen Teil vom "Wohlbefinden" seiner Darmbakterien abhängt. Sprich, von einem "gesunden" Verhältnis der einzelnen Bakterienspezies untereinander. Wie dieses Verhältnis im Detail aussehen muss, um von einer "optimalen" Darmflora sprechen zu können, ist bisher nicht zur Gänze geklärt. Dazu sind die verfügbaren Bestimmungsmethoden noch zu unausgereift und das Wissen rund um die Darmflora noch lange nicht vollständig. Dass es jedoch von herausragender Bedeutung für die Gesundheit ist, darauf weist alleine die Tatsache hin, dass der Mensch mehr Darmbakterien als Körperzellen besitzt.



Quelle
forum.ernährung heute
www.forum-ernaehrung.at

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