Montag, 19. August 2019

Liebe – so kann sie funktionieren!

Ausgabe 2019.03
Seite 1 von 2

Immer mehr Paarbeziehungen geraten in Schieflage. Warum? Der Wiener Psychiater Dr. Raphael M. Bonelli meint, dass vieles einfacher liefe, wenn Frauen weiblicher und Männer männlicher wären. Gegenseitige Wertschätzung statt Gleichmacherei. GESÜNDER LEBEN bat den Experten zum Gespräch.


Foto: © iStock_ SanneBerg

In den 1990er-Jahren lag es im Trend, die Geschlechterrollen glattzubügeln. Ein Fehler, meint der Wiener Psychiater und Buchautor Dr. Raphael M. Bonelli. Eine glückliche Paarbeziehung lebt von den Gegensätzen der Geschlechter – und gegenseitiger Wertschätzung. GESÜNDER LEBEN bat den Beziehungsexperten zum Gespräch.

Buchtipp

Bonelli buchRaphael M. Bonelli

Frauen brauchen Männer Und umgekehrt. Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters

Kösel, 22 Euro

Der Wiener Psychiater beschreibt anhand von Fallgeschichten aus seiner Praxis, wie moderne Männlichkeit und Weiblichkeit miteinander harmonieren können. Seine Botschaft: Beides sind Talente, die man zum Nutzen der Beziehung entfalten oder zu ihrem Schaden verkümmern lassen kann.

Herr Dr. Bonelli, lange hieß es, um den Titel eines Bestseller-Ratgebers aus den 90er-Jahren zu zitieren, Männer seien vom Mars und Frauen von der Venus. Ist diese Behauptung noch aktuell?
Nein. Früher kamen Paare in meine Praxis, weil sie zu weit voneinander entfernt waren – tatsächlich wie auf zwei verschiedenen Planeten. Heute ist das Problem, dass sich bildlich gesprochen beide auf dem Mond befinden, also sich selbst nicht mehr kennen. Die Geschlechter sind zu sehr aneinandergerückt, dadurch leidet der Eros. Das ist die unbewusste Anziehung, die uns zu einer anderen Person hinzieht und die vor allem von der Magie der Unterschiede lebt.

Das klingt aber eigentlich gar nicht so schlecht, dass sich die Geschlechter einander annähern …
Problematisch wird es dann, wenn sich Männer und Frauen gleichgeschaltet erleben und den Zugang zu ihrer eigenen Männlichkeit und Weiblichkeit nicht mehr finden. Gerade in den letzten Jahrzehnten haben sich die klassischen Rollen der Geschlechter aufgelöst. Politik und Gesellschaft versuchen, alle Unterschiede zwischen Männern und Frauen wettzumachen. Verstehen Sie mich nicht falsch – die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau, auch im Hinblick auf ihr persönliches und berufliches Entfaltungspotenzial, ist natürlich richtig und wichtig. Aber gleichzeitig gibt es naturwissenschaftlich bewiesene Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern, die man nicht einfach ignorieren kann. Männer und Frauen sind gleichwertig, aber nicht gleichartig.

Was sind laut Studienergebnissen typisch männliche und typisch weibliche Eigenschaften?
Die Gruppe der Frauen ist im Schnitt wesentlich empathischer als die Gruppe der Männer. Frauen besitzen also mehrheitlich viel mehr Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Die soziale und die emotionale Kompetenz ist, statistisch gesehen, bei Frauen ausgeprägter als bei Männern. Diese besitzen hingegen wiederum höhere emotionale Stabilität, sind psychisch und physisch stärker und denken sachlicher und analytischer. Im 19. Jahrhundert ging der Biologismus davon aus, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau von Natur aus vorgegeben sind – eine totale Schwarz-Weiß-Ansicht. Der Genderismus im 20. Jahrhundert war die Gegenreaktion dazu. Er besagt, dass wir alle quasi geschlechtslos auf die Welt kommen und erst durch gesellschaftliche Einflüsse zu Mann und Frau werden. Heute wissen wir dank der Erkenntnisse der Gendermedizin, dass Männer und Frauen durchschnittlich sehr verschieden sind, unterschiedliche Fähigkeiten und Defizite besitzen und sich sehr gut ergänzen können. Wenn sie sich jedoch völlig gleich wahrnehmen, tut das Beziehungen nicht gut.

In Ihrem Buch „Frauen brauchen Männer und umgekehrt“, erklären Sie anhand von Fallbeispielen aus der Praxis, warum uns das nicht guttut. Im Fokus sind die Millennials.
Richtig. Diese Generation der zwischen 1980 und 1999 Geborenen ist genau in dieser gesellschaftlichen Haltung aufgewachsen. Die Unterschiede von Frauen und Männern wurden gerade in den 90er-Jahren glattgebügelt. Und so tun sich junge Männer und Frauen heute schwerer, ihre Identität auszuleben und sich auf Augenhöhe zu begegnen. Statt Kooperation gibt es Konkurrenz. So wird Harmonie schwierig. Die amerikanische Psychologin Jean Twenge hat das auch in vielen Studien belegt: Millennials sind viel besser ausgebildet als die Generationen davor und klettern die Karriereleitern hoch. Doch sie haben weniger stabile Beziehungen, weniger Kinder und auch weniger Sex als ihre Vorgenerationen.

In „Frauen brauchen Männer und umgekehrt“, zitieren Sie einen Fall, der zum Auslöser für Ihr Buch wurde.
Es war wie eine Art Aha-Erlebnis. Eine junge Frau, Julia A., beruflich sehr erfolgreich, kam zu mir, um über Beziehungsprobleme zu sprechen. Sie ist Top-Managerin, arbeitet bis zu 80 Stunden pro Woche, sorgt zum größeren Teil für das Familieneinkommen. Ihr Mann zu Hause zeigt Verständnis für ihre Karriere und reagiert rücksichtsvoll, überlässt seiner Frau alle Entscheidungen. Nach mehreren Sitzungen kamen wir auf das Grundproblem. Sie sagte ihrem Mann: ‚Du bist mir zu wenig männlich.‘ Und er antwortete: ‚Wie soll ich denn männlich sein, wenn du zu wenig weiblich bist?‘

Was ist daran falsch, dass in diesem Fall die Frau Karriere macht und der Mann empathisch ist?
Nichts ist falsch daran, wenn beide genau das wollen. Es sollte nur nicht so sein müssen. Gesellschaftlich wird aber genau das propagiert. So hörte Frau A. von klein auf von ihrer Mutter, dass es als Frau wichtig sei, Karriere zu machen und unabhängig zu sein. In meiner Praxis sagt sie schließlich: „Vielleicht will ich gar nicht Vorstandsmitglied sein, sondern zu Hause sein und Kinder haben?“ Und im nächsten Moment: „Schrecklich, was ich da erzähle. Ich verrate mein Weltbild. So etwas würde ich öffentlich nie sagen.“

Übersicht zu diesem Artikel:
Seite 1 Liebe – so kann sie funktionieren!
Seite 2 Geschlechterrollen

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